Gegründet 1947 Donnerstag, 25. April 2019, Nr. 96
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.03.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Monopole

Berlin setzt auf Kursgewinne

Bundesfinanzminister Olaf Scholz wirbt für Fusion von Commerz- und Deutscher Bank. Yannis Varoufakis warnt vor »gigantischem Zombie«
Von Simon Zeise
RTX6MOHL.jpg
Die Geschäfte einfach mal laufen lassen: Ausblick aus der Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main

Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Die Commerzbank wird ihren Gewinn auch 2019 nur in kleinen Schritten steigern können. »Für das laufende Geschäftsjahr erwarten wir unter dem Strich ein leicht höheres Konzernergebnis als im Vorjahr«, sagte Konzernchef Martin Zielke bei der Vorlage des Geschäftsberichts am Mittwoch in Frankfurt am Main. Im vergangenen Jahr machte das Geldhaus einen Überschuss von 865 Millionen Euro. Doch die wirtschaftliche Lage bleibe »herausfordernd, und wir haben trotz vieler Fortschritte noch einige Aufgaben vor uns«, sagte Zielke.

Zu den Fusionsplänen mit der Deutschen Bank äußerte er sich nicht. Das taten andere für ihn: Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ist immer noch Feuer und Flamme für den Zusammenschluss. Es müsse Banken in Deutschland geben, »die die globale Volkswirtschaft Deutschlands auch begleiten können in Europa und in der übrigen Welt«, sagte Scholz der FAZ vom Mittwoch. Too big to fail? Kein Argument für Scholz: »Klar ist aber eins: Wir bekommen einen europäischen Bankenmarkt mit sehr großen Instituten und einem großen Abwicklungsfonds, der in der Lage sein wird, mit jedem großen Problem umzugehen.« Die Bürger sollten sich keine Sorgen machen, dass sie wieder mit ihrem Geld für die Rettung von Banken geradestehen müssten. Der europäische Abwicklungsmechanismus sei ausreichend, um »viel größere Banken als die beiden zu begleiten, über die gerade in Deutschland diskutiert wird«.

Beunruhigt über Scholz’ Pläne dürfte Yanis Varoufakis sein. Der frühere griechische Finanzminister warnte in einem Beitrag für das Handelsblatt am Mittwoch vor einem »gigantischen Zombie«, der durch die Fusion geschaffen werde. »Wenn Deutsche Bank und Commerzbank fusionieren, dann stehen wir vor einer potentiellen Katastrophe«, schrieb Varoufakis. Zusammen verfügten die beiden Banken über ausstehende Kredite in Höhe von zwei Billionen Dollar, während ihr Marktwert unter 30 Milliarden Dollar liege.

Scholz und Spekulanten dürften ein besonderes Interesse verfolgen: »Bei einem Kauf der Commerzbank durch die Deutsche Bank würde diese ein neues, ›magisches‹ Vermögen hinzugewinnen«, schreibt Varoufakis: »Die Differenz zwischen dem Kurs der Commerzbank-Aktie und ihrem geprüften Wert.« Da der Marktwert der gemeinsamen Aktien 30 Milliarden Dollar betrage, werde die Differenz von rund 16 Milliarden Dollar wie auf magische Weise in die Bücher des neuen Instituts aufgenommen. »Einfacher ausgedrückt«, nennt es Varoufakis, »die Finanzjongleure sind dabei, 50 Prozent mehr Wert aus dem Nichts zu erschaffen – Geld, das es nicht gibt, das aber dem neuen Vorstand die Möglichkeit geben wird, so zu tun, als wäre die neue Bank gesünder, als sie es tatsächlich ist.« Die Bundesregierung befeuere die Fusion unter anderem deshalb, weil sie die Regelungen zu einer Bankenüberwachung für deutsche Banken durch die Europäische Zentralbank nicht umsetzen möchte, obwohl sie den Mechanismen zugestimmt hatte.

Neben Varoufakis scheinen auch die Großaktionäre der Deutschen Bank nicht allzu scharf auf die Hochzeit zu sein. Dem Aufsichtsratvorsitzenden Paul Achleitner zum Trotz, der schon im Sommer 2018 damit begonnen habe, unter ihnen für eine Fusion mit der Commerzbank zu werben, berichtete die FAZ am Mittwoch. Das Emirat Katar, das rund drei Prozent der Aktien hält, habe bereits zwei Drittel des Einkaufspreises verloren. Weil die Deutsche Bank für die Fusion neue Aktien kaufen muss, werde das Stück vom Kuchen für die Katarer kleiner, so die Befürchtung. Katar werde einer Kapitalerhöhung nur zustimmen, wenn es zuvor eigene Bedingungen und Zugeständnisse mit der Deutschen Bank aushandeln könne. Am Freitag hatte bereits der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock, der an beiden Banken beteiligt ist, seine Abneigung kundgetan. Es könne nicht das Ziel sein, damit noch eine große Investmentbank nach US-amerikanischem Vorbild zu schaffen, weil das »nicht funktionieren würde«, hatte Blackrocks Vizeverwaltungsratschef Philipp Hildebrand gesagt. Er verstehe die Überlegung hinter dem Fusionsplan nicht.

Rosig sieht auch die Commerzbank die Zukunft nicht. »Allerdings sind die Risiken für den kurzfristigen Ausblick auf das bankgeschäftliche Umfeld in den vergangenen Monaten weiter gestiegen, und im Unterschied zur Situation vor einem Jahr überwiegen nun die Abwärtsrisiken«, heißt es im am Mittwoch vorgestellten Geschäftsbericht.

Der Betriebsrat forderte den Vorstand am Mittwoch dazu auf, »den Schaden jetzt zu begrenzen«. Das Vorhaben habe »im Management, bei den Mitarbeitern, in den Gremien, bei den Kunden unserer Bank wie auch in der Gesellschaft keinen Rückhalt.« Die Beschäftigtenvertreter sind »der Auffassung, dass Sie sich ohne einen erkennbaren Plan, ohne Vision und ohne den Rückhalt in ein unbeherrschbares Abenteuer stürzen«, heißt es in der an den Vorstand versandten »Protestnote«.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Ohne die Beteiligung vom Bund würden die Commerzbank-Manager die...
    19.03.2019

    Steigende Systemrisiken

    Deutsche Bank und Commerzbank loten Fusionspläne aus. Monopolkommission warnt vor Krisengefahr. Zehntausende Arbeitsplätze könnten wegfallen
  • So nah und doch so fern: Eine Fusion der Deutschen Bank mit der ...
    22.12.2018

    Eine Quatschidee

    Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Mehr aus: Kapital & Arbeit