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Aus: Ausgabe vom 20.03.2019, Seite 10 / Feuilleton

Wolf, Birr, Hochmuth

Von Jegor Jublimov
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»Die Menschen waren nicht leicht zu sehen« (Christa Wolf, 1971)

Ihr ging es nicht um die Menschheit, sondern um den Menschen, den konkreten Menschen, der gelegentlich hinter aufgeregtem Agieren, hinter aufgesetzten Masken unsichtbar zu werden droht. »Denn die Menschen waren nicht leicht zu sehen hinter den überlebensgroßen Papptafeln, die sie trugen, und an die wir uns, was sehr merkwürdig ist, schließlich sogar gewöhnten«, schrieb Christa Wolf in ihrem 1968 erschienenen Roman »Nachdenken über Christa T.« Mit diesem, in der DDR nicht auf Anhieb geliebten Werk gelang ihr eine kleine Sensation, denn es war das erste, sich zum sozialistischen Deutschland bekennende Stück Literatur, das auch in den USA erschien. Am Montag vor 90 Jahren wurde die Verfasserin beliebter Erzählungen und Romane – hervorzuheben wäre der geschichtliche Vorgänge abklopfende »Kindheitsmuster« (1976) – in Landsberg an der Warthe geboren. Bis zu ihrem Tod 2011 war sie eine leidenschaftlich Beteiligte an den Fragen ihrer Gegenwart: »Immer ist es Leidenschaft, wenn wir tun, was wir nicht wollen.«

Wie viele junge Männer hat sich Dieter Birr in den frühen 60er Jahren das Gitarrespielen selbst beigebracht. Zu seinen Vorbildern zählte der fünf Jahre ältere Peter Kraus. Mit Freunden wie Fritz Puppel (heute City) musizierte er bei den Luniks, Telestars und Jupiters. 1969 stieg »Maschine«, wie Birrs Spitzname lautet, bei den Puhdys ein, die Coverversionen englischer Titel spielten, und sich für den ersten Fernsehauftritt 1971 wie gewünscht deutsche Texte schrieben, die bald ihr Markenzeichen werden sollten. Mit den Songs zum Defa-Film »Die Legende von Paul und Paula« wurden sie 1973 die Nummer eins in der DDR und gastierten in vielen Ländern, immer wieder auch im Westen. Birr brachte – begleitet von einer Plakataktion, bei der er sich in der Badewanne präsentierte – 1986 sein erstes Soloalbum »Intim« heraus, und als man zwischenzeitlich nicht wusste, ob es mit den Puhdys noch weitergeht, trat er 1990 mit »Maschine und Männer« auf. Nach dem endgültigen Ende der Puhdys vor drei Jahren machte Maschine weiter. Im vergangenen Jahr erschien sein Soloalbum »Alle Winter wieder«. Vorgestern wurde er 75 und ist immer noch fünf Jahre jünger als Peter Kraus.

Der Musikgeschmack von Dietmar Hochmuth, der morgen 65 wird, ist breit gefächert. In seinem ersten Film »Heute abend und morgen früh« untermalten Chopin-Etüden die Handlung, aber das gefiel der Abnahme-Kommision nicht, so dass nun Günther Fischer seine nicht mehr gefragten Krug-Songs instrumental recycelte. Hochmuth hatte an der Moskauer Filmhochschule Regie studiert, in deren Auftrag er diesen Film mit Christine Schorn 1980 bei der Defa drehte. Hier verschwand der Film in »Wende«-Wirren. Aber in Moskau herrscht Ordnung. Es fand sich noch eine Archivkopie, so dass der nachdenkliche Alltagsfilm seit 2016 digital restauriert vorliegt. Aus Moskau brachte Hochmuth nicht nur Erfahrungen, sondern auch seine Frau Oksana Bulgakowa mit, mit der er häufig gemeinsam an seinen Szenarien, aber auch an filmtheoretischen Büchern arbeitet. Nach drei Defa-Spielfilmen konnte er seit den 90er Jahren noch zahlreiche Dokumentarfilmsujets für Fernsehanstalten realisieren. Der neueste Film über den Slawisten Fritz Mierau wird im Mai im Berliner Brotfabrik-Kino uraufgeführt.

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