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Kasachstan

Wachablösung in Astana

Kasachischer Präsident Nursultan Nasarbajew gibt nach fast 30 Jahren Amt auf. Größerer Einfluss Chinas und der Türkei wahrscheinlich
Von Reinhard Lauterbach
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Der neue Präsident Kassym-Schomart Tokajew bei seiner Vereidigung im Parlament in Astana am Mittwoch

Der langjährige kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew hat am Dienstag sein Amt aufgegeben. Er erklärte in Astana, er werde jedoch den Titel »Führer der Nation« (Elbaschi) und den Vorsitz des Sicherheitsrates beibehalten. Zum Nachfolger wurde der bisherige Präsident des parlamentarischen Oberhauses, Kassym-Schomart Tokajew, ernannt. Der 78jährige Nasarbajew nannte gesundheitliche Gründe für seine Entscheidung. Beobachter schrieben, sein Abschied wäre »im Jelzinschen Stil« geschehen: am Vorabend des (kasachischen) Neujahrsfestes und unter Benennung eines Nachfolgers aus dem inneren Zirkel der Macht.

Nasarbajew hatte sich in den sechziger und siebziger Jahren in der Kommunistischen Partei Kasachstans nach oben gearbeitet, wurde gefördert von dem damaligen Republiksparteivorsitzenden Dinmuchamed Kunajew. 1984 wurde er Chef der Regierung der Republik. Als Kunajew 1986 unter Korruptionsvorwürfen entlassen wurde, tat sich Nasarbajew dabei hervor, die nationalistischen Proteste aufgebrachter Jugendlicher zu beruhigen. 1989 machte ihn Michail Gorbatschow zum Republiksparteichef.

Als solcher versuchte er lange, den Zerfall der Sowjetunion aufzuhalten – eine nachvollziehbare Position, weil Kasachstan zu sowjetischen Zeiten Empfänger von Entwicklungshilfe aus dem Unionshaushalt war. Als ihm klar wurde, dass die Aufspaltung der Sowjetunion nicht zu verhindern sein würde, stellte er sich aber schnell auf die neue Lage ein und ließ sich 1991 zum ersten Präsidenten Kasachstans wählen. Am Ende seiner zweiten Amtszeit ließ er die Verfassung ändern und genehmigte sich die lebenslange Leitung des Staates.

Unter Nasarbajews Leitung wurde Kasachstan zur wohlhabendsten der zentralasiatischen Exunionsrepubliken. Begünstigt wurde dies durch reiche Öl- und Gasvorkommen, an deren Erschließung sich neben diversen westlichen Konsortien auch China beteiligte. Außerdem ist Kasachstan Transitland für turkmenisches Gas in Richtung Russland und China. Eine autoritäre Innenpolitik, die nicht davor zurückschreckte, streikende Arbeiter zusammenschießen zu lassen, verband sich unter Nasarbajew mit dem ungeklärten Tod mehrerer Oppositionspolitiker.

In seine Amtszeit fiel die Verlegung der Hauptstadt der Republik von Alma-Ata (Almaty) an die Nordgrenze der Republik, ins ehemalige Akmolinsk. Die Stadt wurde in Astana umbenannt und erlebte einen mit Ölgeldern finanzierten Bauboom. Der Anteil der ethnischen Kasachen an der Bevölkerung stieg von etwa 40 Prozent 1989 auf 63 Prozent bei der letzten Volkszählung 2009. Parallel ging, vor allem im ersten Jahrzehnt, der Exodus der russischen Bevölkerung voran. Betrug ihr Anteil 1990 noch 38 Prozent, so liegt er inzwischen bei nur noch 20 Prozent. Der wachsenden »Kasachisierung« der Republik kam auch zugute, dass viele unter Stalin dorthin verbannte Wolgadeutsche in den neunziger Jahren in die BRD auswanderten. Allerdings verliefen diese Prozesse ohne Gewalt und waren überwiegend ökonomisch motiviert.

Seit 2017 ist ein Projekt im Gang, die kasachische Sprache von der kyrillischen auf die lateinische Schrift umzustellen. Nasarbajew begründet diesen Schritt mit der Notwendigkeit, das Kasachische zu »modernisieren«. Er bedeutet jedoch faktisch, die kulturellen Verbindungen zu Russland zugunsten jener in die ebenfalls lateinisch schreibende Türkei zu schwächen.

Nach dem Rücktritt Nasarbajews beschloss das Parlament als erstes, die Hauptstadt Astana ein weiteres Mal umzubenennen: in Nursultan, Nasarbajews Vorname. Kasachstan folgt mit diesem Personenkult dem turkmenischen Beispiel, wo eine Stadt den Namen »Turkmenbaschi« (»Führer der Turkmenen«, Titel des ersten Präsidenten Saparmurat Nijasow) trägt. Unter Nachfolger Tokajew wird eine Fortsetzung von Nasarbajews alles in allem vorsichtiger Politik erwartet. Vermutlich wird langfristig der Einfluss Chinas in dem Land steigen. Ein Zeichen dafür: Tokajew, einst UN-Diplomat, spricht Russisch, Englisch und Französisch, lernt aber seit etwa zehn Jahren auch Chinesisch.

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