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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 5 / Inland
Stellenabbau

Bayer erntet Sturm

Chemiekonzern baut bundesweit 4.500 Arbeitsplätze ab. Monsanto-Übernahme schrumpft Börsenwert
Von Ralf Wurzbacher
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Protestler gegen Monsanto-Übernahme von Bayer behielten Recht (18.4.2017)

Bayer fährt die erste Ernte der Monsanto-Übernahme ein. Deutschlands führender Pharma- und Chemiekonzern will insgesamt 12.000 seiner weltweit 118.000 Mitarbeiter vor die Tür setzen. Allein hierzulande stehen 4.500 Arbeitsplätze auf der Abschussliste. Auf das Kahlschlagprogramm hätte sich der Vorstand mit Beschäftigtenvertretern verständigt, berichtete am Dienstag die Deutsche Presseagentur (dpa) unter Berufung auf »informierte Kreise«. Gestern wurden demnach die Belegschaften der deutschen Standorte in einem Brief über das Vorhaben in Kenntnis gesetzt. Auch im Streifall Glyphosat will Bayer in die Offensive gehen. Am Montag veröffentlichte das Unternehmen 107 Studienberichte, die angeblich die Sicherheit des unter Krebsverdacht stehenden Unkrautvernichters belegen sollen.

Mitte 2018 hatte Bayer den US-Agrarriesen Monsanto für die Rekordsumme von 63 Milliarden Euro geschluckt. Die Fusion entpuppt sich inzwischen als ziemlich verheerend, weil der einstige Kassenschlager Glyphosat die Bilanzen nachhaltig zu verhageln droht. Erst vor wenigen Tagen hatte das Bundesbezirksgericht in San Francisco die Leverkusener dazu verdonnert, einem Kläger Schadensersatz in Höhe von 80,3 Millionen Dollar zu zahlen, weil dieser durch den langjährigen Kontakt mit dem glyphosathaltigen Herbizid »Roundup« an Lymphdrüsenkrebs erkrankt sei. Ein Schmerzensgeld ähnlicher Größenordnung hatte im vergangenen Spätsommer der ebenfalls an Krebs erkrankte Hausmeister Dewayne Johnson zugesprochen bekommen.

Wenngleich Bayer das Urteil anfechtet, könnte die Affäre zu einem Finanzdesaster heranwachsen. Insgesamt sind in den USA 11.200 Klagen in der Sache anhängig. Das Portal Börse online hat die Risiken hochgerechnet: Unterläge Bayer nur in jedem fünften Prozess, würde sich der Schaden auf 160 Milliarden Euro belaufen. Demgegenüber habe der Konzern bloß 4,1 Milliarden Euro für Rechtskosten zurückgestellt und »noch keinen einzigen Cent« zur Begleichung von Schadensersatzforderungen. Bei solchen Aussichten laufen die Anleger in Scharen davon. Der Börsenwert des Dax-Unternehmens liegt mit knapp 52 Milliarden Euro mittlerweile deutlich unter dem Kaufpreis für Monsanto. In der ersten Jahreshälfte 2018 notierte die Aktie noch bei über 100 Euro, Ende März waren es noch knapp über 56 Euro. Gleichwohl tönte Vorstandschef Werner Baumann noch vor zwei Wochen gegenüber dem Managermagazin, das Geschäft »war und ist eine gute Idee«.

Für die Beschäftigten gilt das mit Sicherheit nicht. Nach Angaben des Wirtschaftsdienstes Bloomberg stehen in Deutschland 3.000 Stellen in der Verwaltung und im Bereich Informationstechnologie zur Disposition. 1.000 weitere sollen in anderen Sektoren wie etwa in der Forschung gestrichen werden. Bis 2021 werde der Jobabbau abgeschlossen sein, mit dem rund 14 Prozent der bundesweit 32.000 Beschäftigten wegzurationalisieren sind. Bauer hatte bereits Ende 2018 angekündigt, im globalen Maßstab 12.000 Arbeitsplätze zu vernichten, davon 4.100 als »Synergieffekte« aus der Monsanto-Übernahme. Insgesamt soll das Maßnahmenpaket ab 2022 jährliche Mittel von 2,2 Milliarden Euro generieren.

Bis gestern war noch unklar, in welchen Maß Deutschland betroffen sein wird. Die Konzernführung wollte sich nicht zu den Berichten äußern, womit weiterhin offen bleibt, wie sich die Kürzungen auf die inländischen Standorte verteilen. Als sicher gilt dagegen, dass es – anders als im Ausland – keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird. Ein jüngst erst mit dem Konzernbetriebsrat ausgehandeltes »Zukunftssicherungsprogramm« schließt dies bis zum Jahr 2025 aus. Statt dessen soll der Aderlass auf dem Weg von Abfindungen, Altersteilzeit und der üblichen Fluktuation vonstatten gehen. So will man etwa Mitarbeiter unter 57 Jahren mit der Zahlung von 63 Monatsgehältern zum freiwilligen Abgang bewegen.

Petra Reinbold-Knape, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), unterstrich am Dienstag gegenüber jW, »wie wertvoll und wichtig« die getroffene Vereinbarung sei. Diese bedeute »die maximale Sicherung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern«. Gemeinsam mit dem Betriebsrat werde man die weiteren Schritte »genau prüfen« und es »nicht zulassen, dass strukturelle Einsparungen zu Leistungsverdichtung führen. Wenn Stellen wegfallen, müssen auch die Aufgaben wegfallen.«