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Aus: Ausgabe vom 03.04.2019, Seite 15 / Antifa
Rechte Angriffe dokumentiert

Sorgen nicht unbegründet

Wanderausstellung in der Berliner Zionskirche zur extremen Rechten und Gegenwehr seit 1945
Von Lothar Bassermann
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Antifaschistische Protestdemonstration von rund 3.000 Menschen am 18. Januar 1960 im Westberliner Stadtteil Charlottenburg, nachdem eine BRD-weite Welle von antisemitischen Vorfällen auch dort um sich gegriffen hatte

Während der Eröffnungsveranstaltung zur Wanderausstellung »Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945« am Freitag abend in der dortigen Zionskirche im Stadtteil Mitte riecht es noch nach Rauch. Matthias Motter, Pfarrer der Kirchengemeinde, berichtete in seiner Begrüßungsrede, dass ihm der Schreck in den Knochen steckte, als er am Vorabend informiert wurde, dass es im Gebäude brennt. Ein Brandanschlag könne bisher als ausgeschlossen gelten, beruhigte Motter die etwa 200 anwesenden Gäste, die zur Vernissage in die Kirche gekommen waren. Die Ursache des Feuers auf vier Ebenen eines Baugerüsts etwa 24 Stunden zuvor bleibt bislang unklar. Unbegründet sind die Sorgen vor rechten Angriffen nicht. Solche Anschläge und Schändungen gibt es in Berlin immer wieder, wie die Ausstellung und zuletzt ein Fall im Stadtteil Kreuzberg zeigten. Hier wurde in der Nacht zum 25. März eine Gedenktafel in der Methfesselstraße für den Antifaschisten und u. a. im KZ Sachsenhausen von den Nazis gequälten Wolfgang Szepansky zum vierten Mal zerstört.

Die Ausstellung in der Zionskirche ist noch bis 30. April zu sehen, anschließend wird sie in Neukölln und Wedding gezeigt. Konzipiert wurde sie von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des »Aktiven Museums Faschismus und Widerstand« und des »Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums«. Die Arbeit begann bereits zu Jahresanfang 2018, ab dem Spätsommer habe ein Team dann intensiv an der Exposition gearbeitet, sagte die darin engagierte Astrid Hohmann jW am Freitag vormittag.

Exemplarisch werden auf Tafeln zehn Themen vorgestellt, die die Aktionen Berliner Neonazis in der Nachkriegszeit darstellen sollen. Darunter Wahlkämpfe von extrem rechten Parteien, brauner Terror, Angriffe auf Erinnerungsorte, Anti-Antifa-Aktivitäten, Neonazis im Fußball und Aufmärsche. Die Reihenfolge der Aufsteller wurde in der Zionskirche leicht abgewandelt, denn hier hatten im Oktober 1987 Neonazis ein von jungen Linken organisiertes Konzert der Westberliner Band »Element of Crime« attackiert und dabei zahlreiche Menschen verletzt. Auch dazu gibt es umfangreiche Informationen.

Die gesamte Schau »Immer wieder?« ist ansprechend gestaltet, häufig sind großflächige Illustrationen zu sehen. Dieses Mittel sei geeignet, um bei der bildlichen Dokumentation nicht nur auf historische Quellen zurückgreifen zu müssen, wie Gerd Kühling, der ebenso an der Ausstellung mitarbeitete, am Freitag vormittag gegenüber junge Welt sagte. Dies begrenze auch den Raum, den die Abbildung rechter Propaganda in der Ausstellung einnehme. Astrid Hohmann ergänzte, dass die Fülle des Materials schnell dazu geführt habe, sich inhaltlich stark zu beschränken. So wurde beispielsweise darauf verzichtet, genauer zu erläutern, was rechte Ideologie ausmacht. Neben Tonaufnahmen, Videos und Fernsehbeiträgen werden Szenen aus Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gezeigt, die für das Projekt geführt wurden. Dem Ausstellungsteam war zudem wichtig, antifaschistische Reaktionen auf die Aktivitäten der extremen Rechten umfangreich zu dokumentieren.

Geöffnet von Mittwoch bis Sonnabend 13–18 Uhr, Sonntag 11–17 Uhr

Infos unter: www.apabiz.de und www.aktives-museum.de

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