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Aus: Ausgabe vom 04.04.2019, Seite 2 / Inland
Am Existenzlimit

Zum Bittsteller degradiert

Immer mehr Ältere und Erwerbsunfähige fristen ihr Leben mit Sozialhilfe
Von Susan Bonath
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Pfandflaschen aus dem Müll: Steigende Altersarmut zeigt, in was für einer Gesellschaft wir leben

Immer mehr ältere oder krankheitsbedingt erwerbsunfähige Menschen leben in Deutschland am Limit. So bezogen im Dezember erneut zwei Prozent mehr Betroffene als im Vergleichsmonat 2017 zu ihrer nicht existenzsichernden Rente die sogenannte Grundsicherung – und werden damit faktisch zum Bittsteller beim Amt. Zuletzt waren das 1,08 Millionen Menschen, fast eineinhalb mal so viele wie 2003, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch meldete.

Bei Älteren betraf dies zuletzt deutlich mehr Rentnerinnen. So erhielten im Dezember rund 236.000 Männer aufstockende Sozialhilfe und mehr als 323.000 Frauen. Bei jüngeren Erwerbsgeminderten war das Verhältnis umgekehrt. Rund 225.000 weiblichen Beziehern standen 295.000 männliche gegenüber.

Die Regelsätze für die Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung entsprechen denen von Hartz IV. Die Rente wird vollständig darauf angerechnet. Betroffene müssen meist dauerhaft von diesen niedrigen Leistungen leben, weil sie nicht arbeiten können.

Eine reales Bild vom Ausmaß der Altersarmut bieten die Zahlen nur bedingt. Viele Menschen beantragen aus Scham, Stolz oder Unwissenheit keine Sozialhilfe, obwohl sie Anspruch darauf hätten. Andere scheuen die enormen bürokratischen Hürden. Darauf verwiesen am Mittwoch der Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, Guido Zeitler, und der Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler. Um die Situation von Betroffenen zu verbessern, müssten das Wohngeld an die Realität angepasst, die Höhe der Sozialhilfe überarbeitet und Freibeträge auf die Rente eingeführt werden, verlangte Stadler.

Der rentenpolitische Sprecher der Linke-Fraktion im Bundestag, Matthias W. Birkwald, nannte den neuerlichen Anstieg »erschreckend«. »Immer mehr Menschen müssen im Alter und wegen chronischer Krankheiten den Gang zum Sozialamt antreten«, kritisierte er. Dabei sei das Existenzminimum viel zu niedrig angesetzt. Letzteres variiert wegen unterschiedlicher Mietobergrenzen in den einzelnen Regionen. Für Alleinstehende liegt die gewährte Summe im bundesweiten Durchschnitt bei rund 790 Euro monatlich einschließlich Miete und Regelsatz. Birkwald forderte »eine Debatte über eine echte solidarische Mindestrente«.

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