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Aus: Ausgabe vom 09.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Eskalation des Verbrechens

Chronik eines Überfalls (Teil 17), 9.4.1999: Angriff mit Uranmunition
Von Rüdiger Göbel
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Sie wissen nicht, was sie tun: Der von einem NATO-Urangeschoss zerstörte Panzer strahlt noch lange nach dem Einschlag (Kosovo, Juli 1999)

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Jeder Krieg eskaliert irgendwann. Die NATO greift Jugoslawien jetzt auch mit Massenvernichtungswaffen an. Als solche sind von der UNO Geschosse mit abgereichertem Uran qualifiziert, mit denen das Land verseucht wird. Vom italienischen Luftwaffenstützpunkt Aviano steigen US-amerikanische A-10-Thunderbolt-Flugzeuge auf und bringen die noch auf Generationen hin tödliche Last. Die sogenannten Warzenschweine sind speziell für den Erdkampf gegen Panzer, Truppenkonzentrationen und Stellungen konstruiert. Neben Maverick-Raketen und konventionellen Bomben feuern die zweistrahligen Maschinen auch bis zu 4.000 schwach strahlende und hochtoxische Urangeschosse pro Minute aus der GAU-8A-Kanone mit ihren acht 30-Millimeter-Läufen.

Der Dokumentarfilmer und Autor Frieder Wagner berichtet in seinen Filmen »Deadly Dust – Todesstaub« (2007) und »Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra« (2003) über die grausamen Folgen der Kriegführung mit DU-Munition und über die Vertuschungsstrategie der Militärs, der Industrie und von Regierungen, aber auch jener der Medien und der Politik. Er hat u. a. mit dem deutschen Arzt Siegwart-Horst Günther (1925–2015) zusammengearbeitet, der sich den Kampf gegen Uranmunition zur Lebensaufgabe gemacht und mehrfach auch in der jW berichtet hat. 1995 hatte Günther Teile der von den USA im Irak-Krieg verschossenen Munition zur Analyse nach Berlin gebracht. Drei Labore bestätigten die nachhaltige radioaktive Gefahr, die von Urangeschossen ausgeht. Günther wurde derweil von deutschen Behörden verhaftet. Vorwurf: »Unerlaubter Waffenbesitz und Verbreitung von radioaktivem Material.«

Im Wiener Promedia-Verlag ist von Frieder Wagner gerade das Buch »Todesstaub – Made in USA. Uranmunition verseucht die Welt« erschienen. Er zitiert eine Studie der britischen Atomenergiebehörde aus dem Jahr 1992, wonach beim Einsatz von 40 Tonnen DU-Munition in bewohnten Gebieten bis zu 500.000 Todesopfer durch radioaktive Verseuchung zu erwarten sind. Im Irak haben die USA 1991 allein 320 Tonnen dieser Munition eingesetzt. Wagner fragt: »Wie furchtbar mögen also die Folgen der Uranwaffen in Bosnien (1995), in Jugoslawien (1999), Afghanistan (2001) und im zweiten Irak-Krieg (2003) sein, wo insgesamt circa 2.200 Tonnen eingesetzt wurden?« Dem Buch liegt die DVD »Deadly Dust – Todesstaub« bei. Der berufliche Preis für Frieder Wagner ist hoch: Nach dem Film über die Auswirkungen von Uranmunition im Irak und in Jugoslawien hat der Grimme-Preisträger keine Aufträge mehr bekommen.

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Die verbrecherischen NATO-Angriffe mit DU-Munition korrespondieren mit dem »rot-grünen« »Labern über Menschenrechte«, über das sich der Liedermacher Franz Josef Degenhardt im Gastkommentar auslässt: »Wer Menschenrecht sagt, sollte immer durchblicken lassen, welche Rechte welcher Menschen er meint: die der verelendeten asiatischen und afrikanischen Massen, die der lohnlosen lohnabhängigen russischen Massen, die der arbeitslosen appalachischen Miner, die der Rebellen in Chiapas oder die der Mitglieder der neuen Mitte und ihrer Helden, der Armani-Klamotten tragenden Parvenus, die nun mal in der ›westlichen Welt‹ Regierungsfunktionen ausüben dürfen.«

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