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Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Kunst

Mahner, Denker und Fragende

Politische Kunst von »Drei Berliner Bildhauerinnen auf dem Garnisonkirchplatz« um eine Plastik ergänzt
Von Andreas Wessel
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Drei von künftig sieben: Die Plastik »Der Denker« (rechts) von Sabina Grzimek wurde am vergangenen Donnerstag enthüllt

Der Garnisonkirchplatz dürfte trotz seiner zentralen Lage und exzellenten Verkehrsanbindung einer der unbekanntesten Plätze in Berlins Mitte sein. Während auf der anderen Seite des S-Bahn-Viadukts die Touristenströme über den Hacke­schen Markt ziehen, stehen hier nur einige ungeduldige Pendler an der Haltestelle der Tramlinien M1, M5 und M6 in Richtung Osten. In ihrem Rücken, im Schatten der schon recht stattlichen Bäume, steht eine bronzene Frau mit verträumtem Gesichtsausdruck und erhobenen Armen, als wenn sie sich gleich in die Lüfte erheben wollte. Es ist »Die große Palucca«, geschaffen von der Bildhauerin Emerita Pansowová, die als erstes die Blicke auf sich zieht. Bei genauerem Hinsehen schälen sich rechts von ihr zwei weitere überschlanke Figuren aus dem Schatten: der »Aus dem Wasser Steigende« und der »Rufer« von Sabina Grzimek. Und, gut versteckt, an der Ostseite der Grünfläche, kauert gefesselt, aber ungebrochen der »Lumumba« von Genni/­Jenny Wiegmann-Mucchi (1895–1969). Die Figuren gehören zum Vorhaben der Kunststiftung Poll, Werke von »drei Berliner Bildhauerinnen auf dem Garnisonkirchplatz in Berlin-Mitte« in den öffentlichen Raum und zur Wirkung zu bringen.

Kunst im öffentlichen Raum oder »Kunst am Bau« tendiert in Zeiten aufgeregter Korrektheit – besonders wenn öffentlich finanziert – zur Beliebigkeit, d. h. entweder zur ornamentalen Ergänzung der Architektur oder zur unsinnlichen Konzeptkunst. Da hat es figürliche Kunst schwer, besonders wenn sie nicht überlebensgroß auf gewaltigen Sockeln über dem Betrachter schwebt, sondern so nahbar wie fremd den Menschen unverhofft im Alltag gegenübertritt. »In Ausstellungen trifft man Kunstfreunde. Und auch wenn ihnen nicht alles gefällt, akzeptieren sie die Werke als eine Auseinandersetzung des Künstlers. Auf der Straße ist das anders. Da ist eine Plastik ungewohnt, etwas, das man nicht erwartet. Die Menschen müssen sich erst damit vertraut machen«, sagte dazu Pansowová 1999 in einem Interview und erwähnte auch drastische Reaktionen des Pu­blikums – Beschädigungen an Werken.

Die Bronzen auf dem Garnisonkirchplatz bringen auch noch deutliche politische Haltungen zum Ausdruck. Am klarsten ist dies sicher in Gennis »Lumumba (Überführung nach Thysville)«, der – 2013 mit finanzieller Hilfe von Rosa-Luxemburg-Stiftung und Deutsch-Afrikanischer-Gesellschaft aufgestellt – in Ermangelung von Alternativen nach und nach die Funktion eines Denk- und Mahnmals für Patrice Lumumba, den ersten Premierminister des unabhängigen Kongo, und seine durch westliche Geheimdienste organisierte Ermordung 1961 übernommen hat. Die Aufstellung der Skulptur ist um so verdienstvoller, da es sich um den ersten Bronzeguss der bereits 1961 von Wiegmann-Mucchi geschaffenen Figur handelt. Diese Künstlerin ist sicher die bedeutendste Unbekannte unter den Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts, deren Kunst sehr viel mehr Sichtbarkeit dringend zu wünschen wäre.

Den beiden schon erwähnten Figuren von Sabina Grzimek, die 2012 und 2014 aufgestellt wurden, gesellte sich am vergangenen Donnerstag der »Denker« hinzu. Zusammen bilden sie nun drei Siebtel der Skulpturengruppe »Sieben Gesten des aufrechten Ganges«, welche die Künstlerin in Andenken (die Betonung liegt auf denken) an die sieben Göttinger Professoren schuf, die 1837 ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile eine liberale Verfassung verteidigt hatten. Es werden weiterhin Unterstützer gesucht, um mit dem »Mahner«, dem »Fragenden«, dem »Schauenden« und dem »Aufzählenden« den zeitlosen Kommentar zur Weltgeschichte vollenden zu können.

Die Kunststiftung Poll wünscht sich auch eine Öffnung der jetzt recht abweisend wirkenden Grünfläche mit Wegen, Bänken zum Ausruhen und Betrachten und vielleicht einem Spielplatz für den Kindergarten am Platz – möglicherweise direkt unter den Augen der »Großen Palucca«. Emerita Pansowová würde es sicherlich gefallen: »Ich glaube, dass einem Platz durch Kunst Würde und Auszeichnung verliehen wird. Man verleiht dem Ort damit Beständigkeit. Dort, wo ich einer Plastik begegne, die einen guten Platz hat und die sich unverrückbar in ihrer Umgebung behauptet, gibt sie mir ein Gefühl von Dauer. Die Plastik steht gegen die fortwährende, schnelle Veränderung des öffentlichen Raumes und signalisiert, dass man hier an die Menschen gedacht hat. Dass man die Menschen wichtig genommen hat.«

In der Galerie Poll, Gipsstraße 3, Berlin, wird bis zum 20. April die Ausstellung »Sabina Grzimeks Welt. Menschen – Landschaften – Tiere« gezeigt.

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