Gegründet 1947 Freitag, 26. April 2019, Nr. 97
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Analyse

Massenmörders Manifest

Nazisymbolik und Rassismus: Der Rechtsterrorist von Christchurch nutzte diverse ideologische Versatzstücke, um seine Tat zu rechtfertigen
Von Volkmar Wölk
RTX2I05F.jpg
Ein Golfball mit Hakenkreuz: Demonstrant auf einer Pressekonferenz des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump (Turnberry in Schottland, Juni 2016)

Wenn zwei Personen, die das gleiche denken, miteinander sprechen, dann ist das in der Regel nur begrenzt interessant. Das Ergebnis ist absehbar. Reden beide öffentlich miteinander, dann ist zumindest die Absicht dieser Scheindebatte von Inte­resse. Wenn also der Buchautor Thomas Wagner (»Die Angstmacher«), der einen offenen Diskurs mit den Exponenten der »Neuen Rechten« befürwortet, mit dem Buchautor Per Leo (»Mit Rechten reden«), der gleicher Meinung ist, ein Interview führt, stellt sich zunächst die Frage nach dem Warum. Wenn dies auf der Homepage des Freitag passiert, dessen Herausgeber Jakob Augstein demnächst einen gepflegten öffentlichen intellektuellen Disput mit dem neurechten Ideologen Karlheinz Weißmann bestreiten wird, liegt die Antwort auf der Hand. So weit, so durchsichtig, so ärgerlich.

Richtig ärgerlich wird diese gegenseitige Bestätigung dann, wenn Sätze fallen wie die folgenden: »Das zunehmende Bürgerkriegsdenken macht mir Sorge. In dieser Hinsicht verhalten sich die äußerste Rechte und die antifaschistische Linke zuweilen fast spiegelbildlich zueinander. Es zeugt von gedanklicher Armut, dass der antifaschistische Mythos, der den Faschismus als das radikal andere versteht, heute auch in der Mitte gepflegt wird. Rechtes Denken wird in dieser Perspektive als etwas verstanden, das es komplett auszuschließen, zu ächten und letztendlich zu vernichten gilt.« Das Denken von Teilen der Antifa sei »ein Desaster« und, so Per Leo, »auf links gebügelter, vulgarisierter Carl Schmitt«.

Wenn solche Sätze wenige Tage nach dem Terroranschlag von Christchurch fallen, dessen Urheber nach Auskunft seines 74seitigen Manifestes ebenfalls »reden« wollte und der den Massenmord als Vehikel nutzte, um Gehör zu finden, zeugen sie von intellektueller Ignoranz oder moralischer Verkommenheit. Die Überschrift dieser Rechtfertigungsschrift – »Der große Austausch. Vorwärts zu einer neuen Gesellschaft« – verweist direkt auf einen der derzeit wichtigsten Stichwortgeber der anvisierten Debattenpartner, auf den französischen Schriftsteller Renaud Camus, dessen Bestseller »Le Grand Remplacement« auf deutsch unter dem Titel »Revolte gegen den Großen Austausch« im Antaios-Verlag des neurechten Aktivisten Götz Kubitschek erschienen ist. Müssten sich die beiden Autoren angesichts dessen nicht zumindest die Frage stellen, ob diese »Revolte« gegen die »Auflösung der Völker« vom Attentäter Brenton Tarrant nicht von der Ebene der intellektuellen Fiktion auf die des konkreten Handelns geschoben worden ist, er schlicht der Maxime des NSU »Taten statt Worte« gefolgt ist, sein Manifest nicht zur geistigen Erbauung und Debatte gedacht ist, sondern den Anstoß zu einer umfassenderen Revolte liefern soll?

Schnelle Analysen des Papiers sahen wegen der offenkundigen Übereinstimmung mit Renaud Camus umgehend eine »neurechtes Massaker« (Clemens Heni), der Täter rechtfertige sich »mit einem neurechten Manifest, das die Wahrheit über die Neue Rechte ausspricht«. Bereits die weitere Gestaltung des Titelblattes spricht gegen diese These. Um eine Schwarze Sonne, ein Symbol der SS-Mythologie, herum gruppiert, finden sich die ideologischen Leitbilder Tarrants, ergänzt durch Bilder, deren Stil frappierend an Nazigrafik gemahnt. Keiner dieser Schwerpunkte jedoch verweist explizit auf die Ideologie der Neuen Rechten. Die Übernahme des Schlagwortes von Camus weist also wohl eher darauf hin, welchen Einfluss und welche Symbolkraft diese Begrifflichkeit innerhalb der gesamten extremen Rechten, weit über die Neue Rechte hinaus, errungen hat.

Im Text wird deutlich, dass das Titelblatt ein deutlicher Hinweis auf den Inhalt ist. Es handelt sich nicht um eine konsistente Ideologie, die sich auf das Gedankengut einer bestimmten Strömung der extremen Rechten stützt, sondern um eine Zusammenstellung diverser Ideologeme, die durchaus unterschiedlichen Ansätzen entnommen sind. Das passt zu dem Umstand, dass es sich nach den bisherigen Erkenntnissen wohl nicht um einen Täter handelt, der fest in ein Gruppenumfeld eingebettet war, sondern um einen »Lone-wolf«-Terroristen, der als Einzelgänger agiert und sich als Avantgarde versteht. Seine Tat soll im eigenen Lager ein Zeichen setzen und will zur Nachahmung auffordern.

Dabei handelt es sich keineswegs um jemanden, »der sich auf kontroverse Figuren von links wie von rechts beruft«, wie die rechte Junge Freiheit schreibt, noch um einen »Klimaschützer« und »Ökofanatiker«, wie Christian Rogler, ehedem Redakteur der Deutschen Stimme der NPD, auf dem rechten Blog »Eigentümlich frei« schreibt, sondern um jemanden, der nach eigenen Worten zwar keiner Organisation angehörte, aber »an zahlreiche nationalistische Gruppen gespendet« und mit noch mehr in Kontakt gestanden habe.

Als seinen wichtigsten ideologischen Bezug nennt er mehrfach den früheren britischen Faschistenführer Oswald Mosley. Seine Opfer, betende Muslime, bezeichnet er durchgängig als »Invasoren«, seine Tat als »Partisanenaktion gegen eine Besatzungsmacht«. Diese »Besatzungsmacht« definiert er nicht nach den Kriterien eines kulturalistischen Rassismus wie die Neue Rechte, sondern er bedient sich des traditionellen biologistischen Hasses. So plädiert er zum Schutze der Weißen für eine Aufspaltung der USA nach rassistischen Kriterien.

Vor allem aber unterstreicht die zitierte Aussage, dass er Rückgriff nimmt auf einen Kriegsdiskurs, der in diversen Spektren der extremen Rechten in Europa und in den USA zunehmend populär wird. Die Einwandernden werden dabei als »fünfte Kolonne« verstanden, die auf dem Territorium ihres erklärten Feindes bereits heute Krieg gegen diesen führen. Der Angriff auf wehrlose Menschen mutiert nach diesem Verständnis zum legitimen Notwehrakt. Für diesen Diskurs machte bereits 1998 Eric Werner mit seinem Band über den »Vorbürgerkrieg« den ersten Aufschlag, es folgten Guillaume Faye 2002 mit »Vorkriegszeit. Chronik einer Katastrophe mit Ankündigung«, 2012 Alain Soral mit »Chroniken der Vorkriegszeit«, 2017 Damien Le Guay mit »Der kommende Bürgerkrieg ist bereits da« und zuletzt das wenige Tage vor dem Terrorakt erschienene Buch »Der Rassenbürgerkrieg«, wiederum von Faye.

Bisher spricht viel dafür, dass es sich tatsächlich um einen »Lone wolf«, einen Einzeltäter, handelt. Ein Einzeltäter jedoch, der verankert ist in den historischen und aktuellen Diskursen der extremen Rechten, der sich dem biologischen Rassismus des Faschismus verbunden fühlt. Insofern gibt es nur einen wesentlichen Unterschied zum deutschen NSU: das Mitteilungsbedürfnis des Brenton Tarrant. Dieses »Bürgerkriegsdenken« (Per Leo) ist tatsächlich das »radikal andere« und kein »antifaschistischer Mythos«.

»Vieles von dem Inhalt in Brenton Tarrants Manifest ist richtig«, so Morris V. de Camp auf der Webseite »Counter-Currents«, die der Rechtsaußenbewegung »Alt-Right« in den USA zuzurechnen ist. Für ihn ist die Frage wesentlich, ob denn das Ziel des Attentäters mit seinen Methoden erreicht werden könne. »Wird die Moscheeschießerei von Neuseeland 2019 der Anfang einer bedeutenden politischen Veränderung sein, so wie es die serbische Revolte gegen die Türken des Osmanischen Reiches in dem Dorf Orašac im Jahr 1804 war?«.

Für den extrem rechten australischen Senator William Fraser Anning ist die Schlussfolgerung bereits klar: »Die wahre Ursache der Bluttat von Neuseeland heute liegt im Immigrationsprogramm, das es Muslimfanatikern erlaubt hat, nach Neuseeland einzuwandern. Um es deutlich auszusprechen: Die Muslime mögen diesmal die Opfer sein, normalerweise aber sind sie die Täter.«

Auch Colin Liddell auf der ähnlich ausgerichteten Seite »Affirmative Right« argumentiert in diese Richtung. »Wenn man das Manifest des Killers liest, kann man eine Menge plausibler Argumente für das, was er getan hat, finden. Die Staaten des Westens werden tatsächlich durch Bevölkerungsgruppen mit einer höheren Geburtenrate kolonialisiert. Diese Gruppen stehen auch für eine Menschheit, die das Gleichgewicht der Umwelt völlig zerstört hat.«

Der Österreicher Martin Lichtmesz stimmt Senator Anning auf dem im Umfeld des »Instituts für Staatspolitik« zu verortenden Blog »Sezession« zu: »Dass islamistische Attentate eher die Norm und antiislamistische, rechtsextreme Attentate eher die Ausnahme sind, lässt sich gut belegen.« Dies müsse erwähnt werden, »um das Gesamtbild in die richtigen Proportionen zu rücken«. Auch wenn Lichtmesz zu Beginn seines Beitrages die Tat als »gezieltes, kaltblütig durchgeführtes Massaker« bezeichnet, findet er schnell zum eigentlichen Feindbild zurück: »Die Ursachen der ›Islamfeindlichkeit‹ liegen ganz klar im Verhalten der meisten Muslime selbst.« Eine Distanzierung sieht anders aus. (vw)