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Aus: Ausgabe vom 27.03.2019, Seite 16 / Sport

Heimaturlaub auf argentinisch

Von André Dahlmeyer
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Planlos in Madrid: Lionel Messi

Einen wunderschönen guten Morgen! Kaum hatte der ehemalige Weltfußballer Lionel Messi vergangenen Freitag in Madrid beim Freundschafteln gegen die »Vinotinto«, die Auswahl Venezuelas, das Leibchen der »Albiceleste« (der argentinischen Selección) vollgeschwitzt, explodierten – nach einem kläglichen 1:3 Argentiniens – die gehörnten und geschredderten Fans der Gauchos, vor allem die Journalisten nahezu sämtlicher argentinischer Medien, und forderten Lynchjustiz. Schuldzuweisungen wurden verzweifelt gestammelt, Hauptsache niemand selbst hatte damit zu tun.

Die Quintessenz Argentiniens besteht genau darin; das Land und seine Aas fressenden Geier sind sich ja nie zu schade, sich stets neu zu erfinden – nur dass diese Neuerfindungen keine sind, sondern den Status Quo erhalten wollen. Argentinien ist Argentinien. Der Rest der Welt existiert nicht. Außerdem sind wir schlauer. Der Rest der Welt weiß zwar seit rund hundert Jahren, dass daran nichts stimmt, dass das eine argentinische Lebenslüge ist. Und wenn wir noch dreihundert Jahre warten, kommt dieses heilige Ungemach vielleicht auch mal in Argentinien an.

Das letzte Mal, dass Argentinien im Stadion Wanda Metropolitano, dem neuen Tempel von Atlético Madrid, spielte, war es das Testmatch vor der letzten WM gegen das Spanien von ­Julen Lopetegui. Lopetegui gewann das Match gegen die argentinische Mannschaft von Sampaoli mit all seinen Sternchen 6:1, es hätte gut und gern auch 20:4 ausgehen können. Was ich sah, war wundervoll. Die spanischen Linien standen nie mehr als zehn Meter auseinander und bewegten sich ausschließlich im roten Block. So machen das sonst die Bullen auf Demos. Es war perfekt. Solche Bewegungen sieht man ja in der Regel nur live, also im Stadion. Doch hier sah man tatsächlich alles im Fernsehen, auf diesem kleinen bescheidenen Bildschirm, der einem angeblich was von der großen weiten Welt erzählen will.

Strategie und Taktik sind sehr wichtig, vor allem im Mannschaftssport. Indes, telegen waren taktische Manöver hierzulande bis dahin nicht. Weshalb auch? In Deutschland schauen die Menschen »Tatort« und suhlen sich in ihrem Reichtum. Verbrechen in Deutschland sind Pseudoverbrechen. Was die Argentinier hingegen täglich auf der Straße erleben, zeigt, dass das allenfalls die halbe Wahrheit ist. Und die Nationalmannschaft Argentiniens hat nun außerdem das Problem, dass deren Auswahlspieler alles Heimische ablehnen. Denn sie spielen in Teuropa und dort selbstverständlich nie auf den Positionen, auf denen sie in der argentinischen Auswahl spielen. Wenn sie in die Nationalmannschaft eingeladen werden, betrachten sie es als Betriebsausflug oder Heimaturlaub. Wenn da dann auch noch ein Lionel Messi herumfleucht, gibt man dem halt den Ball, nein, alle Bälle, und die Gesamtverantwortung obendrauf. Aber so funktioniert keine einzige Mannschaft auf der Welt, in keinem Sport der Welt. Die potentiellen »Mitspieler« Messis haben ein Charakterproblem. Ruhm? Egal. Geld? Lass hören! Amen.

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