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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Ein Kunstwerk verschwindet

Letzte Aufführung: Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Peter Handkes »Immer noch Sturm« in Berlin
Von Jakob Hayner
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»Und alles nur noch ein Als-ob« (Tilo Werner, Jens Harzer, Oda Thormeyer, Matthias Leja, Gabriela Maria Schmeide)

Theater ist eine flüchtige Kunstform. Wenn eine Inszenierung aus dem Repertoire genommen und das Bühnenbild verschrottet wird, die Kostüme in den Fundus wandern und die Schauspieler den Text vergessen können, verschwindet auch ein Kunstwerk. Sicher, es gibt heutzutage Videoaufzeichnungen. Doch auch der beste Mitschnitt lässt nur erahnen, was im Vergleich dazu das Erleben der Aufführung bedeutet.

Am vergangenen Donnerstag und Freitag konnte man nun zum allerletzten Mal Dimiter Gotscheffs Uraufführung von Peter Handkes »Immer noch Sturm« von 2011 sehen. Die Inszenierung kam als Gastspiel des Hamburger Thalia-Theaters an die Berliner Volksbühne. Als Unterstützung, damit an dem Haus wieder richtiges Theater zu sehen sei, wie der Hamburger Intendant Joachim Lux es ausdrückte. Die Inszenierung war am passenden Ort. Der 2013 verstorbene Gotscheff war einer der prägenden Regisseure an der Volksbühne wie auch am Deutschen Theater in Berlin. In dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz brachte er zum Beispiel Anton Tschechows »Iwanow« auf die Bühne. Das nur aus Nebel bestehende Bühnenbild schuf Katrin Brack. Auch für »Immer noch Sturm« hat Brack das Bühnenbild entworfen. Ein leerer Raum, schwarz abgehängt. Oben ein Kreis von Scheinwerfern, aus dessen Mitte unaufhörlich Regen aus grünen Papierstücken herabrieselt. Ein Bild, das sowohl Assoziationen an eine Landschaft wie an einen aus Details zusammengesetzten Fluss der Erinnerung weckt.

Handke beschreibt einen »Ich«-Erzähler, bewusst mit Anführungen versehen, der in der Erinnerung seine Ahnen aufruft. Gespielt wird er von Jens Harzer (neuerdings Träger des grotesken »Iffland-Rings«), der ruhelos über die Bühne streift. Seine Familie – die Großeltern sowie die Mutter mit der Schwester und den drei Brüdern – gehört zur slowenischsprachigen Minderheit im Jaunfeld in Kärnten. Sie führt ein bäuerliches Leben mit den Beschwerlichkeiten und Freuden, die damit einhergehen. Die Obstbäume im Garten sind wichtiger als das Weltgeschehen. Doch das ändert sich in den dreißiger Jahren. Die Deutschen kommen, und mit ihnen der Krieg. Alles wird eingedeutscht, auch die Sprache. Der einäugige Gregor (Tilo Werner), der älteste Bruder der Mutter, muss in den Krieg. Doch diesen Krieg will er nicht, er schließt sich den Partisanen in den Bergen an. Ebenso die von Bibiana Beglau gespielte Schwester Ursula. Begleitet auf Drehleiher und Akkordeon von den Musikern Sandy Lopicic und Matthias Loibner stimmt sie das Lied von den »Partisanen vom Amur« an. Die beiden anderen Brüder werden nicht zurückkehren, weder Valentin (Hans Löw), der den Krieg als abenteuerliche Befreiung aus der Enge der Berge empfindet, noch Benjamin (Heiko Raulin), der Jüngste. Ein paar Phrasen – »für Führer und Vaterland« – kommen per Post, während die Mutter (Oda Thormeyer) ein Kind von einem deutschen Offizier erwartet, dem sie dann »heim ins Reich« folgt.

Nun begreifen auch die Großeltern – Gabriela Maria Schmeide und der für Matthias Leja kurzfristig eingesprungene Andreas Leupold –, dass es kaum einen anderen Weg zum Frieden geben kann als über den Kampf der Partisanen. Wenn es überhaupt Frieden geben kann. Es komme ihr vor, als sei die Welt schon untergegangen, sagt die Großmutter, und alles nur noch ein Als-ob. Aber der Frieden kommt. Jedoch nicht für die slowenischsprachige Minderheit, obwohl sie als Partisanen gegen die Deutschen kämpften. Denn im postnazistischen Österreich werden sie ausgegrenzt, benachteiligt und ausgeschlossen. Sie sind der Willkür derer ausgesetzt, die mit den Nazis kollaborierten. Bei Handke wird das zur Anklage gegen die Geschichte schlechthin. Kann sie die letzte Instanz sein, vor der sich alle verantworten müssen, wenn sich doch das Unrecht fortsetzt? Fallen Wahrheit und Geschichte nicht auseinander?

Der Titel »Immer noch Sturm« ist eine Anspielung auf Walter Benjamins »Thesen über den Begriff der Geschichte«, in denen ein Sturm den Engel der Geschichte vor sich her treibt. Der sieht einen Trümmerhaufen, wo andere vom Fortschritt sprechen. Gotscheff hat Handkes Text mit einfachen, aber poetischen Gesten auf die Bühne gebracht. Diese Art der Übersetzung beherrschte er wie kaum ein anderer, man denke nur an die Inszenierung von Heiner Müllers »Zement« am Münchner Residenztheater. Doch die wird nicht mehr gespielt – und »Immer noch Sturm« nun auch nicht mehr. Dimiter Gotscheff, der große Erzähler des Theaters, verschwindet von der Bühne. Zu seinem 76. Geburtstag am 26. April kann man ihn noch einmal sehen, in »Hamletmaschine« am Deutschen Theater. Natürlich auf Video – als Einspruch gegen die Flüchtigkeit.

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