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Aus: Ausgabe vom 22.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Repression in der DDR

Vertraute Melodien

Jäger des verlorenen Gegenstands: Die Zeitschrift der Roten Hilfe versucht sich an der Aufarbeitung der Repression gegen Linke in der DDR
Von Leo Schwarz
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Der »Idee des Kommunismus« ganz nah: Wolf Biermann feiert im Bundestag den 25. Jahrestag des »Mauerfalls« (7.11.2014)

Es ist der letzte Beitrag des Heftschwerpunktes, der immerhin verrät, dass den Machern der aktuellen Ausgabe des Magazins der Roten Hilfe (RHZ) ihr Gegenstand nicht ganz geheuer ist. Denn hier teilt das »Redaktionskollektiv« beiläufig mit: »Es spricht einiges dafür, das Verständnis von ›Repression gegen Linke‹ eher weit als eng zu fassen. Das heißt[,] zu Teilen auch solches verfolgtes Verhalten als ›links‹ zu zählen, das sich selbst nicht explizit als ›links‹ verstand.« Man ahnte also, dass aufmerksame Leser die zwölf Texte davor durchblättern und sich irgendwann fragen werden, an welcher Stelle dieses Heftes die versprochene Befassung mit der Repression »gegen linke Oppositionelle in der DDR« eigentlich stattfindet. Hierfür, soviel ist offenbar klar, braucht es nicht nur einen staatlichen Sicherheitsapparat, der – aus, nebenbei bemerkt, für ihn rationalen Gründen, die man für sich selbstverständlich nicht akzeptieren muss, aber doch zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man sich auf das Feld historischer Analyse begibt – repressiv agiert, sondern natürlich auch eine »linke Opposition« in der DDR.

Und da wird die Luft schnell dünn. Obwohl sie bei Lichte besehen eher in den Rahmen einer Auseinandersetzung mit der Jugendpolitik der DDR gehören würden, passen die Beiträge über den Umgang mit der Leipziger Punkszene und über das Verhältnis der Behörden zu unabhängigen Antifagruppen in Potsdam, Dresden und Berlin in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre (hier klopft man sich dafür auf die Schulter, im letzten Jahr der DDR »reihenweise Angebote zur Zusammenarbeit gegen Neonazis« von SED, FDJ und Volkspolizei »freundlich, aber bestimmt abgelehnt« zu haben – weil diese Manöver alle nur dem »Machterhalt« der Altkader dienten) halbwegs zum Heftschwerpunkt. Und es gibt einen Text über eine kleine Gruppe halb trotzkistischer und halb eurokommunistischer Intellektueller, die sich 1975 in Berlin zusammenfand. Über die ist zu sagen, dass sie an der DDR vieles schlecht und Biermann gut fand: Mit Recht, findet auch heute noch der RHZ-Autor, sei Biermann doch mit seinem Kölner Konzert im November 1976 der »Idee des Kommunismus als Glücksverheißung« nahegekommen – ein »fulminanter Auftritt«. Nur die Mitglieder dieser Gruppe und das Ministerium für Staatssicherheit wussten, dass sie überhaupt existierte; 1977 war Schluss. Dem Mann, der für das MfS die Diskussionen der Gruppe protokollierte, wird in der RHZ vorgeworfen, mehr oder weniger im Alleingang »Mitte der 1970er Jahre eine Modernisierung und möglicherweise einen Generationswechsel in der politischen Klasse der DDR verhindert zu haben« – eine schrille Verrücktheit der Extraklasse, die sogar in dem an Verrücktheiten nicht eben armen Schrifttum zur Geschichte der DDR auffällt.

Die anderen Texte bieten, zum Teil unter dem Niveau sogar des akademischen Mainstreamdiskurses, vertraute Melodien des linken und nicht so linken Antikommunismus, die mit der konkreten Geschichte der DDR nur am Rande oder überhaupt nichts zu tun haben. Die Geschichte der Kommunistischen Internationale wird im Stile eines abstrakten Sündenprotokolls abgehandelt. Sonnenklar ist: Ihre Mitgliedsparteien waren irgendwann »zum außenpolitischen Instrument der Sowjetunion« geworden. Der 1928 vom VI. Weltkongress beschlossene »linke« Kurs auf die Revolution war verkehrt, der 1935 eingeläutete »rechte« auch. Die Wende von 1935 findet die RHZ »insofern bemerkenswert, als die KI und die KPD die bürgerlichen Regierungen der letzten Jahre der Weimarer Republik durchgehend als ›faschistisch‹ bezeichnet hatten und nicht bereit gewesen waren, mit der Sozialdemokratie gegen die Faschisten zu kämpfen«. Dazu allerdings waren, aus ihren jeweils eigenen, ganz und gar nicht »linken« Gründen, die bürgerlichen Regierungen und die Sozialdemokratie noch viel weniger bereit – aber »bemerkenswert« ist das, wie jeder bürgerliche und sozialdemokratische Historiker gelernt hat, selbstverständlich überhaupt nicht.

Umgekehrt funktioniert das Spielchen auch. Die sowjetischen Waffenlieferungen an die spanische Republik waren nicht gut, denn sie wurden dazu benutzt, diejenigen zu bekämpfen, die »über die Volksfronttaktik« hinausgehen wollten: Wenn die Kommunisten gemeinsame Sache mit Sozialdemokraten und bürgerlichen Liberalen machen und dafür zu allerlei Kompromissen bereit sind, um mit einem ausgewachsenen faschistischen Putsch fertigzuwerden, ist das auch wieder Mist. 1945 hatte die KPD erneut nichts Besseres zu tun, als die »Eigeninitiative von Teilen der Bevölkerung« in der SBZ »niederzuschlagen«. Gemeint sind die zumindest in den alten Zentren der Arbeiterbewegung vielfach auf lokale Initiative hin gegründeten Antifa-Ausschüsse und »Einheitsparteien« – eine »Gefahr für die ›unfehlbare‹ Partei und die sowjetischen Behörden«. Das waren sie nie, aber das juckt die nicht, die an einem Geschichtsbild basteln, in dem die »Parteikommunisten« immerzu alles, und aus schlechten Gründen, verkehrt machen. Lutz Niethammers Buch über den »gesäuberten Antifaschismus« und die »roten Kapos« von Buchenwald aus dem Jahr 1994, das, man könnte es wissen, vor allem ein Versuch war, die »positive« Erzählung über den kommunistischen Widerstand zu delegitimieren, dient als Unterlage für einen konfusen Beitrag, der der SED vorwirft, die Buchenwalder Kommunisten erst (zu Unrecht?) salviert und dann, ein paar Jahre später, diverser Vergehen beschuldigt zu haben (ebenfalls zu Unrecht?) – wobei es in beiden Fällen gar nicht um die sachliche Klärung der erhobenen Vorwürfe gegangen sei. Der Tiefpunkt des Heftes ist ein Text, der die Agentenschnüffelei der Zentralen Parteikontrollkommission in den Anfangsjahren der DDR mit dem dafür nötigen Geraune als antisemitische Veranstaltung denunziert.

Das ist alles ziemlich ärgerlich, aber vielleicht nicht ganz nutzlos. Dieses Heft der RHZ zeigt, in mitunter krasser Form, einmal mehr: 1989/90 hat in Deutschland ein politischer, aber vor allem auch ein intellektueller Zusammenbruch nicht allein der kommunistischen, sondern der gesamten radikalen Linken stattgefunden. Sie ist auch drei Jahrzehnte später nicht in der Lage, eine seriöse, aus den Quellen gearbeitete Darstellung – und erst recht keine materialistische Kritik – ihrer eigenen Geschichte zu liefern. Es ist allerhöchste Zeit, daran etwas zu ändern.

Debatte

  • Beitrag von Herbert M. aus L. (22. März 2019 um 08:08 Uhr)
    Ein ausgezeichneter Beitrag!

    Herbert Münchow, Leipzig

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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