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Aus: Ausgabe vom 08.04.2019, Seite 4 / Inland
Verharmlost oder psychisch labil?

Hass auf »Menschen aller Art«

Neonazi wegen Drohmails in Untersuchungshaft
Von Kristian Stemmler
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Neonazis in szenetypischer Kleidung (Archivbild)

Auf seiner Facebook-Seite posierte er mit einem Shirt der Rechtsrockband »Weisse Wölfe Sauerland«, schrieb rassistische Kommentare im Internet, so auch zum Attentat im neuseeländischen Christchurch im März. Der Neonazi André M. aus dem schleswig-holsteinischen Halstenbek soll zumindest für einen Teil der rechten Drohmails gegen Politiker, Journalisten und Anwälte sowie Bombendrohungen gegen öffentliche Einrichtungen in den vergangenen Monaten verantwortlich sein.

Am Donnerstag durchsuchte die Polizei das Einfamilienhaus in Halstenbek, in dem der 30jährige mit seiner Mutter lebt, wie das Hamburger Abendblatt am Samstag berichtete. Noch am Freitag hatte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft, die die Ermittlungen führt, erklärt, es gebe keinen dringenden Tatverdacht gegen M. Am Samstag berichtete die Deutsche Presseagentur, es seien Indizien gefunden worden, »dass der Mann sich möglicherweise kundig gemacht hat, wie man eine Bombe baut«. Daher wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen. »Er ist inzwischen in Untersuchungshaft«, sagte eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft Berlin am Samstag laut Nachrichtenagentur dpa.

Der Schleswig-Holsteiner soll einen Großteil der mehr als 200 Mails verschickt haben, in denen bundesweit Prominente mit Gewalt bedroht und Bombendrohungen etwa gegen Finanzämter, Rathäuser oder Anwaltskanzleien ausgesprochen wurden. Zuletzt war vergangene Woche am Montag abend der Hauptbahnhof in Neumünster nach einer solchen Drohung geräumt worden. Auch die Ida-Ehre-Schule in Hamburg, die wegen Antifa-Aufklebern auf ihrem Gelände in den Schlagzeilen war, hatte eine Drohmail erhalten. Die Texte waren teilweise mit »Nationalsozialistische Offensive«, »NSU 2.0« oder »Wehrmacht« unterzeichnet.

André M. sei kein Unbekannter, schrieb das antifaschistische Portal Exif-recherche.org am Freitag. Bereits 2008 musste der Neonazi sich mit seinem Kumpan Kevin W. wegen eines im Jahr zuvor geplanten Sprengstoffanschlags auf das Apfelfest im schleswig-holsteinischen Rellingen vor dem Landgericht Itzehoe verantworten. »Menschen sind weniger wert wie Bakterien auf einem Scheißhaufen«, hatte M. 2007 auf seiner Homepage verkündet. Im sogenannten Apfelbomberprozess hatte er dem Richter erklärt, er »hasse Menschen aller Art«. Die Planung eines Anschlags konnte den Angeklagten nicht nachgewiesen werden, M. wurde aber wegen anderer Taten wie Brandstiftungen und Sprengungen von Automaten zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Neustadt untergebracht. Erst 2013 kam er frei, wurde 2015 nach einer Serie von Brandstiftungen erneut festgenommen und zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Exif-recherche.org zitiert aus einem Bekennerschreiben von M., Rellingen werde erst »erwachen«, wenn »manches Ungeziefer in der Gemeinde zu lange provoziert«. In den aktuellen Drohmails seien semantische Ähnlichkeiten zu finden, wie etwa das Wort »Ungeziefer«.

Seit Oktober 2018 ist André M. wieder frei und zu seiner Mutter nach Halstenbek gezogen. Die über das »Darknet« verbreiteten Drohmails seien aber schon seit März 2018 verschickt worden, weshalb die Ermittler ihm nur einen Teil zuordnen. Bei Exif-recherche.org heißt es, auch im Prozess um den geplanten Anschlag auf das Apfelfest seien die Taten entpolitisiert worden, André M. sei als psychisch labil verharmlost worden: »Dabei umgab sich M. schon immer mit Neonazis und trug szenetypische Kleidung wie ›Thor Steinar‹«.

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