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Aus: Ausgabe vom 06.04.2019, Seite 15 / Geschichte
Das Ende der UdSSR

Protomaidan in Georgien

Vor 30 Jahren löste die Sowjetmacht nationalistische Kundgebungen in Tbilissi gewaltsam auf
Von Reinhard Lauterbach
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Fest verankert im nationalen Gedenken Georgiens: Veranstaltung in Erinnerung an den 9. April 1989 in Tiflis im Jahr 2012

Wenngleich offiziell die Rede vom »zusammenwachsenden Sowjetvolk« galt, gab es Nationalitätenkonflikte in der UdSSR immer wieder, die indes nach Möglichkeit bagatellisiert wurden. In der Regel blieb zwar die Staatsmacht in den Auseinandersetzungen mit solchen Unruhen Sieger, aber ein Rest an Ferment und Ressentiment blieb erhalten.

Das galt auch für Georgien, das bei weitem nicht die pittoreske Republik der Orangen und Weintrauben, der endlosen Gastmähler und blumigen Trinksprüche war, als die es sich das sowjetische Alltagsbewusstsein vorstellte. Das Land, das auf eine erheblich ältere Nationalgeschichte als Russland zurückblicken kann, war Anfang des 19. Jahrhunderts vom Zarenreich unter allerhand Tricks als Provinz eingegliedert worden, obwohl anfangs eine Autonomie versprochen worden war. Die russische Herrschaft verhielt sich gegenüber der kulturellen Eigenständigkeit Georgiens wenig sensibel. Nach der Februarrevolution ergriffen so georgische Intellektuelle die Gelegenheit, das Land von Russland loszulösen. Gefördert wurde dies von seiten des kaiserlichen Deutschlands, das sich einen Weg an Russland vorbei zu den kaspischen Ölvorräten bahnen wollte.

Probleme im Kaukasus

Aus den Wirren der nachrevolutionären Zeit ging das hervor, was die georgische Geschichtsschreibung heute als die »Erste Republik« bezeichnet: eine bürgerlich-spätfeudale Staatsgründung, in der Vertreter der mit den Bolschewiki verfeindeten Fraktion der Menschewiki eine bedeutende Rolle spielten. 1921, zum Ende des sowjetischen Bürgerkriegs, brachte die Rote Armee Georgien wieder unter die Kontrolle der Zentrale. Sie erbte ein Pulverfass nationaler Gegensätze, die Stalin – als Georgier ein Insider dieser Verhältnisse – auszubalancieren suchte, indem er die transkaukasische Region mehrfach neu aufteilte. Grundprinzip seiner Territorialpolitik war, nirgendwo ein Titularvolk so stark werden zu lassen, dass es sich von der Sowjetunion hätte lossagen können; es sollte jeweils durch Minderheitenprobleme an die Schiedsrichterrolle der Zentrale gebunden bleiben. Eine dieser schlau gedachten, aber folgenschweren Zuordnungen war die Auflösung der eigenständigen Abchasischen Sowjetrepublik, die 1931 der georgischen Unionsrepublik angeschlossen wurde.

Ende der 1980er Jahre wurden die latenten Nationalitätenkonflikte wieder virulent. Der erste Schritt war der Streit um Nagorny-Karabach, eine mehrheitlich armenisch besiedelte Exklave, die aber von Aserbaidschan aus verwaltet wurde. Im Februar 1988 begannen die Bewohner erst einen Schulstreik, dann forderten sie die Angliederung der Region an Armenien. Wenige Tage später übernahm der Gebietssowjet des auf deutsch Bergkarabach genannten Gebiets diese Forderung. Binnen Tagen griffen Hunderttausende Demonstranten, die in der armenischen Hauptstadt Jerewan eigentlich gegen Umweltschäden demonstrierten, diese Forderung auf und sattelten noch drauf: Die armenischen Kulturdenkmäler in Bergkarabach müssten restauriert, der Empfang des armenischen Fernsehens dort müsse ermöglicht werden. Und in den letzten Februartagen begann in der aserbaidschanischen Industriestadt Sumqayit (russisch Sumgait) am Kaspischen Meer ein Pogrom eines aserbaidschanischen Mobs gegen dort lebende Armenier, dem nach offiziellen Angaben 31 Bewohner zum Opfer fielen, darunter auch Frauen und Kinder.

Auch wenn in diesem ersten blutigen Nationalitätenkonflikt Aseris die Täter und Armenier die Opfer waren: Die Karabach-Frage war damals bereits seit 20 Jahren eines der wichtigsten Themen der antisowjetischen armenischen Opposition gewesen, etwa in Gestalt des regionalen Helsinki-Komitees. Es war also ein Bürgerkrieg mit Ansage, den die nationalistischen Dissidenten in Armenien hier lostraten. Denn sie waren es, die den fragilen Status quo in Frage stellten. Durch die von ZK-Generalsekretär Michail Gorbatschow initiierte Politik der »Glasnost« ermutigt und aus dem Westen finanziert, begann die Dissidentenszene, sich etwas zu trauen.

Ein knappes Jahr später ging es in Georgien los. Im März 1989 begannen Massendemonstrationen in Abchasien für die Loslösung von der georgischen Unionsrepublik und die Wiederherstellung der 1931 aufgelösten eigenen Sowjetrepublik. Ein gefundenes Fressen für das ohnehin seit Monaten in Tbilissi für einen Austritt aus der UdSSR und für eine »Abrechnung mit den Kommunisten« demonstrierende georgisch-nationalistische Milieu. Es war in Georgien seit Jahren virulent. Schon 1976 hatte es auf dem Schriftstellerkongress der Republik einen Eklat gegeben, als die Anwesenden den damaligen Republikchef Eduard Schewardnadse wegen der Umstellung der örtlichen Universität auf Russisch als Unterrichtssprache ausbuhten. 1978 und 1981 gab es weitere solche Proteste, auch gegen eine angebliche Diskriminierung von Georgiern in Abchasien. Das kam jetzt wieder hoch.

»Tiflis-Syndrom«

Die georgischen Nationalisten, froh, endlich einmal unterdrücken zu können, anstatt – in ihrer Wahrnehmung – nur unterdrückt zu werden, forderten die Führung der Republik auf, die Abchasen zur Raison zu bringen. Die georgische Parteiführung aber war offenkundig unsicher, wie sie vorgehen sollte, und suchte Rückendeckung in Moskau. Die Zentrale spielte den Ball nach Georgien zurück: Die regionale Führung solle die Lage vor Ort einschätzen. Gorbatschow war auf Auslandsreise, in seiner Abwesenheit traute sich niemand, eine Entscheidung zu treffen.

Die Demonstranten in der Innenstadt von Tbilissi hatten sich unterdessen mit Metallstangen und Ketten bewaffnet und sammelten für den Kauf von Schusswaffen. Sie blockierten die Zufahrtsstraßen zum Regierungsgebäude mit quergestellten Bussen und Baumaschinen. Vieles daran erinnert im nachhinein an die Taktik der Demonstranten auf dem Kiewer Maidan 2014. 1989 jedenfalls ging die sowjetische Armee gegen die Demonstranten vor – nachdem sich die einheimische Polizei geweigert hatte einzugreifen. Als in der Nacht auf den 9. April Soldaten die Demonstranten abdrängten, entstand eine Massenpanik, nicht zuletzt deshalb, weil die Demonstranten wegen ihrer eigenen Barrikaden in ihren Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt waren. Dabei kamen 20 Menschen ums Leben.

Nachdem der Schaden in Tbilissi eingetreten war, wollte niemand in Moskau damit zu tun gehabt haben. Es endete damit, dass der für den Militäreinsatz unmittelbar verantwortliche Oberbefehlshaber des Transkaukasischen Militärbezirks, Generaloberst Igor Rodionow, öffentlich desavouiert wurde und die inzwischen entstandene »demokratische Opposition« die Sache über Monate durch einen Untersuchungsausschuss zog. Das Militär trug eine nachfolgend als »Tiflis-Syndrom« sprichwörtlich gewordene Verunsicherung davon und war künftig zum Vorgehen gegen Unruhen nur noch bedingt bereit.

»Richtige georgische Männer«. Aus dem Ermittlungsbericht des sowjetischen Generalstaatsanwalts

Den Ermittlungsbehörden liegen zahlreiche Aussagen von Demonstranten vor, worin sie einräumen, aktiven Widerstand geleistet zu haben. Einige Zitate: »Unsere georgischen Männer sind aufgestanden, um die Nation zu verteidigen, (…) und begannen, mit Knüppeln auf die Soldaten einzuschlagen. Ich persönlich habe eine Parkbank zerschlagen und habe mit einer Latte auf die Köpfe der Soldaten eingeschlagen. Ein Teil der Soldaten war von unseren georgischen Jungs eingekesselt, und unter diesen waren Judo- und Karatekämpfer und Boxer. Diese jungen Leute haben die Auseinandersetzung mit den Soldaten geführt. Es war eine Prügelei auf Leben und Tod (…). Die Jungs nahmen den Soldaten die Knüppel und Schilde ab.« »Vor den Ketten der Soldaten bauten sich Reihen von Sportlern auf (…), sie zerschlugen hölzerne Bänke und Zäune und schlugen mit den Latten auf die Soldaten ein.« »Unsere Jungs leisteten den Soldaten Widerstand, wie es sich für richtige georgische Männer gehört. Wir hätten noch mehr dieser entarteten Soldaten ›bearbeitet‹, aber wir waren in der Minderheit, und die Jungs zogen sich unter Verlusten zurück. Wir hatten Latten, Knüppel, Steine, Metallstangen und unsere Fäuste.« Insgesamt haben über 50 Zeugen aus den Reihen der Demonstranten eine Beteiligung an aktivem Widerstand gegen die Soldaten eingeräumt.

»Zu den Ergebnissen der Untersuchung der Ereignisse von Tbilissi«, Informationsschreiben des sowjetischen Generalstaatsanwalts N. S. Turbin an die Volksdeputierten, undatiert, ca. 1990. (Auszüge)

warandpeace.ru/ru/analysis/view/16942/

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