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Aus: Ausgabe vom 04.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kulturkritik

Ein Reicher ohne Geld

Subversive Perspektive: Walter Benjamins »Berliner Chronik« und »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« in einer historisch-kritischen Edition
Von Jürgen Pelzer
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Die Siegesäule: Als Walter Benjamin über sie schrieb, stand sie noch auf auf dem Königsplatz

Im Herbst 1931 bat die Literarische Welt Walter Benjamin darum, eine Reihe von »subjektiv gefärbten Geschichten« über seine Heimatstadt Berlin zu verfassen. Sie sollten ab 1932 in loser Folge erscheinen. Benjamin befasste sich hier erstmals mit dem Problem, von sich zu sprechen und das »Subjekt, das jahrelang im Hintergrund zu bleiben gewohnt war, an die Rampe zu bitten«. Angeregt war das Ganze von Marcel Prousts Erinnerungswerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«, von dem Benjamin drei Teile übersetzt hatte. Bei Proust kam es nicht darauf an, ein Leben so zu rekonstruieren, wie es war, sondern vor allem auf die subjektive Lebenserinnerung als Prozess; Benjamin nennt es in einem Essay über Proust »das Weben seiner Erinnerung, die Penelopearbeit des Erinnerns«.

Die »Berliner Chronik«, eine Mischung aus literarischer Reflexion über den Schreib- und Erinnerungsprozess und Erinnerungsstücken – wurde dann doch nicht publiziert, sie sollte erst 1970 in der Edition Gershom Scholems erscheinen. Veröffentlicht wurden dagegen in den Jahren zwischen 1932 und 1934 Abschnitte aus der »Berliner Chronik«, die allerdings gegenüber der ursprünglichen Version zumeist zu Miniaturen verknappt worden waren. Auch das Reflexive trat zurück. Benjamin ging also nicht den Weg Prousts ins Romanhaft-Extensive, sondern, seiner politischen Ästhetik entsprechend, ins Bildhaft-Verdichtete und Episch-Verfremdende. Dass man diesen Verknappungsprozess nun in allen Aspekten verfolgen kann, ist das Verdienst einer so gründlichen wie umfassenden historisch-kritischen Edition, die sämtliche Fassungen präsentiert und kompetent kommentiert, darunter auch die von 1938, die erst 1981 von Giorgio Agamben in der Bibliothèque nationale in Paris aufgefunden wurde – dort hatte Benjamin sie bei seiner Flucht vor der in Frankreich einfallenden Naziarmee versteckt.

Bei der »Berliner Kindheit um neunzehnhundert«, so der Titel der erstmals 1950 erschienenen Sammlung, handelt es sich um weit mehr als eine Autobiographie. Es geht vorrangig nicht um die Rekonstruktion des eigenen Lebens, sondern um die Freilegung des gesellschaftlichen und historischen Kontextes, der »blitzartig« in einem verdichteten Bild sichtbar werden soll. Im Spiegel, in dem das erinnerte Ich erscheint, zeigt sich auch der Hintergrund, zu dem es vorzustoßen gilt. Benjamins Schreibstrategie beruht auf einer Versuchsanordnung. Sie besteht darin, in kleinen Abschnitten, die schrittweise die Welt des Kindes vergegenwärtigen, auch diesen allgemeineren Hintergrund zu beleuchten. So betrachtet, sind die Erinnerungs- und Denkbilder der »Berliner Kindheit« Teil des größeren Projekts einer materialistischen Geschichtsschreibung. Die Kinderperspektive verspricht ein besonderes Erkenntnispotential, denn für das Kind ist »alles neu«. Kinder sind fasziniert vom Randständigen, Ungesehenen oder Unterdrückten. Die üblichen Interpretationen, Sinngebungen oder Festschreibungen gelten nicht. Das Kind ist also so etwas wie »eine geschichtsphilosophische Figur«, die einen anderen Zugang zur Geschichte, zur »Urgeschichte des 19. Jahrhunderts« ermöglicht.

Wenn Benjamin in dem Text »Schränke« einen Buffetschrank aus der Perspektive des Kindes beschreibt, wird daraus ein geheimnisvolles Gebäude aus Nischen und Portalen, das gleichzeitig ein Licht auf die festgefügten, sichtbar ausgestellten, aber kaum realisierten Ideale und moralischen Normen der Erwachsenenwelt wirft. Der Geschichtsschreiber rekonstruiert das Ich der Kindheit und sieht sich gleichzeitig von außen. Die angebliche Geborgenheit erweist sich so als fragiler, vorübergehender und zudem klassenmäßig bestimmter Hintergrund.

Die subversiv-spielerische Kindheitsperspektive kann dazu beitragen, Geschichte »gegen den Strich zu bürsten«. Martialische Märsche erinnern an eine Zirkusatmosphäre, das Wort »Krieg führen« wird assoziiert mit dem Vorführen von Tieren im Zirkus. Kurz: Das Kind identifiziert sich nicht mit der »Geschichte der Sieger«, sondern versucht, sich seinen eigenen Reim auf die bizarren Spektakel der Erwachsenenwelt zu machen.

Die Topographie der Berliner Kindheit ist letztlich sozial und ökonomisch determiniert. Benjamin stammt aus dem bürgerlichen Westen. Das Kind empfindet diese Welt als abgeschlossen, ist aber fasziniert von den Randzonen. Es sucht diese Grenzen, ohne sie zu übertreten, nimmt die armseligen Lebensbedingungen der großen Masse der Bevölkerung wahr, kann aber Armut, Elend, Arbeitslosigkeit nicht erklären. Darüber wird in bürgerlichen Kreisen nicht gesprochen. Es stellt sich den Armen als »Schnorrer« vor, »eigentlich ein Reicher, nur ohne Geld«. Einen Zusammenhang mit dem Produktionsprozess kann es nicht herstellen.

Die Versuchsanordnung, der Benjamin in seinen Erinnerungsbildern folgt, war in gewisser Weise nicht abzuschließen. Doch da er sich im Exil schon bald keine Hoffnung auf eine Publikation der »Berliner Kindheit« machte, schien ihm dies recht gewesen zu sein. Seine schriftstellerische Arbeit war der Archäologie verwandt. Gerade das immer neue Ansetzen und Revidieren, das Rekurrieren auf denselben Sachverhalt, das ständige Umgraben, ja das »Umwühlen« bot die Chance, »verborgene Schätze« zu Tage zu fördern.

Walter Benjamin: Berliner Chronik/Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Kritische Gesamtausgabe Bd. 11, zwei Teilbände, Hg. v. Burkhardt Lindner und Nadine Werner, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019, 1.118 Seiten, 89 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Andreas Hahn: Penelopearbeit Wenn von Prousts »Erinnerungswerk« (Memoirenliteratur?) die Rede ist, ist das vielleicht ja als Witz gemeint. Der vom Autor ins Spiel gebrachte Benjamin-Aufsatz »Zum Bilde Prousts« aber ist irreführen...

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