Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Sa. / So., 25. / 26. Mai 2019, Nr. 120
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Leipziger Buchmesse

Kraftsport-Kraemer im Mangaland: Zum Auftakt der Leipziger Buchmesse

Domma_FFO_10.jpg
»Momentan keine Handhabe«: Mit solchen Figuren wird auf der Messe zu rechnen sein. Stahlgewitter-Fan auf einer NPD Veranstaltung in Frankfurt an der Oder, 2012

Heute öffnet die Leipziger Buchmesse ihre Türen für die Besucher. Bis Sonntag wird es rund 3.600 Veranstaltungen geben, darunter eine mit Frank Kraemer, Gitarrist der Band »Stahlgewitter«. Der Glatzkopf wird als »Nationalist« angekündigt, das ist untertrieben. Er ist Ende 2017 nicht aus der NPD ausgetreten, weil die ihm zu rechts gewesen wäre. Die innenpolitische Sprecherin der Linkspartei-Bundestagsfraktion, Ulla Jelpke, forderte den Messedirektor Oliver Zille in einem offenen Brief auf, vom Hausrecht Gebrauch zu machen und den gebürtigen Kölner auszuladen. »Als privatrechtliches Unternehmen in öffentlicher Trägerschaft ist die Leipziger Messe GmbH bei der Ausübung des Hausrechts nicht frei«, heißt es im Antwortschreiben vom Dienstag. »Für einen Ausschluss benötigen wir einen sachlichen Grund, § 70 GewO. Die politische Orientierung eines Ausstellers ist für uns nicht maßgeblich.« Gemäß Paragraph 70 der Gewerbeordnung wäre die »gewerberechtliche Unzuverlässigkeit des Ausstellers« ein »Ausschlusskriterium«, erläutert Direktor Zille weiter. Kraftsportler Kraemer wird gleich von zwei Ausstellern präsentiert: »Europa Terra Nostra e.V.« und »Deutsche Stimme Verlagsgesellschaft«. Man habe bezüglich dieser Nazigewerbetreibenden »eine Anfrage bei der (zuständigen) Behörde gestartet«, lässt Zille salopp wissen. »Die Ergebnisse werden jedoch voraussichtlich erst nach der Veranstaltung vorliegen.« So habe man »momentan keine Handhabe«. Immerhin »werden Sicherheitskräfte und Polizei vor Ort sein«. Es wird so alles seine Ordnung haben mit der Nazipropaganda.

Neben dem offenen Kampf für den Faschismus gibt es noch den gegen linke Traditionen, und der gehört gerade in Leipzig fest zum Programm. So erklären etwa die Organisatoren des Auftritts Tschechiens als Gastland, die Comicszene habe sich bei ihnen in den vergangenen zehn Jahren »rasant entwickelt«, um von den 70 präsentierten Neuerscheinungen das Werk »Tschechenkrieg« besonders ans Herz zu legen. In dieser Graphic Novel von Jan Novak (Text) und Jaromir 99 (Zeichnungen) kämpfen zwei Brüder gegen »das kommunistische Regime der CSSR«; ihr Fluchtversuch Richtung Westberlin löst bei der DDR-Volkspolizei »eine riesige Fahndungsaktion« aus, der das Werk seinen Titel verdankt. Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgt »Das Haus in Habana. Ein Rapport«, für den Autor Marko Martin heute den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch erhalten könnte (er konkurriert unter anderem mit zwei Redakteuren der Süddeutschen Zeitung). Es geht in dem Rapport um die Republik Kuba, die der Jury als »Insel der falschen Hoffnungen« gilt. Der deutsche Autor hat nach Angaben seines Wehrhahn-Verlags ausreichend viele Gespräche mit »regimekritischen kubanischen Intellektuellen« geführt.

Zwei der fünf nominierten Werke in der Kategorie Belletristik sind in der Literaturbeilage besprochen, die dieser Ausgabe beiliegt, Matthias Nawraths »Der traurige Gast« (Rowohlt) und Anke Stellings »Schäfchen im Trockenen« (Verbrecher). Stelling hätte den Preis wirklich verdient, aber als Favoritin gilt nicht ganz zu Unrecht die Altorientalistin und Afrikanistin Kenah Cusanit, geboren 1979 in Blankenburg/Harz. Ihr Debütroman »Babel« spielt am Krankenbett des Archäologen Robert Koldewey, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Auftrag der Deutschen Orientgesellschaft die Ausgrabung Babylons leiten soll, aber an einer Blinddarmentzündung leidet. Gewissermaßen außer Konkurrenz geht Feridun Zaimoglu mit seiner ranschmeißerischen »Geschichte der Frau« ins Rennen.

Viel wird in Leipzig wieder über den Niedergang der Branche geklagt werden. Seit 2013 hat der deutsche Buchmarkt mehr als sechs Millionen Käufer verloren, die meisten zwischen 20 und 49. In der Rangliste beliebter Hobbys liegt das Lesen auf Platz 13, weit hinter Fernsehen, Internet und »gemütlich entspannen«. Die deutliche Mehrheit liest nur noch selten oder nie. Es werden weniger Bücher produziert, die Umsätze sinken. Der Frühjahrstreff der Branche mutiert so zusehends zur »Manga-Comic-Con« mit angeschlossener Buchmesse. Kraftsport-Kraemer braucht kein Kostüm. (jW)

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton