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Aus: Ausgabe vom 13.04.2019, Seite 6 / Ausland
Kurzreportage aus Damaskus

Versorgung in Syrien dramatisch schlecht

Bevölkerung infolge von Krieg auf Kinderarbeit und Angehörige im Ausland angewiesen
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Ein Junge bietet im Stau stehenden Lkw-Fahrern Zigaretten zum Verkauf an (nahe Al-Bab, 12.1.2017)

Scheu steht der Knirps vor der Rezeption eines kleinen Familienhotels im Zentrum von Damaskus. »Darf ich mal telefonieren?« In der Hand hält er eine Tüte mit bestelltem Essen für einen Hotelgast. Er sei so schnell gelaufen, dass er nicht bemerkt habe, wie die Rechnung mit der Zimmernummer und dem Namen des Gastes davongeflogen sei. Er müsse im Restaurant nachfragen. Geduldig wählt der Hotelangestellte an der Rezeption die Nummer und hält dem Jungen den Hörer hin. Noch einmal erzählt der von seinem Missgeschick, wiederholt dann gewissenhaft Zimmernummer, Name und die Rechnungssumme und flitzt die steile Treppe hinauf, um das Essen abzuliefern.

Als er wieder herunterkommt, spricht der Rezeptionist ihn an und fragt, wie alt er sei und ob er nicht in die Schule gehe. Zehn Jahre sei er, wohne nicht weit entfernt und gehe in die Schule. Nach dem Unterricht arbeite er, weil er seiner Mutter und seinen zwei Geschwistern helfen müsse. Er sei der Älteste und trage Essen an Kunden des Restaurants aus. Mit klaren Worten schildert der Junge seine Lage und wirkt dabei viel älter als zehn. Dann entschuldigt er sich, dreht sich um und läuft die Treppe hinunter. Der Rezeptionist sieht ihm nachdenklich nach, dann beugt er sich tief zu seinem Schreibtisch hinunter und verbirgt sein Gesicht in den Armen. Als er wieder aufsieht, sind die Augen voller Tränen. »Entschuldigung«, murmelt er und zündet sich eine Zigarette an. »So etwas hatten wir früher einfach nicht. Kinder, die arbeiten, anstatt ihre Kindheit zu genießen.« Nach dem Vater habe er den Jungen nicht fragen wollen.

Früher standen Schule und Freizeit für Kinder und Jugendliche in Syrien an erster Stelle. Für den Lebensunterhalt war ihre Mitarbeit nicht nötig, die Versorgung war günstig. Syrien war Selbstversorger mit Gemüse, Obst und Getreide. Niemand litt Hunger, jeder hatte ein Dach über dem Kopf, auch wenn es noch so einfach war. Die lange Dürrezeit, die vielen Bauern die Existenz gekostet hatte, hoffte man vor dem Krieg überwunden zu haben. Entwicklungsprojekte sollten die Wasserversorgung modernisieren, die Landwirtschaft sollte dem veränderten Klima angepasst werden. Der Tourismus boomte, internationale Unternehmen investierten, Arbeitsplätze wurden geschaffen, Geschäftsleute, Forscher, Studenten und Besucher aus aller Welt kamen ins Land, das sich bereitwillig öffnete.

Nach acht Jahren Krieg ist das anders. Syrien wird vom Westen und dessen arabischen Verbündeten isoliert, der wirtschaftliche Wiederaufbau wird blockiert. Die zivile Infrastruktur, Fabriken, Geschäfte wurden zerstört, Arbeitsplätze gingen verloren, Wohnungen entlang der Frontlinien mussten verlassen werden, Häuser wurden zerstört. Männer allen Alters – ihre Rolle ist die des Ernährers und Beschützers der Familie – wurden arbeitslos, starben, wurden getötet, verschwanden oder wurden schwer verwundet.

Heute gebe es bei ihm zu Hause viermal im Monat Huhn und zwei Kilogramm Fleisch, erklärt der Rezeptionist, der mit seiner Rente und dem Gehalt des Hotels zwei Einkommen hat. »Früher haben wir Huhn und Fleisch dreimal so oft im Monat kaufen können.« Einer kürzlich veröffentlichen Studie der Arbeitergewerkschaft zufolge braucht eine fünfköpfige Familie im Monat etwa 325.000 Syrische Pfund (SYP), um sorglos leben zu können. Umgerechnet sind das etwa 540 Euro. Vor dem Krieg hatte das Syrische Pfund das Zehnfache des heutigen Wertes. Staatliche Angestellte, Lehrer, Ärzte in staatlichen Krankenhäusern erhalten nicht mehr als den Mindestlohn von 45.000 oder 50.000 SYP, etwa 83 Euro. Die meisten haben einen weiteren Job, und in ärmeren Familien müssen auch die Kinder arbeiten.

»Ohne Hilfe von Angehörigen im Ausland, die monatlich etwas Geld schicken, wäre das Leben für viele Menschen kaum erträglich«, sagt der Rezeptionist. Der Krieg ist zwar – bis auf in Idlib und Teilen des Nordostens – vorbei, doch die Lage ist schwierig. Mögliche Ersparnisse reichen kaum. Bis auf das Brot, dessen Preis sich »nur« verfünffacht hat, kostet alles heute mindestens zehnmal so viel wie vor dem Krieg.

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