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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Deutschland macht mit. Chronik eines Überfalls (Teil 7), 25.3.1999

Von Rüdiger Göbel
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»Deinem Urgroßvater haben sie erzählt ...« – jW-Titelseite vom 25. März 1999 mit einem Gedicht von Franz Josef Degenhardt

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Verkehrte Welt: Nachdem die NATO am 24. März 1999 mit dem Bombardement auf Jugoslawien begonnen hat, fordert der deutsche Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) die Regierung in Belgrad auf, »sofort die Waffen schweigen zu lassen«. »Niemand gibt dieser Regierung das Recht, das Morden im Kosovo fortzusetzen.« Und: »Es ist unsere Verpflichtung, den Menschen weiteres Leid zu ersparen.« Es müsse weiterhin das Ziel bleiben, im Kosovo eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, so Scharping. Humanitäre Katastrophe und Massenflucht von Hunderttausenden und werden freilich erst durch die NATO-Bomben ausgelöst.

Grünen-Wehrexpertin Angelika Beer wünscht »unseren Soldaten, dass sie gesund wiederkommen«.

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Momcilo Trajkovic, Vorsitzender der serbischen Widerstandsbewegung Srpski pokret otpora, einer Organisation der Kosovo-Serben, erklärt im jW-Interview (aufgezeichnet kurz vor Kriegsbeginn am 24.3.) zur Lage in der Provinz und dem Agieren der UCK: »Bis jetzt hatten wir bewaffnete Konflikte fast nur auf dem Lande. In den letzten Tagen aber werden wir Zeugen, dass es mehr und mehr Anschläge in den Städten der Provinz gibt. Die 138 OSZE-Beobachter sind weg. Man spürt in Pristina diese Veränderung. Bis vor kurzem war die Stadt von Gewalt verschont geblieben. Angst haben alle Bewohner, sowohl die Albaner als auch die Serben. (…) Die UCK will die serbische Polizei provozieren, damit NATO-Truppen in das Kosovo kommen. (…) UCK-Leute zwingen auch die albanische Bevölkerung zur Flucht, obwohl keiner bedroht ist, nur damit man vor den westlichen TV-Kameras von ›ethnischen Säuberungen‹ reden kann.«

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Die Londoner Zeitung Times berichtet unter Berufung auf Europol, dass die albanische UCK ihren Sezessionskampf zum Teil mit Drogengeldern finanziert. Vor allem in der BRD, der Schweiz und Skandinavien lebende Kosovo-Albaner seien an Rauschgiftgeschäften beteiligt und überwiesen die Profite nach Hause.

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Die 22jährige Tanja Djurovic, die mich bei meiner Arbeit als jW-Korrespondent in Belgrad in den folgenden Wochen tatkräftig unterstützen wird, bringt die Stimmung auf den Punkt: »In den unsterblichen Worten von Charles Dickens war es die schlimmste aller Zeiten, war es die beste aller Zeiten. Wir hatten Bombenfrühling und gleichzeitig gemeinsame Grillfeste auf den Dächern von Belgrad. Angst und Solidarität, vermischt mit einer großzügigen Portion traditionellen serbischen Trotzes. – Am Abend des 24. März 1999 saß ich allein im abgedunkelten Büro der Nachrichtenagentur Kyodo. Ich hatte Telefondienst und erwartete den Einschlag der ersten Bombe. Seit Wochen verfolgte und übersetzte ich Texte lokaler Nachrichtenagenturen für den ansässigen japanischen Korrespondenten, aber es fiel mir schwer, ihm die Gründe zu ›übersetzen‹, warum Serbien den Forderungen der NATO nicht nachkommt und die Ultimaten und Drohungen nicht akzeptiert. Mein Chef konnte einfach nicht verstehen, warum wir uns mehr um die Souveränität unseres Landes sorgen als um unser Leben. ›Sie sind stärker‹, sagt er immer wieder. ›Gib ihnen, was sie wollen. Es spielt wirklich keine Rolle, wer recht hat.‹ Das Problem mit meinem Land war schon immer: Wir wissen nicht, wie wir aufgeben sollen, wenn wir wissen, dass wir im Recht sind. Das hat nichts mit der Unterstützung des ›derzeitigen Regimes‹ und von Präsident Slobodan Milosevic zu tun. Wie immer in der serbischen Geschichte sind wir am 24. März und in den folgenden Monaten bereit, unser Land gegen die militärische Macht eines ausländischen Aggressors zu verteidigen.«

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Die NATO setzt ihre Angriffe auf Ziele in ganz Jugoslawien fort. In der Hauptstadt Belgrad, in der Kosovo-Provinzhauptstadt Pristina und in Novi Sad im Norden des Landes wird am Abend des 25. März wieder Luftalarm gegeben. Über den Rundfunk werden die Bürger aufgerufen, Schutzräume aufzusuchen.

Nächster Teil morgen: Was sagen die Helden des Herbstes?

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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