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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Leipziger Buchmesse

Die Lücken schließen

Man war schon mal weiter: Rückblick auf die Leipziger Buchmesse
Von Peter Merg
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»Weniger sichtbar«: Etwa 100 Teilnehmer hatte diese Demo gegen rechte Verlage

Alles schien wieder normal zu sein. Von der überraschenden Politisierung der Leipziger Buchmesse 2018 war heuer kaum etwas zu spüren. Provokante Auftritte neurechter Verlage blieben aus: Die Szenegrößen Junge Freiheit und Antaios waren offenbar zu sehr mit internen Revierkämpfen beschäftigt oder fürchteten einen PR-Gau. Ein paar angesäuselt pöbelnde NPD-Helferlein erregten eher Mitleid.

Doch normal war damit noch lange nichts: Die Flurgespräche in der Halle 5, in der die meisten Unabhängigen ihre Stände haben, wurden von der Insolvenz des Buchgroßhändlers KNV bestimmt. Während die großen Häuser gegen die Zahlungsausfälle versichert sind, gibt es kaum einen Kleinverlag, der nicht auf offenen Rechnungen in vier- bis sechsstelliger Höhe sitzenbleibt. »Das ganze Weihnachtsgeschäft ist weg«, sagte Katharina Florian von der Hamburger Edition Nautilus und verwies auf Kollegen, die es noch härter trifft. Der Leipziger Verlag Voland & Quist rechnet mit Umsatzeinbußen in Höhe von 65.000 Euro, das sind zwölf Prozent des Jahresumsatzes. »Mit der ausstehenden Summe können wir ein ganzes Jahr Programm gestalten«, heißt es auf dem Verlagsblog, und weiter »Da wird es gleich sehr rot in den Tabellen und die Wut, eben noch kalt und nur leicht murrend, kräftiger. Sie wechselt sich ab mit Ratlosigkeit. Wie sollen wir diese Lücke schließen? Müssen wir gar selbst Insolvenz anmelden?« Nur das verhältnismäßig gute Geschäftsjahr 2018 und anziehende Verkäufe im Frühjahr bewahrten die Branche bislang vor einer Insolvenzwelle. Viele wünschen sich einen staatlichen Rettungsschirm, um Schlimmeres zu verhindern. Vereinzelte linke Stimmen fordern die Verstaatlichung des Zwischenhändlers.

Unter den ökonomischen Schwierigkeiten leidet auch das zaghaft erblühte antifaschistische Engagement. Zwar lagen an vielen Ständen die »Verlage gegen rechts«-Flyer, doch war die Initiative weniger sichtbar als im Vorjahr. Die Zusammenarbeit habe gehakt, die Mobilisierung sei schwerergefallen, hieß es aus dem Organisatorenumfeld. Die liberale Illusion, Buchmessen könnten ein unpolitischer Raum wohlmeinend-weltläufiger Geschäftigkeit sein, ist leichter aufrechtzuerhalten, wenn der politische Feind nicht am Stand nebenan steht und man eh gerade andere Sorgen hat.

Wie wichtig die offensive Auseinandersetzung mit den grassierenden rechten und neoliberalen Ideologemen ist, verdeutlichte am Sonnabend die vom linken Jugend-Onlinemagazin Supernova ausgerichtete Diskussion »Can’t buy feminism«. Während die Politlogin Anna Stiede die Notwendigkeit betonte, die Abschaffung patriarchaler Ausbeutung mit dem Kampf für eine sozialistische Gesellschaft zu verbinden, kritisierte die freie Journalistin Claudia Schumacher antikapitalistische Rhetorik als »weinerlich« und »unnötig«, forderte statt dessen verschärfte staatliche Regulierungen. Überraschend präzise wurde hier der eklatante Widerspruch zwischen einem in liberalen Medien gehypten Lifestyle-Feminismus formuliert, der das Ende des Patriarchats nur als geschlechterparitätische Besetzung von Aufsichtsräten und etwas mehr Sozialstaat für Näherinnen in Bangladesch denken kann, und einer revolutionär-materialistischen Kritik der Verschränkung von Verwertungslogik und Frauenunterdrückung. Welcher dieser Ansätze gegen die neurechte Offensive besser bestehen kann, wurde von Stiede mit Verweisen auf Errungenschaften in der DDR nur angedeutet. Wir erinnern uns: In Sachen feministischer und antifaschistischer Normalität war man in Leipzig schon einmal weiter.

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