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Aus: Ausgabe vom 13.04.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Fotografie

Menschliche Selbstbehauptung

Monographie von Nihad Nino Pusija zeigt, dass der Künstler mehr als »nur« ein Fotograf der Roma
Von Matthias Reichelt
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Verbindung zwischen den Kulturen: Die 1566 erbaute »Stari Mosta« in Mostar in Bosnien und Herzegowina vor ihrer Zerstörung im Krieg 1993 (1986)

Ein Sprung von der berühmten Brücke in Mostar im Vorkriegsjugoslawien der 1980er Jahre eröffnet die fotografische Reise von Nihad Nino Pusija. Das Bildnis des früheren Staatspräsidenten Josip Broz, genannt Tito, an der Backsteinmauer eines Hauses, vor dem die Brückenspringer in die Tiefe hechten und für den Bruchteil einer Sekunde leicht wie Schwalben zu schweben scheinen, ist Symbol einer Zeit, in der das multiethnische Land geeint schien. Weiter hinten im Erzählstrom der Bilder tauchen Porträts von Tito sowohl im Hintergrund einer Party mit tanzenden Menschen sowie in einer Bäckerei auf – nicht unbedingt als Idol, sondern als Repräsentant einer unbeschwerten Zeit, die ihr Ende in tödlicher Feindschaft fand.

Die ersten Fotografien erinnern an das friedliche Nebeneinander heute getrennter und verfeindeter Staaten, an ein Land, das die Kindheit und Jugend des 1965 in Sarajewo geborenen Fotografen prägte. Später musste er Szenen der Zerstörung festhalten, die sich nicht nur in der städtischen Architektur, sondern auch in den Gesichtern und Körpern der Menschen zeigt. Pusijas Bilder aus dem in Bosnien brutal geführten Bürgerkrieg im Jahr 1992 bilden eine Etappe der erzwungenen Migration über viele Stationen der Balkanroute, die ihn letztlich wie viele andere auch nach Berlin führte. Dort dokumentierte er viele geflüchtete Familien, darunter auch Angehörige der Roma, wie er selber. Gern wird sein Werk auf dieses Thema reduziert, obgleich Pusija sich mit seiner Kamera einer großen Themenvielfalt widmet, in der ein roter Faden erkennbar ist: Sein Interesse an der Selbstbehauptung von Menschen gegen Unterdrückung und falsche Moralvorstellungen. Das hat ihn zum Beispiel auch auf und hinter die Bühne von Dragqueens und queeren Menschen geführt, die mit Phantasie und Humor gegen ein heteronormatives Weltbild rebellieren. Über 30 Jahre umspannt seine erste Monographie, in der sich die eigene Biographie spiegelt und sich gleichzeitig sein dokumentarisch-künstlerisches Bild- und Erkenntnisinteresse abzeichnet.

Nihad Nino Pusijas Auge ist mit wenigen Ausnahmen auf die Abgründe menschlichen Daseins gerichtet. Die traurige Verzweiflung derjenigen, die auf Ablehnung stoßen und ihres als Heimat verstandenen Landes aufgrund ethnischer und religiöser Zugehörigkeit verwiesen wurden, ist eindrücklich visualisiert. Erkennbar ist aber auch ihre Würde, mit der sie den widrigen und von Menschen verursachten Umständen begegnen, ihnen trotzen und einen Funken Hoffnung bewahren. Das resultiert bei einigen in emanzipatorischer Politik, bei anderen in neuer Religiosität.

Auch in Berlin wird Pusija mit seiner Kamera fündig und entdeckt Nischen in der Stadt, wo die Leere asphaltierter Plätze durch Brandmauern merkwürdig abgezirkelt erscheint. Der Fotograf fixierte auch letzte Spuren des für die DDR historisch bedeutenden »Palasts der Republik« kurz vor dem endgültigen und aus ideologischen Gründen beschlossenen Abriss. Die Betonsäulen erscheinen wie Menetekel eines Wandels mit negativen Vorzeichen. Veränderung ist wichtig, aber das Neue nicht immer besser.

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    Josip Broz, genannt Tito: Der Präsident der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien als Repräsentant einer unbeschwerten Zeit, im Hintergrund einer Berliner Party (2002)
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    Pusijas Heimatstadt Sarajevo im heutigen Bosnien und Herzegowina und dessen Einwohner vom Krieg gezeichnet (1996)
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    Würdevoll trotz der von Menschen verursachten widrigen Umstände: Mihaela Dragan und Branko Mitrovic aus Sremski Karlovci in Serbien (2016)
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    Auch Pusijas Weg führte über die Balkanroute nach Berlin. Dort dokumentierte er das Leben anderer Geflüchteter wie hier in Berlin-Kreuzberg (1996)
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    Fotografisches Interesse an der Selbstbehauptung von Menschen gegen Unterdrückung und falsche Moralvorstellungen. Die Dragqueen Kenny im Berliner Club SO36 (1996)
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    Kurz vor dem ideologisch motivierten Abriss: Die Treppenhäuser des »Palasts der Republik«, dem ehemaligen Sitz der Volkskammer in der DDR, zeigten noch einige Zeit mahnend in den Himmel Berlins (2008)

Nihad Nino Pusija: Down there where the spirit meets the bone. Hrsg. von Lith Bahlmann und Matthias ­Reichelt. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2018, 296 Seiten, 38 Euro

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