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Aus: Ausgabe vom 29.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Serbien wehrt sich

Chronik eines Überfalls (Teil 10), 29.3.1999: NATO-Tarnkappenbomber abgeschossen
Von Rüdiger Göbel
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Humanitäre Katastrophe, made by NATO: Ein Mann weint über sein zerstörtes Haus im serbischen Ort Aleksinac, 6.4.1999

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Ausgelassen feiern serbische Frauen auf einem Wrackteil einer zerstörten Maschine der US-Streitkräfte. Die jugoslawische Luftabwehr hat den supermodernen F-117A-Nighthawk-Tarnkappenbomber am 27. März gegen 20 Uhr in der Nähe des Dorfes Budjenovice etwa 60 Kilometer westlich von Belgrad abgeschossen. Das serbische Fernsehen RTS sendet Bilder des Wracks, auf dem ein Wappen mit zwei durch ein Schwert getrennten Flügeln und die Aufschrift »Air Combat Command« zu erkennen sind. Der Pilot, erklärt das Pentagon, hat sich mit dem Schleudersitz retten können und ist von US-Spezialeinheiten evakuiert worden.

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Kragujevac, eine von der Opposition verwaltete Stadt in Mittelserbien, ist seit Beginn des NATO-Krieges Ziel von Angriffen. Um ihre Fabrik vor den Luftattacken zu schützen, haben sich rund 38.000 Arbeiter der Stadt als »lebendigen Schutzschild« um die Produktionsanlagen postiert. Solange die Angriffe andauern, soll die Fabrik 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche beschützt werden. Noch hat die NATO die Autobauanlagen nicht bombardiert.

Gleich in der ersten Kriegsnacht ist ein NATO-Geschoss in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte »21. Oktober 1941« etwas außerhalb von Kragujevac eingeschlagen. Sie erinnert an das schreckliche Massaker der deutschen Wehrmacht. »Dies ist für uns ein Anschlag gegen die Zivilisation und gegen das Völkerrecht. Unsere Stadt hat zu viel gelitten, als dass wir uns irgendeiner Erpressung beugen würden«, erklärt Slavica Kominac, Direktorin der unter UNESCO-Schutz stehenden Gedenkanlage, gegenüber jW.

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Bei der Bundesregierung geht die Angst um, bald den Tod deutscher Soldaten in Jugoslawien bekanntgeben zu müssen. »Wenn deutsche Soldaten ums Leben kämen, hätte das natürlich Auswirkungen auf die Stimmung der Bevölkerung«, erklärt SPD-Fraktionschef Peter Struck, um schließlich klarzustellen, selbst dann müssen die Angriffe weitergehen. Den nächsten Krieg, in Afghanistan, verkauft Struck, dann als Verteidigungsminister, unter dem Werbeslogan, »Deutschland wird am Hindukusch verteidigt«.

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Währenddessen gehen in deutschen Städten wütende Kriegsgegner auf die Straße. Die größte Kundgebung mit rund 20.000 Menschen findet auf dem Alexanderplatz in Berlin-Mitte statt. PDS-Chef Lothar ­Bisky verurteilt Joseph Fischers Haltung zum Krieg, greift dessen historischen ­Einwurf im Bundestag auf und richtet sich mit deutlichen Worten an den Außenminister: »Mit Verlaub, Herr Fischer, Sie sind ein Arschloch!« Fischer hatte den Satz 1984 an den amtierenden ­Bundestagspräsidenten gerichtet, weil der wegen einer Kritik an Helmut Kohl den Grünen-Abgeordneten Jürgen Reents von der Sitzung ausgeschlossen hatte, und war daraufhin des Saales verwiesen worden.

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Die Proteste machen den Angegriffenen Mut: Momir P., Schüler des Ersten Gymnasiums in Kragujevac, schreibt an die »Deutsch-Serbische Begegnung« in Berlin: »Die Schule fällt aus. Wir sitzen den ganzen Tag am Internet, um das Neueste mitzubekommen. So haben wir auch gehört, dass General Schmähling einen Strafantrag gegen den deutschen Bundeskanzler gestellt hat. Bravo! Bravo auch für Stefan Heym und die Leute, die zu den Demonstrationen in Berlin gekommen sind.«

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Kriegsbeistand kommt dagegen von der katholischen Kirche. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Karl Lehmann, glaubt, die NATO-Angriffe hätten das Ziel, »eine humanitäre Katastrophe und eine Bedrohung des internationalen Friedens abzuwenden«.

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Der Schriftsteller Erich Loest erklärt auf die jW-Frage »Was sagen Künstler zum Krieg« u. a.: »Es ist leider nötig, den Krieg militärisch zu beenden. Milosevic ist durch nichts anderes zu besänftigen. Der Krieg beginnt nicht erst jetzt, er findet statt. Die Serben hatten sich schließlich geweigert, die Verträge von Rambouillet anzuerkennen.«

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Die Kampfjetpiloten der Bundeswehr wollen mehr Geld. »Wie bei vielen Spezialisten ist unsere Besoldung zu niedrig«, barmt der Bundesvorsitzende des Verbandes der Besatzungen strahlengetriebener Kampfflugzeuge der Bundeswehr, Dirk Heinzmann. Sein Verband will mit den zuständigen Ministern reden, »aber erst, wenn der Ernstfall in Jugoslawien vorbei ist«.

Nächster Teil morgen: Medien gleichgeschaltet. Die »humanitäre Katastrophe« als Hebel der NATO

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