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Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Horrorbilder aus Racak

Chronik eines Überfalls (3), 18.3.1999: Inszeniertes Massaker als Kriegsvorwand
Von Rüdiger Göbel
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Willkommenes »Schlüsselereignis«: Was in Racak wirklich geschah, wurde nie ganz geklärt – ein finnischer Untersuchungsbericht blieb unter Verschluss

Die als »humanitäre Intervention« verbrämte Aggression der NATO gegen Jugoslawien vor 20 Jahren legte auch das Völkerrecht in Trümmer. Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Folgen und Verantwortliche, Fake News und Hetze, vor allem aber an die Kriegsgegner jener Zeitenwende. (jW)

Die Horrorbilder aus Racak und die schweren Anschuldigungen vom 16. Januar 1999 haben ihre Wirkung nicht verfehlt. In einem Hohlweg außerhalb des Kosovo-Dorfes liegen teils grausam entstellte Leichen übereinander. Serbische Sicherheitskräfte sollen dort tags zuvor insgesamt 45 wehrlose Albaner niedergemetzelt haben. Das behaupten die albanischen Gewaltseparatisten der UCK, und so hat es der Chef der OSZE-Beobachtermission im Kosovo, der frühere CIA-Mann William Walker, ohne eine erste Untersuchung abzuwarten, vor der Weltpresse verkündet. Die zuständigen serbischen Stellen weisen die Anschuldigungen zurück, sprechen von albanischen »Terroristen«, die während mehrstündiger bewaffneter Auseinandersetzungen ums Leben gekommen seien.

Das »Massaker von Racak« avancierte zum Schlüsselereignis hin zur Mobilmachung, es war der Wendepunkt für den gewollten Krieg gegen Belgrad, offene Fragen, Zweifel, Widersprüche zur offiziellen Darstellung wurden unter den Tisch gekehrt oder als serbische Propaganda abgetan.

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Im Februar stellen jugoslawische und belorussische Gerichtsmediziner der Öffentlichkeit ihre – im Einvernehmen mit finnischen Pathologen erzielten – Untersuchungsergebnisse vor, denen zufolge die Opfer von Racak nicht aus nächster Nähe erschossen worden seien. Am 18. März berichtet jW über eine Pressekonferenz der finnischen Gerichtsmedizinerin Helena Ranta in Pristina. Die bestätigt dort, dass die jugoslawischen Forensiker sauber gearbeitet hätten, legt ansonsten aber eher einen »Bericht ohne Ergebnisse« (jW) vor. Zur wichtigsten Frage äußert sie sich nicht, der politische Druck seitens der EU auf Ranta ist enorm. Wurden die Opfer aus nächster Nähe erschossen? Das würde die Anschuldigungen Walkers gegen serbische Sicherheitskräfte untermauern. Wenn die Schüsse aus größerer Entfernung abgefeuert worden wären, würde das für die Darstellung serbischer Stellen sprechen, die Getöteten seien bewaffnete Mitglieder der UCK gewesen oder Zivilisten, die bei den Auseinandersetzungen ins Kreuzfeuer geraten seien. Ranta weist allerdings einen Bericht der Washington Post zurück, demzufolge ihre Untersuchungsergebnisse bekräftigen würden, dass in Racak ein »Massaker« stattgefunden hätte. Der US-Zeitung zufolge soll die Bundesregierung, die zu der Zeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat, die Ergebnisse der Untersuchung zurückgehalten haben, was das Auswärtige Amt gegenüber jW dementiert.

In einem Seitenhieb auf Walkers Auslassungen und die emotional aufgeladenen Berichte von Korrespondenten vom Fundort der Leichen merkt Ranta an, dass »insbesondere mit strafrechtlichen Ermittlungen nicht vertraute Personen dazu neigen könnten, einige Beobachtungen, die am Schauplatz der Tragödie gemacht wurden, als Zeichen einer Verstümmelung post mortem zu interpretieren. Diese sind jedoch höchstwahrscheinlich auf Tiere zurückzuführen … oder auf Spuren an den Leichen, die durch die hohe Durchschlagkraft der Projektile entstanden.«

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In der Ausgabe vom 1. Februar 1999 hatte jW bereits zum »Schlüsselereignis Racak« gefragt: »War das ›Massaker‹ an 45 Kosovo-Albanern eine geschickte Inszenierung?« Der Beitrag endete mit dem Verweis darauf, dass die Geschehnisse in dem Kosovo-Dorf bei »interessierten Kreisen schon vor ihrer Entdeckung bekannt waren. So hatte US-Außenministerin Madeleine Albright am 15. Januar einen Kreis von engsten Vertrauten und Beratern ihres Ministeriums um sich versammelt und ihnen erklärt, dass das im Oktober 1998 zwischen US-Unterhändler Richard Holbrooke und dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic vereinbarte Abkommen über die Beruhigung der Lage im Kosovo »jeden Moment gebrochen« werden könne. Albright hatte demnach einen Tag vor der weltweiten Verbreitung Informationen über Ereignisse in Racak. Bereits in der Vorwoche hatten laut New York Times höchste Regierungsstellen in Washington verlautbart, die US-Regierung erwarte einen entscheidenden Moment, ein »Schlüsselereignis«, um über weitere Schritte im Kosovo zu entscheiden, einen »entscheidenden Moment«, der die US-Politik verändern könne.

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Die Untersuchungsergebnisse von Helena Ranta bleiben unter Verschluss. Der 21 Kilogramm schwere finnische Untersuchungsbericht zu Racak soll in Gänze nie veröffentlicht werden.

Nächster Teil am Mittwoch: OSZE zieht Beobachter ab – Feuer frei für die NATO

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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