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Aus: Ausgabe vom 01.04.2019, Seite 6 / Ausland
Philippinen

Nicht unterzukriegen

Die philippinische NPA-Guerilla feiert ihren 50. Geburtstag. Sehr zum Verdruss des Regimes in Manila
Von Rainer Werning, Amsterdam
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Bewaffneter Kampf: Die kommunistische Guerillaorganisation NPA in den Bergen der philippinischen Sierra Madre (28.12.2016)

Gefragt, was er sich zu seinem 74. Geburtstag am 28. März wünsche, antwortete der seit Sommer 2016 amtierende Präsident des Inselstaates, Rodrigo Roa Duterte: »Ein ruhiges Zusammentreffen mit meiner Familie (…) und viel Schlaf.«

Tags darauf, am 29. März, war es um die Ruhe geschehen. Dafür sorgten Feierlichkeiten der besonderen Art. Inmitten erhöhter landesweiter Sicherheitsvorkehrungen begingen Mitglieder und Sympathisanten den 50. Gründungstag der Neuen Volksarmee (NPA), der Guerillaorganisation der maoistisch ausgerichteten Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP). Selbst in den fernen Niederlanden, wo seit den 1970er Jahren zahlreiche linke Filipinos politisches Asyl gefunden haben, erinnerte man am Sonntag in Amsterdam mit Filmvorführungen, Vorträgen sowie Tanz- und Gesangsdarbietungen an dieses Jubiläum.

Den Herrschenden in Manila passt das nicht: Trotz zahlreicher unterschiedlicher »Aufstandsbekämpfungs«-Strategien sind CPP und NPA nicht zu besiegen. Sie bleiben somit die einzigen radikalen linken Kräfte in der Region Südostasien, sieht man von den staatssozialistischen Parteien in Laos und Vietnam einmal ab. Die vormals weltweit drittstärkste Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) wurde in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren vom Suharto-Regime physisch liquidiert, die anderen kommunistischen Parteien in Malaysia, Myanmar und Thailand wurden durch staatliche »Aufstandsbekämpfung« »aufgerieben« und verschwanden von der politischen Bildfläche.

Wie alle seine Vorgänger musste auch Präsident Duterte erkennen, dass es den philippinischen Streitkräften (AFP) nicht gelingt, »den politischen Untergrund auszutrocknen«. Vergessen sind die Momente, als Duterte während einer Wahlkampfveranstaltung heuchlerisch verkündet hatte, »als erster sozialistischer Präsident« in die Geschichte der Philippinen einzugehen. Er wolle, so Duterte damals, schon deshalb das Kriegsbeil mit der CPP/NPA begraben, weil der CPP-Gründungsvorsitzende, der mittlerweile 80jährige und seit langem im niederländischen Utrecht im Exil lebende José Maria Sison, einst sein Politologielehrer in Manila gewesen sei.

Gegründet wurde die NPA am 29. März 1969 in der nördlich von Manila gelegenen Provinz Tarlac. Mit lediglich neun Gewehren und 26 minderwertigen Waffen begann ein Kader von 60 »Red fighters« den Kampf. Um die eigene Position landesweit zu stärken, entstand am 24. April 1973 auf Initiative der CPP/NPA die Nationale Demokratische Front der Philippinen (NDFP). Dieses Bündnis von gegenwärtig 17 Mitgliedsorganisationen umfasst u. a. Gruppierungen von Jugendlichen, Frauen, Arbeitern, Bauern, Fischern, Kunst- und Kulturschaffenden sowie medizinischem Personal.

Im November 1977 veröffentlichte die NDFP ihr Zehn-Punkte-Programm, das später zu einem Zwölf-Punkte-Programm erweitert wurde. Oberstes Ziel bleibt die Schaffung einer volksdemokratischen Republik der Philippinen. Der Weg dorthin soll – im Sinne Mao Zedongs – über einen langwierigen Volkskrieg führen, in dessen Verlauf die Städte schrittweise vom Hinterland her eingekreist und schließlich in einer Serie militärischer Endoffensiven eingenommen werden. Zu den Minimalzielen, die bereits von Guerillafronten im Hinterland verfolgt und umgesetzt werden, zählen: Verringerung der Ernteabgaben an (Groß-)Grundbesitzer, Abschaffung beziehungsweise Senkung von Wucherzinsen, Basisgesundheitsdienste für die ländliche Bevölkerung und taktische Offensiven gegen die AFP.

Die NDFP spielte die führende Rolle im teilweise bewaffneten Widerstand gegen das Regime von Ferdinand E. Marcos (1965–86). Der hatte im September 1972 landesweit das Kriegsrecht verhängt und musste samt Familie im Februar 1986 ins Exil auf Hawaii flüchten. Zu der Zeit galt die NPA mit ihren annähernd 30.000 Kombattanten und 6.000 Schnellfeuerwaffen laut US-Verteidigungsministerium als »weltweit am schnellsten wachsende Guerilla«. Trotz oder gerade wegen dieser Erfolge verfestigte sich innerhalb der damaligen CPP-Führung der Militarismus. Das führte dazu, dass zeitweilige Rückschläge »eingeschleusten Agenten« angekreidet wurden. »Parteiinterne Säuberungsaktionen« kosteten über 1.000 Genossen das Leben – das dunkelste Kapitel in der Geschichte der CPP/NPA/NDFP. Dies wurde seit 1992/1993 durch eine »Berichtigungsbewegung« so weit »aufgearbeitet«, um laut parteiinternen Dokumenten alsbald ein strategisches Patt mit den AFP zu ermöglichen.

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