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Aus: Ausgabe vom 06.04.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Ultraorthodoxe in Israel

Nur Gottes Krieger

Ultraorthodoxe in Israel haben mit ihrem Kampf gegen die Wehrpflicht die Politik erschüttert. Wer sie sind, was sie wollen und warum sie diese Macht haben
Von Paul Huemer
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Standhaft gegen die allgemeine Wehrpflicht: Ultraorthodoxer Protest in Jerusalem (8.3.2018)

»Was bedeutet Ihnen der Zionismus Menahem?« – »Nichts!« antwortet er bevor die Frage überhaupt fertig gestellt werden konnte. »Er ist nichts weiter als eine große Lüge!« Meinem Übersetzer, ein ehemaliger Soldat der israelischen Streitkräfte, kann man seinen Unmut sichtlich anmerken. Nicht oft wird man in diesem Land mit einer solchen Aussage konfrontiert. Vor allem nicht, wenn sie von einem jüdischen Israeli kommt. Doch Menahem Furgs gehört zu einer besonderen Gemeinschaft von Jüdinnen und Juden. Einer Gruppierung, die nach einer langen Zeit voller Vorbeben die Regierung endgültig zum Einsturz brachte.

Rund 60 Kilometer östlich von Tel Aviv, wo Regenbogenfahnen das Straßenbild zieren und ein Startup nach dem anderen aus dem Boden schießt, liegt das Epizentrum dieses politischen Erdbebens, Jerusalem. Obwohl nur knapp mehr als eine Stunde entfernt, wirkt es wie ein vollkommen anderer Kosmos. Neuigkeiten werden hier noch über Plakate auf den Straßen verbreitet und getrennte Gehsteige für Männer und Frauen sind keine Seltenheit. Hier lebt der 37jährige. Er ist einer von ca. 700.000 ultraorthodoxen Jüdinnen und Juden in Israel.

Ultraorthodoxe erwarten wie alle Juden die Ankunft des Messias. Doch kann für sie nur er das »Heilige Land« erlösen. Die Errichtung eines säkularen Staates Israel als Heimstätte der Jüdinnen und Juden sei ein Akt der Gotteslästerung und widerspreche der gottgewollten Bürde des Exils, in dem sie zu leben haben. Mit seinen sorgfältig gezwirbelten Schläfenlocken und seinem rötlichen Bart wirkt Menahem Furgs wie eine Figur aus längst vergangener Zeit. Wie alle Anhänger des Chassidismus, einer Untergruppe der ultraorthodoxen Gemeinschaft, trägt er die Tracht der osteuropäischen Juden des 18. Jahrhunderts und spricht ihren alten Dialekt, Jiddisch. Das Leben, das diese unnahbare Gruppe führt, ist mit der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts schwer zu vereinbaren. 70 Prozent der Haredim, wie die ultraorthodoxen Männer hier genannt werden, leben von staatlichen Geldern.

Auch Menahem geht keiner typischen Lohnarbeit nach – er verrichtet im Auftrag seiner Gemeinschaft das Werk Gottes, wie er uns erzählt. Der Vater von sieben Kindern ist Koordinator der Proteste, mit denen die ultraorthodoxe Gemeinschaft ihr Recht verteidigen will, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Die Haredim widmen ihr ganzes Leben dem Studium der Thora und des Talmuds in selbstverwalteten Schulen, den sogenannten Jeschiwas. Naturwissenschaften oder andere weltliche Studien haben in diesen keinen Platz. Der dreijährige Militärdienst würde das Ende dieser abgeschotteten, rein religiösen Bildung bedeuten. Für Menahem ist es der Hauptgrund, warum er sich dem Kampf gegen die Rekrutierung verschrieben hat. »Es ist unvorstellbar für jemand aus unserer Gemeinschaft in dieser Institution zu dienen. Oder würden Sie in eine orthodoxe Schule gehen wollen?« Ein kurzer Moment des gegenseitigen Verständnisses.

Seit der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 beschäftigt die Frage des Militärdienstes für Ultraorthodoxe die Politik. Eine Debatte die meistens hochemotional geführt wird, denn kaum eine Institution ist so identitätsstiftend für den Staat Israel wie die Armee. Durch den verpflichtenden dreijährigen Militärdienst für jüdische Männer und 21 Monate für jüdische Frauen hat die Armee eine starke Verankerung in der Gesellschaft und das über die politischen Gräben hinweg. Während sich die sozialistischen Zionisten mit dieser Volksarmee der arbeitenden Klasse identifizierten, sahen viele Religiöse in den israelischen Verteidigungsstreitkräften erstmals einen Garanten um in Sicherheit ihre religiösen Praxen ausüben zu können. Allen Juden im Land wurde eine Projektionsfläche für ihre Wünsche geboten und die Wehrpflicht zu einer wichtigen Säule des Zusammenlebens in Israel. Für alle bis auf die Gemeinschaft der Ultraorthodoxen.

Ultraorthodoxe Königsmacher

Der allgegenwärtige Staatsgründer David Ben Gurion gewährte den Thora-Schülern, sich vom Militärdienst aus religiösen Gründen freistellen zu lassen. Der säkulare Sozialdemokrat konnte jedoch nicht ahnen, dass die wenigen hundert Gläubigen eines Tages zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen würden. Nach jahrzehntelanger Uneinigkeit beschloss der Oberste Gerichtshof im Jahr 2012, dass die Ausnahmeregelung für die Haredim gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoße und damit verfassungswidrig sei. Ab 2017 wollte man die Gemeinschaft nun endgültig in die Streitkräfte mit einbeziehen.

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Ultraorthodoxer Lebenssinn: Das Studium von Thora und Talmud in der Jeschiwa

Doch wie so oft unterschätzte man den Einfluss der zwei ultraorthodoxen Gruppen Vereinigtes Thora-Judentum und Schas-Partei, die auch in der derzeitigen Regierung Netanjahus drei Ministerposten besetzen. Da die Agenda der beiden kaum über die Einhaltung des Sabbats und das Recht auf Wehrdienstverweigerung hinausgeht, sahen sie sich in ihrer Existenz bedroht. Man rief die Gemeinschaft zum Widerstand auf und mobilisierte gegen das Gesetz. Eine massive Protestwelle erfasste das Land und bescherte dem Kampf der Haredim die gewünschte mediale Aufmerksamkeit. Stolz erfüllt das Gesicht von Menahem wenn er von den Demonstrationen erzählt. »Wie weit würden Sie gehen im Kampf gegen das Gesetz?« frage ich ihn. »Bis zum Schluss«, antwortet er mir.

Der Konflikt eskalierte schlussendlich und ließ die ohnehin bereits rissige Betonfläche der israelischen Regierung aufbrechen. Die genauere Betrachtung der Ereignisse vor Ort bekräftigt jedoch die Vermutung, dass der Beton weniger aufgerissen ist, als vielmehr bewusst mit einem Vorschlaghammer zerbrochen wurde.

»Es ist ein Bühnenstück!« erklärt der ehemalige Präsident des israelischen Parlaments (Knesset), Avraham Burg, in gebrochenen Deutsch und versucht sich damit in der Muttersprache seines Vaters. Im Hafen von Tel Aviv, wo einst die ersten Siedler das »gelobte Land« betraten, treffe ich den früheren Staatsmann und prominenten Kritiker der Regierung.

Für ihn sind die Neuwahlen ein einziges großes Ablenkungsmanöver von Benjamin Netanjahus Korruptionsaffären. Nachdem die Justiz in mittlerweile vier verschiedenen Fällen gegen ihn wegen mutmaßlicher Bestechung und Betrug ermittelt, wird es immer enger für den langjährigen Premier. Als letzter Befreiungsschlag soll die Wahl am 9. April dienen und im Konflikt mit den ultraorthodoxen Parteien hat er laut Burg, die perfekten Gegner gefunden, um die Regierung auflösen zu können. Während sich Netanjahu als Kämpfer für Fairness und Gleichbehandlung profilieren kann, ernten die beiden ultraorthodoxen Regierungsparteien Zuspruch und Anerkennung von ihrer Gemeinschaft für ihre Standhaftigkeit.

Avraham Burg war von 1999 bis 2003 Präsident der Knesset. Seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik kämpft er mit Stift und Papier gegen den wachsenden Einfluss der streng Religiösen auf die israelische Politik. In seiner aktiven Zeit, als Israel seiner Meinung nach noch nicht von einer kollektiven Angst erfasst wurde, gab es für ihn einen säkularen Grundkonsens in der Masse der Gesellschaft. »Damals haben wir von Israelis und Arabern gesprochen, heute geht es um Juden und Moslems«, klagt er. Der internationale Rechtsruck mache auch vor dem »Heiligen Land« keinen Halt und dieser lässt den einst so selbstverständlichen Konsens immer weiter aufweichen. »Israel sollte sich wieder vor Augen führen, dass es ein demokratischer und kein jüdischer Staat ist.« Nach seiner zweiten Tasse Kaffee macht sich in seinem Gesicht Wehmut breit. »Hoffen Sie auf Verbesserungen nach der Wahl?« frage ich ihn um einen Hauch von Optimismus zu erhaschen. »Es gibt hier keine Hoffnung mehr«, antwortet er und bestellt sich seine dritte Tasse.

In Israel herrschte immer eine gewisse machtpolitische Balance zwischen den beiden Fraktionen in der Knesset. Der liberale Block, angeführt von der sozialdemokratischen Awoda und der nationalkonservative Block mit dem Likud, konnten bei den Wahlen nahezu gleich viele Wähler von sich überzeugen. Neben diesen beiden Blöcken existieren die politische Allianz Vereinigtes Thora-Judentum und die Schas-Partei als Vertreter der ultraorthodoxen Gemeinschaft. Zusammen haben sie ungefähr zehn Prozent der Wahlbevölkerung auf ihrer Seite. Im Schmieden von Koalitionen waren sie ironischerweise immer sehr flexibel und verhalfen dem Meistbietenden zur Macht. »Das macht die Ultraorthodoxen so ultramächtig. Sie sind die Königsmacher von Israel, an ihnen führt kein Weg mehr vorbei.« Nach einer halben Stunde und jeweils drei Tassen Kaffee später wird Burg noch einmal deutlich, als wolle er mir einen Rat mitgeben: »Glaub mir, die willst du nicht als Feinde haben.«

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Menahem Furgs: Ein Haredim, für den das Land Israel keine Bedeutung hat

Primat der Gemeinschaft

Auch Menahem ist kein Fan der ultraorthodoxen Vertreter in der Regierung, gesteht er uns. Die Knesset ist für ihn nur ein Spielplatz. Eine Bühne um mehr Jüdinnen und Juden von ihren Ansichten zu überzeugen. Durch die Regierungsbeteiligung sieht er den politischen Schneid der Bewegung gefährdet. Menahem bevorzugt den Kampf auf der Straße. Auch bei den Thora-Schülern gibt es ihn, den Kampf zwischen Reform und Revolution.

Je tiefer man in die Welt der Ultraorthodoxen eintaucht, desto schwerer fällt es zu verstehen, warum sich Menschen den engen und teilweise absurden Regeln fügen. Im Gespräch mit Menahem benutzt er häufig das Wort »Gemeinschaft«. In den heutigen westlichen Gesellschaften, wo das Primat des Individuums zu herrschen und das Gesetz des ausgestreckten Ellbogens zu dominieren scheint, können Gruppierungen wie diese eine Alternative zu einem System der Konkurrenz bieten. Der Mensch ist ein soziales Wesen und sehnt sich nach Gemeinschaft. Diese bieten die Ultraorthodoxen. Die strengen Regeln und religiösen Vorschriften bringen dem Leben der Einzelnen Sinn in einer oft so sinnfrei erscheinenden Welt.

Die Gemeinschaft hat jahrhundertelange Verfolgung überlebt und ist während des faschistischen Völkermords knapp der vollkommenen Auslöschung entgangen. Diese latente Bedrohung hat sie bestärkt in ihrer Abschottung von der Welt, die um sie herum existiert. Jedes Abweichen von den Regeln wird als Gefahr für das Überleben der Gemeinschaft gesehen.

Auf der ganzen Welt konnten sie ihre Gemeinschaften wieder zum Leben erwecken. Ob Österreich, Deutschland oder Vereinigte Staaten, für sie ist es egal, wie das Land, in dem sie leben, nun heißt. Für sie gibt es nur ihre Gemeinschaft. Wie die meisten Ultraorthodoxen lebt Menahem nun hier in Israel. Für ihn hat dieses Land jedoch keinerlei Bedeutung, wie er uns während unseres Gesprächs immer wieder versucht klarzumachen. Niemals will er anerkennen, dass säkulare Jüdinnen und Juden sich anmaßen, das Werk Gottes selbst auszuführen, indem sie dem Zionismus folgen. Und niemals will er in ihrer Armee dienen.

Ein letztes Mal probiere ich es mit Nachdruck: »Liegt Ihnen als Jude gar nichts an Israel?« Nach etwas über einer Stunde überkommt Menahem das erste Mal so etwas wie Humor: »Wenn es nach mir gehen würde, würde ich Israel morgen an die Palästinenser verkaufen.«

Menahem lacht. Der Übersetzer nicht.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. ( 6. April 2019 um 10:52 Uhr)
    Ob Gottes Krieger oder Gotteskrieger – wo ist der Unterschied?

    Um die überaus bizarre und krude Gedankenwelt der ultraorthodoxen Juden zu begreifen oder wenigstens ein klein wenig besser zu verstehen, lohnt sich die Lektüre von Lion Feuchtwangers ungeheuer spannender Josephus-Trilogie.

    Die drei historischen Romane heißen »Der jüdische Krieg« (1932), »Die Söhne« (1935) und »Der Tag wird kommen« (1942). Erzählt wird die Geschichte des römisch-jüdischen Historikers Josephus Flavius, der die Chronik der römischen Kaiser Vespasian, Titus und Domitian verfasste, die die römische Provinz Judäa im ersten Jahrhundert nach Chr. bekriegten, besiegten, zerstörten, befriedeten.

    Eine Kernaussage der Romane: Die Zerstörung des judäischen Lebensraumes mit dem Schleifen des Tempels von Jerusalem als vorläufigem Höhepunkt hatte eine isolationistische, sektiererische und tiefgreifende Radikalisierung des vormals weltoffenen Glaubens zur Folge – eben die Wandlung von einem Volk oder einer Nation zur religiösen Gemeinschaft, die sich ausschließlich über den Glauben definiert und sich von der realen Welt abgrenzt. Die in dem Artikel beschriebenen Ultraorthodoxen wirken wie aus dem Josephus-Roman entsprungene Karikaturen.

    Natürlich liest man als heutiger Rezipient den Roman anders, als ihn Feuchtwangers Zeitgenossen vor dem Hintergrund des scheinbar unaufhaltsamen globalen Siegeszug des Faschismus auf der einen, einer zersplitterten und sich argwöhnisch beäugenden antifaschistischen Bewegung auf der anderen Seite gelesen haben mögen.

    Mir drängen sich die Entstehung des IS und anderer radikaler religiöser Bewegungen auf, ganz aktuell der Marsch libyscher Milizen auf Tripolis.

    Und was die Linke betrifft: Beim Lesen des Romans kann man nur darüber staunen, wie dicht die Szene in dem Film »Das Leben des Brian« an der historischen Wirklichkeit ist, in der sich die Mitglieder der »Front zur Befreiung Judäas« und die Anhänger der »Judäischen Befreiungsfront« oder so ähnlich an die Gurgel gehen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Viktoria Waltz: Ablenkungsmanöver Der Reisebericht Paul Huemers in die orthodoxe jüdische Welt Jerusalems wirft Fragen zu den Grundsätzen des Staates Israels auf: Religionsgemeinschaft? Volk? Beides? Nur zusammengehalten durch den Zio...
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