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Aus: Ausgabe vom 21.03.2019, Seite 5 / Inland
Wolfsburger »Sparkurs«

Klarstellung bei VW

Betriebsversammlung: Konzernpläne setzen auf Jobvernichtung. Betriebsrat fordert Arbeitsplatzgarantie bis 2028
Von Stephan Krull
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Unruhe in der Belegschaft: Betriebsversammlung bei VW in Wolfsburg am Mittwoch

High Noon auf der VW-Betriebsversammlung am Mittwoch in Wolfsburg. Deutlich mehr Beschäftigte als üblich wollen Klarheit über ihre Zukunft. Die Halle 11 im Stammwerk musste geschlossen werden, viele Mitarbeiter verfolgten das Geschehen draußen über Bildschirme. Konzernchef Herbert Diess stellte seine neuesten Pläne vor. Und die bergen sozialen Zündstoff.

Die Volkswagen AG ist nicht arm. Die Bilanz des Automobilriesen für 2018 weist einen Gewinn nach Steuern von knapp zwölf Milliarden Euro aus. Die Dividende steigt um 25 Prozent auf 4,80 Euro pro Aktie – doch davon profitieren wenige: Die Hälfte der Stammaktien besitzt seit rund zehn Jahren der Porsche-Piëch-Clan, der VW über die Porsche-Holding im Griff hat.

Dagegen nehmen sich die acht Millionen Euro Jahresgehalt für den Vorstandschef fast bescheiden aus. Der darf dafür jetzt den Jobkiller geben und kündigte kürzlich an: Neben den bereits geplanten 23.000 Entlassungen werden nunmehr bis zu 7.000 weitere Stellen in der Wolfsburger Verwaltung »eingespart«. Also vernichtet.

»Wir haben ein paar Dinge klarzustellen«, hieß es auf der Einladung an die Beschäftigten im Wolfsburger Werk. Die Arbeiter und Angestellten sind verunsichert. Dem versucht der Gesamtbetriebsrat zu begegnen. Der Vorsitzende des Gremiums, Bernd Osterloh, forderte am Mittwoch für die Kernmarke VW Pkw zehn Jahre Beschäftigungssicherung bis Ende 2028. Dies sei die Bedingung für den »digitalen Umbau des Unternehmens«.

Osterloh sitzt auch im mächtigen Aufsichtsratspräsidium des Konzerns. Hat er nichts gewusst? Jetzt bemüht er sich den Unmut der Beschäftigten zu beschwichtigen. Das dürfte allerdings bei den zuletzt bekanntgewordenen Konzernplänen – volle Konzentration auf Elektroantrieb; Digitalisierung und »Einsparungen« – schwierig werden. Denn VW hat für diese Strategie aus Sicht der Eigentümer viel zuviel Personal.

Wie andere Autohersteller plagt den Platzhirsch ein weltweit rückläufiger Absatz: minus 2,9 Prozent bei der Kernmarke und minus 5,5 Prozent bei Audi in den ersten beiden Monaten dieses Jahres. Bei den in der Bilanzposition »Verbindlichkeiten bei den Vorräten« aufgeführten 5,3 Milliarden Euro handelt es sich offensichtlich um den Wert unverkaufter Fahrzeuge. Nach den durch Rabatte und eine Aufblähung der Eigenzulassungen geschönten Absatzzahlen des Jahres 2018 kann sich diese Entwicklung schnell zu einer großen Krise auswachsen – es geht in der kapitalistischen Konkurrenz immer um die Liquidierung anderer Hersteller, um selbst Marktanteile zu gewinnen. Die vereinbarte Bildung von Konsortien für die Batteriezellenproduktion oder zur gemeinsamen Vermarktung von Mobilitätsdienstleistungen sind Vorboten einer schnelleren Konzentration bzw. Monopolbildung in der deutschen Autoindustrie. Das sind keine guten Aussichten für die Beschäftigten.

Jetzt soll offenbar eine weitere »Sicherungszusage« die Gemüter der Arbeiter beruhigen. Gelten solle diese für alle deutschen VW-Standorte: »Wir wollen hier gleiche Sicherheit für alle Volkswagen-Beschäftigten«, so Osterloh. Damit würden die bisherigen Regelungen angeglichen – bislang gibt es die Garantie bis Ende 2025 aus dem letzten »Sparprogramm« namens »Zukunftspakt« sowie die Beschäftigungssicherung bis Ende 2028 für die Werke Emden und Hannover.

Doch was Zusagen dem Unternehmen wert sind, wurde bei einer fünfstündigen Betriebsversammlung im Werk Hannover bereits vor einer Woche deutlich: Es gab intensive Diskussionen und Proteste. Anders als im Standortvertrag geregelt, soll die Elektrovariante des »Bulli« nach einer Konzernentscheidung nun doch nicht gebaut werden – und die Beschäftigten blicken voller Angst und Wut in die Zukunft. Von einem angekündigten »Kulturwandel« ist nur geblieben, dass viele Manager jetzt ohne Krawatte in den Büros sitzen.

Unser Autor ist ehemaliger VW Betriebsrat und aktiv in der Arbeitsgruppe »ArbeitFairTeilen« des globalisierungskritischen Netzwerkes ATTAC (stephankrull.info)

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