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Aus: Ausgabe vom 11.04.2019, Seite 15 / Medien
Mordfall Chaschukdschi

Retourkutsche der Saudis

Sicherheitschef überzeugt: Riads Geheimdienst hat private Affäre von Washington-Post-Besitzer an US-Klatschblatt durchgestochen
Von Gerrit Hoekman
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Frühlingsgefühle eines Großkapitalisten öffentlich ausgewalzt: Jeffrey Bezos bekam langen Arm Riads zu spüren

Amazon-Chef Jeffrey Bezos ist seit Januar einer Kampagne des National Enquirer ausgesetzt. Genüsslich breitet das wöchentlich erscheinende US-Klatschblatt (Auflage: eine Million) Details aus Bezos’ Liebesleben mit der Fernsehmoderatorin Lauren Sánchez aus. Delikat: Beide sind verheiratet – allerdings nicht miteinander. Bis zur Veröffentlichung wussten ihre Ehepartner anscheinend nichts von der Affäre.

Die Informationen des National Enquirer (oft kurz Enquirer – Fragesteller – genannt), schienen dabei so privat, dass sich alle fragten, woher sie wohl stammen. Allen voran Multimilliardär Bezos, der den Sicherheitsfachmann Gavin de Becker beauftragte, das Leck zu finden. Beide arbeiten seit 22 Jahren zusammen – eine Zeit, in der Bezos vom Unbekannten zum angeblich reichsten Menschen der Erde aufstieg. De Beckers Profis fanden schnell heraus: Michael Sánchez, der Bruder der Fernsehmoderatorin, hatte gegen Geld aus dem Nähkästchen geplaudert.

Allerdings machte die Sicherheitsleute stutzig, dass sich der Enquirer nicht sehr viel Mühe gemacht hatte, den Informanten zu schützen. Im Gegenteil streute er immer wieder eindeutige Hinweise. Sie entdeckten dabei auch, dass offenbar nicht der Bruder an das Blatt herangetreten war, sondern die Redaktion soll sich zuerst bei ihm gemeldet haben. Anscheinend hatte der Enquirer bereits Wind von der Affäre bekommen. Doch woher?

Dann der Knaller: »Unsere Ermittler und verschiedene Experten kommen zu dem ziemlich sicheren Ergebnis, dass die Saudis Zugang zu Bezos’ Telefon hatten und die privaten Informationen erhielten«, schreibt de Becker am 30. März in einem Beitrag für The Daily Beast. Er habe mit Nahostexperten gesprochen und Hackern, die sich mit der saudischen Spionagesoftware auskennen. Whistleblower aus dem reaktionären Wüstenkönigreich seien kontaktiert worden und Personen aus dem Umfeld von Kronprinz Mohammed bin Salman. »Wir haben unsere Schlüsse nicht leicht gezogen«, versichert de Becker.

Die Abhörmaßnahme habe im vergangenen Oktober begonnen, ungefähr zu dem Zeitpunkt als die Washington Post gegen Kronprinz Mohammed als vermutlichen Drahtzieher hinter dem Mord an dem Journalisten Dschamal Chaschukdschi (engl. Jamal Kashoggi) recherchierte. Der Journalist war bekanntlich Autor der Washington Post – und die gehört seit 2013 Bezos.

Ohne Frage wäre das für Riad ein Motiv für eine kleine Machtdemonstration. »Im Oktober ließ die saudische Regierung ihre Cyberarmee auf Bezos und später mich los«, sagte de Becker bei The Daily Beast. Die Kampagne habe Boykottaufrufe von vermeintlichen Internetaktivisten gegen Amazon und dessen saudiarabischen Ableger Souq (Markt) beinhaltet. »Wir als Saudis werden nie akzeptieren, morgens von der Washington Post angegriffen zu werden, nur um abends die Produkte von Amazon und Souq zu kaufen«, zitiert Bezos’ Sicherheitsmann aus einem Aufruf.

Immer wieder sei zudem die Kritik an Bezos antisemitisch untermauert worden: »Merkwürdig, dass alle drei Firmen (Amazon, Souq und Washington Post, jW) demselben Juden gehören, der uns am Tag attackiert und uns abends Produkte verkauft«, hieß es laut de Becker im Internet. Zwar ist Bezos kein Jude, am Antisemitismus dieser Verbalattacken ändert das nichts.

Bleibt die Frage: Warum sollen die sittenstrengen Prinzen die intimen Details ausgerechnet an ein Revolverblatt weitergegeben haben? Mögliche Antwort: Das Blatt ist skrupellos genug, so eine Geschichte zu bringen. Zudem ist Herausgeber David Pecker sowohl mit Kronprinz Mohammed als auch mit Donald Trump gut bekannt – der wiederum die saudische Herrscherfamilie zu seinen Freunden zählt.

Im März 2018 brachte Peckers Verlag American Media (AMI) ein 100 Seiten starkes Hochglanzmagazin über Saudi-Arabien heraus mit dem Titel »Das neue Königreich«. Darin wird der mittelalterlich denkende Kronprinz als Modernisierer und Friedensstifter gefeiert. Angeblich hatte AMI der saudischen Botschaft das Heft drei Wochen vor der Veröffentlichung zur Begutachtung vorgelegt. Saudi-Arabien verneint das und beteuert, mit der Bezos-Affäre nichts zu tun zu haben.

Verleger Pecker kann offenbar auch anders: Während des letzten Wahlkampfs kaufte AMI für 150.000 Dollar die Exklusivrechte an der Geschichte der Schauspielerin Karen McDougal, die behauptet eine Affäre mit Donald Trump gehabt zu haben. Doch diese Story ließ der Enquirer in der Schublade verstauben. Das Blatt machte keinen Gebrauch von seinem Exklusivrecht – und einer anderen Zeitung durfte McDougal nichts erzählen. Diese Methode ist in der Medienwelt als »Catch and Kill« bekannt.

Im Februar 2018 ging die Schauspielerin aber dann doch an die Öffentlichkeit und klagte gegen AMI. Im vergangenen Dezember machte die Staatsanwaltschaft in New York dem Verlag das Angebot, die Ermittlungen einzustellen, wenn AMI zugibt, die 150.000 Euro »hauptsächlich« gezahlt zu haben, um die Geschichte vom Markt zu nehmen. Der Verlag willigte ein.

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