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Wer braucht schon Rechte?

Von Rafik Will
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Dem Wunsch der anonymen DLF-Hörerin wird bereits nachgekommen: An Europas Grenzen sind die Menschenrechte außer Kraft (Nigerianer vor ihrer Abschiebung durch libysche Sicherheitskräfte, Februar 2018)

Zum 70. Jubiläum der De-­facto-Verfassung der BRD hat man sich beim Deutschlandfunk ein besonderes Format ausgedacht. An der Reihe »Mein Grundgesetz« kann sich die Hörerschaft beteiligen, seit Mitte März werden telefonisch abgegebene Statements und ein zugehöriger Grundgesetzartikel ausgestrahlt. Pro Tag kommt einer dieser Kurzbeiträge, eingeflochten ins laufende Programm. Der Sender schreibt dazu im Netz: »Welches Verhältnis haben die Deutschen zu ihrer Verfassung? Sind Sie stolz? Wir möchten es herausfinden.« Auffällig ist hier der Wechsel von der dritten Person Plural zur direkten Höreransprache in der zweiten. Damit wird unausgesprochen die Gruppe der Personen, deren Meinung vom DLF als relevant erachtet wird, auf »die Deutschen« beschränkt. Das hat einen exklusiven Beiklang, der auch nicht verschwindet, wenn man annimmt, dass die deutschen Staatsangehörigen gemeint sind. Die im Grundgesetz festgehaltenen Menschenrechte gelten schließlich für alle.

Wenn man so will, ist die Reihe also nur für Deutsche entworfen. Und die stellen auch wie gefordert die Grundgesetzartikel zur Debatte. Was dabei herauskommt, kann man im DLF-Onlineangebot nachhören. Zum Beispiel meldete sich am 21. März eine Hörerin zum Artikel 16a, Absatz 1 (»Politisch Verfolgte genießen Asylrecht«) zu Wort. Sie sagte, man habe jetzt schon genug Ausländer reingelassen, und der Artikel sei »restlos zu ändern«. Restlos ändern bedeutet natürlich abschaffen. Die Ausstrahlung einer solchen Aussage im öffentlich-rechtlichen Radio gibt zu denken. Genauso wie das »Pro und Contra« zum Artikel 16a, das dadurch entstand, dass die Redaktion tags darauf den Beitrag einer Hörerin sendete, die denselben Artikel verteidigte. Faschismus ja oder nein? Brauchen wir überhaupt ein Grundgesetz? Rufen Sie uns an, Ihre Meinung ist uns wichtig!

Dem Wunsch der ersten Hörerin nach weniger Ausländern wird ohnehin schon durch die deutsche und europäische Abschottungspolitik nachgekommen. Und so wird Europas Außengrenze immer weiter verschoben. Mittlerweile verläuft sie schon in der Sahelzone. Bettina Rühl hat sie besucht:  »Agadez, Niger – Europas Grenzposten in Westafrika« (DLF/WDR 2019; Di., 19.15 Uhr, DLF).

Mit den Parallelen, die die deutsche Gegenwart zu den frühen 30ern aufweist, beschäftigt sich Tomasz Konicz in seinem Vortrag »Faschismus im 21. Jahrhundert« (Mi., 8 Uhr, FSK), mit dem er sein gleichnamiges Buch vorstellt. In der neuen Konkret schreibt er über die deutsch-französischen EU-Umbaumaßnahmen, während in derselben Ausgabe Herausgeber Hermann L. Gremliza schon mal die Auswanderung empfiehlt. Die guten Gründe für diese Empfehlung kann man in der vertonten Kolumne »Konkret goes FSK« (Mi., 22 Uhr, FSK) nachhören.

Auf und davon machen sich die beiden jugendlichen Ausreißer Maik und Tschick in der Hörspielfassung von Wolfgang Herrndorfs Roman »Tschick« (NDR 2011; Mi., 20 Uhr, NDR Kultur). Ruth Johanna Benrath unternimmt eine sprachspielerische Auseinandersetzung mit der Wiener Schriftstellerin Elfriede Gerstl (1932–2009) in »Geh Dicht Dichtig!« (ORF/BR 2019; Ursendung Fr., 21 Uhr, Bayern 2). Und abtauchen kann man mit Olaf Karniks und Volker Zanders »Into the Deep – Eine lange Nacht über die Tiefe in der Musik« (DLF Kultur/DLF 2019; Sa., 0 Uhr, DLF Kultur und 23 Uhr, DLF). Eine Geschichtsstunde in Sachen ostdeutsches Verlagswesen nach dem Krieg bietet Uta Beiküfners »Eine Amerikanerin in Ostberlin: Edith Anderson« (MDR 2008; Sa., 9 Uhr, RBB Kulturradio und MDR Kultur), und Lothar Trolle greift für  »Jona« (SWR 2016; Sa., 15 Uhr, Bayern 2) auf ein Romanfragment von Inge Müller zurück.

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