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Aus: Ausgabe vom 30.03.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Bomben nachdrucken

Von Arnold Schölzel
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Zum 20. Jahrestag des NATO-Angriffskrieges gegen Jugoslawien hielten sich die deutschen Medien von Taz bis FAZ, die den Bombardements 1999 noch Beifall zollten, an den von John Cleese 1975 einem britischen Hotelier in den Mund gelegten Grundsatz gegenüber deutschen Gästen: »Bitte den Krieg nicht erwähnen.« Die ausführliche jW-Berichterstattung zum Kosovo-Krieg überging das Schweigekartell so wie vor 20 Jahren. Erstaunlich war, dass in einigen Betrachtungen linker Medien dazu die Ausnahme jW unter den deutschsprachigen Tageszeitungen kaum zur Kenntnis genommen wurde. Auch ein Zeichen für journalistischen Sittenverfall.

Dann aber scherte der Auslandssender Deutsche Welle (DW) aus den Reihen der Unisonomedien aus. Er veröffentlichte am 22. März auf seiner serbischsprachige Website eine Presseschau unter dem Titel »Wie die Bomben gedruckt wurden«. Zitiert wurden Texte deutscher Journalisten aus dem Jahr 1999, deren Namen zudem auch noch genannt wurden – von Matthias Rüb (FAZ) bis Josef Joffe (damals Süddeutsche Zeitung). Die FAZ, die nach eigenem Eingeständnis beträchtlichen Einfluss auf die gewaltsame Auflösung Jugoslawiens in den 1990er Jahren und die Politik der Kohl-Regierung hatte, prangerte das schlechte Benehmen am folgenden Tag an. Südosteuropa- und Türkei-Korrespondent Michael Martens kritisierte die DW-Presseschau in der gedruckten FAZ unter dem Titel »Serbiens Präsident mag das. Deutsche Welle greift deutsche Korrespondenten«. In der Internetausgabe faz.net lautete die Schlagzeile: »Wie man einen Krieg umschreibt«. Untertitel: »Das serbische Programm der Deutschen Welle erinnert an den Beginn des Kosovo-Krieges vor zwanzig Jahren. Wie? Indem es Korrespondenten deutscher Zeitungen Kriegslüsternheit unterstellt.« Martens zitiert folgende Passage aus dem DW-Text: »Vor 20 Jahren zogen die Deutschen in den ersten Krieg seit Hitler – in die Bombardierung Jugoslawiens. Begleitet wurden sie dort(hin) von kriegslüsternen Zeitungskommentatoren.«

Am Montag reagierte die DW, als hätte die »Hauptverwaltung ewige Wahrheiten« eingegriffen. Unter der Überschrift »Entschuldigung: Unjournalistische Presseschau« veröffentlichte sie den von Martens kritisierten Text auf deutsch und behauptete, der Presseschau-Autor habe »nicht die journalistischen Kriterien der DW beachtet«. Der Sender versah den Text mit zahlreichen nicht näher begründeten Bewertungen wie »unangemessen« oder »unzulässig« und änderte ihn, ohne das im einzelnen zu vermerken. Fälschung wird dem Autor nicht vorgeworfen. Noch bemerkenswerter: Die von Martens zitierte Aufregervokabel »ratoborne«, die er mit »kriegslüstern« übersetzte, wird von DW nun mit »streitbar« übertragen.

Martens und der FAZ scheint das ohnehin zweitrangig. Wichtiger ist: Der Deutschland-Korrespondent des »serbischen Staatssenders RTS« habe die »großartige journalistische Arbeit« der DW »jedenfalls prompt gelobt«. Martens: »Das ist freilich kein Wunder, wenn man weiß, dass RTS ganz auf der Linie des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic liegt, der 1999 Milosevics ›Informationsminister‹ war.« Geraune statt Fakten. Kein Wunder freilich, dass der FAZ-Mann gleich völlig weglässt, was in dem Kontext nicht ganz unwesentlich ist: Das Belgrader RTS-Gebäude wurde am 23. April 1999 von der NATO bombardiert, wobei 16 Mitarbeiter den Tod fanden. Für das Kriegsverbrechen (Amnesty International) wurde aber kein NATO-Kommandeur, sondern allein der damalige RTS-Chef Dragoljub Milanovic 2002 verurteilt. Er saß zehn Jahre im Gefängnis. Peter Handke hat 2011 die ungeheuerliche Geschichte in einem Buch erzählt. Aber für »Berichterstattung« vom Balkan reicht auch 2019 Gewisper. Martens beweist, dass man Bomben sogar nachdrucken kann.

Das Belgrader RTS-Gebäude wurde am 23. April 1999 von der NATO bombardiert, wobei 16 Mitarbeiter den Tod fanden. Für das Kriegsverbrechen (Amnesty International) wurde aber kein NATO-Kommandeur, sondern allein der damalige RTS-Chef Dragoljub Milanovic 2002 verurteilt. Er saß zehn Jahre im Gefängnis. Peter Handke hat 2011 die ungeheuerliche Geschichte in einem Buch erzählt. Aber für »Berichterstattung« vom Balkan reicht auch 2019 Gewisper. Martens beweist, dass man Bomben sogar nachdrucken kann.

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