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Aus: Ausgabe vom 28.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
HipHop

Alle Ebenen

Gänsehaut und Militanz: Das neue Album der Rap-Crew Waving the Guns
Von Marcus Staiger
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Große Knarre für kleine Hallen

WTG steht für Waving the Guns, bedeutet aber auch »Wesentliches tight gereimt«, wahre Zeilen in Tateinheit mit maßgeschneiderter Instrumentalbegleitung, mit Knarren rumfuchteln oder eben auch ganz einfach nur Totalverweigerung. Im Grunde muss man sich auf dem neuen Album der vier aus Rostock nur das Intro und das Outro anhören, um zu wissen, in welchem Spannungsfeld sich »Das muss eine Demokratie aushalten können« bewegt. So stellt Rapper Milli Dance gleich zu Beginn klar, dass ihm sein Dasein in seiner Musikspartennische und das Füllen kleiner Hallen vollkommen ausreichen und er auf die großen Hallen scheißt, in denen die ganzen anderen HipHop-Hampelmänner ihre Konzerte zelebrieren, die wie Fitnessmessen aussehen.

Wem die Trauben zu hoch hängen, dem sind sie selbstverständlich zu sauer, und so hat die Glorifizierung, in ranzigen autonomen Jugendhäusern zu spielen, auch ihren WTG-eigenen ironischen Unterton, denn natürlich würde man die Gigs auf den großen Bühnen nicht ablehnen, wenn sie einem denn angeboten würden – werden sie aber nicht, und deshalb hackt man sie schon mal vorsorglich zu Kleinholz, worüber man sich dann selbstironisch auch wieder lustig macht und so weiter.

Im Outro wiederum verabschiedet sich die Crew mit einem doppeldeutigen »Bis zum nächsten Mal, wenn es denn ein nächstes Mal überhaupt gibt«. Dass dieses nächste Mal nicht zu 100 Prozent feststeht, liegt natürlich zum einen daran, dass niemand sagen kann, ob das Konzept, von diesem Ding namens »Rapmusik in kleinen Hallen« leben zu können, aufgeht, zum anderen – und da wird es dann auch ein bisschen Gänsehaut – werden wir uns in absehbarer Zeit noch in einer Gesellschaft befinden, in der so etwas wie WTG überhaupt möglich ist?

Das klingt durchaus pathetisch, und vielleicht sieht Milli Dance die Zukunft an dieser Stelle tatsächlich ein wenig zu schwarz, aber die Frage, ab wann eine pessimistische Vorausschau in katastrophisches Kassandra-Geheule driftet, trifft einen dann doch emotional mit diesem »Vielleicht ist das ein Abschied für immer, aber hoffentlich auch wieder nicht«. Genauso wie einen der Song »Ich werde mich verteidigen« mit der existentiellen Frage konfrontiert, ab wann man mit einer militanten und physischen Verteidigung anfangen sollte, gegen das, was sich da am Horizont als politisches Unwetter zusammenbraut: Verpasst man den Zeitpunkt, ist es vielleicht zu spät, kommt man zu früh, handelt man sich den Vorwurf ein, ein irrer linksradikaler Prepper zu sein, der die Katastrophe mit seinem Handeln und peinlichem Heroismus erst heraufbeschwört.

Das Gute an einer Band wie Waving the Guns ist dann aber auch, dass all diese Ebenen immer mitgedacht, in Schleife laufen und geloopt werden, und man so im Meer der eigenen zwiespältigen, sich widersprechenden Gefühle versinkt, je weiter man ins ständig sich selbst reflektierende Labyrinth der Gedankenwelt von Milli Dance und Co. vordringt. Mit den hittigen Melodien von Dr. Damage, die auch dann noch im Kopf nachhallen, wenn man die Platte, die CD oder Streams schon längst beiseite gelegt hat, gehört dieses Album schon jetzt zu einem der herausragenden des noch jungen Jahres.

Waving the Guns: »Das muss eine Demokratie aushalten können« (­Audiolith)

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