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Aus: Ausgabe vom 28.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Ohne Arme klassisch

Demontierte Statue »Freundschaft« aus dem Warschauer Kulturpalast taucht auf Kunstauktion auf
Von Reinhard Lauterbach
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Fahne verschollen, Arme ab: verstümmelte »Freundschaft«

37 Jahre lang, von 1955 bis 1992, stand die Doppelstatue »Freundschaft« im Foyer des Warschauer »Palasts der Kultur und Wissenschaft«: drei Meter hoch, zwei Männerfiguren, der eine hielt mit dem einen Arm eine Fahne und hatte den anderen um die Schulter des zweiten gelegt. Geschaffen hatte die Figuren Alina Szapocznikow, Jahrgang 1926 und Auschwitz-Überlebende. Nach dem Krieg von der Volksrepublik Polen gefördert, erhielt sie Stipendien zur Ausbildung in Prag und Paris und bewarb sich, als ein Wettbewerb für die künstlerische Ausgestaltung des als »Geschenk des sowjetischen an das polnische Volk« im Warschauer Zentrum errichteten Kulturpalasts ausgeschrieben wurde. Ihr Entwurf war nicht der Gewinner, wurde aber trotzdem realisiert.

1992 schlug der »Staatskunst« das letzte Stündlein. Der damalige Direktor des Kulturpalasts beauftragte eine Firma, die Skulptur zu entfernen. Die Abbrucharbeiter schnitten den Figuren die Arme ab, weil sie zu ausladend waren, um den Rest durch die Tür zu bekommen. Arme und Fahne sind verschollen; die Figuren selbst aber verkaufte der Abbruchunternehmer nicht auf den Schrott, sondern stellte sie auf seinem Grundstück unter. Was ihn dazu veranlasste, ist nicht bekannt: Gefielen sie ihm, wusste er, dass die 1963 nach Frankreich emigrierte und dort 1969 verstorbene Szapocznikow inzwischen eine Größe auf dem Kunstmarkt geworden war? Jedenfalls tauchte die verstümmelte »Freundschaft« jetzt im Katalog des Warschauer Auktionshauses Desa auf: für einen Startpreis von umgerechnet 160.000 Euro soll sie an diesem Donnerstag unter den Hammer kommen.

Der Vorbehalt des »soll« liegt daran, dass die polnische Kulturbürokratie die Auktion verhindern möchte. Die Leitung des Kulturpalasts klagte gegen die Versteigerung, weil die Statue der »Freundschaft« zum »denkmalgeschützten Ensemble« des Kulturpalasts gehöre. Dummerweise gilt dieser Denkmalschutz aber erst seit 2007, da war die »Freundschaft« schon 15 Jahre entsorgt. Juristisch ist der Vorstoß also schwach begründet; politisch ist er der durchsichtige Versuch derselben Kreise, die den Kulturpalast jede Sauregurkenzeit einmal abreißen lassen wollen, ihren Kahlschlag ausgerechnet unter Berufung auf den Denkmalschutz komplett zu machen.

Eines muss man übrigens denjenigen, die die »Freundschaft« 1992 mit dem Trennschleifer behandelt haben, lassen: Sie haben die Skulptur ästhetisch sogar aufgewertet. Die Armstümpfe schaffen visuelle Assoziationen zu Meisterwerken der Antike wie der Nike von Samothrake, deren Wirkung und Zauber ja auch nicht darunter gelitten haben, dass sie nur verstümmelt überliefert sind. Im Gegenteil tritt der humanistische Gehalt der Skulptur, die gegenseitige Zuwendung der beiden in ihrer verschmolzenen Gestalt, ohne Äußerlichkeiten wie die Fahne jetzt sogar noch deutlicher hervor.

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