Gegründet 1947 Donnerstag, 25. April 2019, Nr. 96
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 27.03.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Europa

Von Arnold Schölzel
RTX2RD7D.jpg
Flüchtlingslager Moria auf Lesbos, 5. November 2015: Warten auf die Registrierung für »Europa«

Wenn das die Helden des Kampfes gegen die »Islamisierung des Abendlandes« wüssten: Zeus, als männliche Kuh getarnt, raubte die mythische Königstochter »Europe« vom heute libanesischen Strand. Die Namensgeberin kam aus Vorderasien und mit »Europa« waren zunächst Gegenden am Mittelmeer gemeint. Keine Spur von Kampfbegriff. Der Geschichtsschreiber Herodot (etwa 480–420 v. u. Z.) schrieb zwar viel über Unterschiede zwischen Griechen, Persern und Ägyptern, aber als die Römer später die hellenische Kultur klauten, spielte das keine Rolle. Erst das national gestimmte Bürgertum des 19. Jahrhunderts fand heraus, dass das »Abendland« nichts mit Asien oder Afrika zu tun habe, sondern eine »weiße« oder »arische« Angelegenheit sei. Die reale Geschichte fasste Friedrich Engels im »Anti-Dühring« so zusammen: »Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. (…) In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen: Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus.«

Die Gleichsetzung von »Abendland« und »Europa« ist verbunden mit der Teilung der christlichen Kirche und des römischen Reiches. Seit dem 4. Jahrhundert hatten die Westchristen Latein zur Liturgiesprache gemacht, was sie nach der Reichsteilung 395 kulturell zusammenhielt. Das »Abendland« war eine Schrumpfeinrichtung, die am westlichen Rand der heute zu »Europa« gezählten 10,5 Millionen Quadratkilometer existierte, Hass auf »Heiden« im Osten und Süden seine Markenzeichen. Im Kreuzzugsfanatismus kulminierten Geld- und Machtgier von Klerus und Adel. Handel, Seefahrt, industrielle Produktion, Renaissance und Aufklärung hielt das nur zeitweilig auf, aber das neuzeitliche Europa, in dem das Wort in die Alltagssprache gelangte, verhielt sich gegenüber Nichteuropäern grausamer als das mittelalterliche: Es verkündete zwar Völker- und Menschenrechte, aber nicht für Kolonien, Ureinwohner und Sklaven. Seit dem 15. Jahrhundert und dem ersten »modernen« Sklavenmarkt im portugiesischen Lagos 1444 steht »Europa« für Vernichtung von Millionen Menschen, für transatlantischen Sklavenhandel und Raub. In der kontinentalen Geistes- und Kunstgeschichte spielt das kaum eine Rolle, dort wird mehr die Heilsgeschichte des Eurozentrismus erzählt: Im Kampf gegen Barbaren breitete sich die einzig wahre Zivilisation aus. In der Kriegspropaganda des Westens ist es bis heute dabei geblieben.

Seit dem Übergang zum Imperialismus um 1900 kämpfen Monopole und Großmächte um die Neuaufteilung der Welt, deutsche Strategen planten eine auf »Europa« gestützte Weltmacht. Nach zwei gescheiterten Anläufen scheint das Kalkül nun aufzugehen. Allerdings: Das hiesige Wirtschaftsmodell – Niedriglohnpolitik und Exportwalze – destabilisiert gleichzeitig die EU. Krieg nach außen und sozialer Krieg nach innen, massive Einschränkung parlamentarischer Demokratie und Oberwasser für neofaschistische Trupps signalisieren eine heraufziehende Barbarei.

Als Sprengstoff auf der subjektiven Seite erweist sich: In »Europa« trugen sich zwar über drei Jahrtausende hinweg reale gemeinsame Veränderungen zu, es entstand aber auch eine enorme Vielfalt an Kulturen, Mentalitäten und sozialen Institutionen. »Europa« ist ein zutiefst dialektischer Begriff, mit Hegel gesprochen eine Identität von Identität und Nichtidentität, und Dialektik sein vielleicht wichtigstes geistiges Erbe. Das EU-Europa der Monopole aber bedeutet Negation von unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und sozialen Errungenschaften. Seit dem Ende der sozialistischen Länder, die nie zu »Europa« gezählt wurden, tritt Senkung des Lebensniveaus hinzu. Dieses »Europa« ist ein Begriff sozialer Demagogie und des Irrationalismus. Seine heutigen Verteidiger und die des »Abendlandes« sind Vorboten anderer Herrschaftszeiten.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers: