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Aus: Ausgabe vom 14.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Eine Null ist eine Null

Aufgeblasene Mondmaske: der 14. Asterix-Film
Von Hagen Bonn
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Knietief in der Altmännerdepression: Oberdruide Miraculix

Klar, Animationsfilme liebt oder hasst man. Die neue Generation dieses Genres, die Computeranimation, macht einem das Hassen aber verdammt leicht, denn die Filme sind, das soll der Name schon sagen, vor allem rechnergestützt erstellt; kalt, schnell und von allem viel zu viel von allem, außer … Nun, wir sehen in Gesichter, wo selbst Großvaters Spazierstock mehr Charakter zeigt als diese aufgeblasenen Mondmasken. Von Minenspiel keine Spur. Gefühle werden nur noch über billige Dialog- und Handpuppen-Körperschemata vermittelt.

Um nicht missverstanden zu werden: Das klassische griechische Theater kannte auch keine Mimik, die Darsteller wurden absichtsvoll hinter Masken versteckt. Die Körpersprache, die Dialogdramatik, der angesprochene und auf das Publikum zugeschnittene ethische Konfliktschlammassel trug das Ganze. Der Held sollte nicht »erkannt« werden, er stand ja stellvertretend für alle im Konflikt, wie konnte er da eine real existente Person sein? Noch deutlicher war die Rolle des Chors. Er war gleichsam die Stellvertretung der Volksmassen, also all jener, die in den Amphitheatern zuhauf auf den Stufen saßen. Das Volk spielte also mit, war aber doch zuerst Zuschauer.

Nach insgesamt 13 Filmen, davon vier Realfilme und acht Zeichentrickfilme (der erste war »Asterix, der Gallier« von 1967), treffen wir also jetzt auf den 14. Film der Reihe, der, wie oben erwähnt, wieder computeranimiert ist. Die Geschichte in »Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks« ist wie immer Nebensache, jeder Fünfjährige hätte Ideen dazu, wie man Asterix, Obelix und die restliche Dorfbande gegen die Römer ins Feld führen kann, wie man Wildschweine fängt, das Seeräuberschiff versenkt oder den Barden knebelt. Ein alter Hut eben. Und dann geht mal wieder der Zaubertrank aus. Nein?! Doch. Was das wohl werden soll?

Ja, was wohl? Nichts Gescheites, das steht fester als das Kolosseum in Rom, und das steht schon ewig in der ewigen Stadt des großen Caesar. Leider spielt der Diktator nur eine winzige Nebenrolle, er wird völlig verdrängt vom fiesen Dämonix, obgleich dessen Motive für sein Bösesein mich ethisch mehr überzeugten, als das gutmenschelnde Trallala der Super-Gallier. Dämonix meint, ob lauter oder unlauter, es wäre doch viel besser, wenn alle Gallier in den Genuss des Zaubertrankes kämen, so könne man die römischen Invasoren überall im Land verjagen, bisher sei es ja nur ein Dorf, dass sich befreit sehe. Freilich ist er gewissenlos und hat den Trank, auf dessen Rezept er aus ist, schon den Römern versprochen, aber Recht hat er, auch wenn die Regie sogleich einen opportunistischen Gallier präsentiert, der römischer als der Papst ist, der wiederum, Gott sei Dank, hier keine Rolle spielt. Das hätte uns noch gefehlt.

Oder doch nicht. Jedenfalls will Dämonix unbedingt das Geheimnis des Zaubertrankes lüften. Passenderweise ist er selbst ein Druide und Exkollege von Dorf- und Oberdruide Miraculix. Miraculix steckt derweil tief in einer Altmännerdepression, d. h. er hat seine zweiten Wechseljahre beziehungsweise die dritte Mittlebenskrise und sucht entnervt einen Nachfolger. Seine senil konfusen Kollegen aus dem Umland scheiden alle aus, und insgesamt wird klar, dass der Druidenberuf zum Aussterben verurteilt ist; Scharlatane, Magier und Deppen tragen jetzt den weißen Bart (später soll sich dieser Menschentyp in den Berufspolitiker von heute »weiterentwickeln«); einzig als würdig empfiehlt sich schließlich ein junges, unverbrauchtes und eher ziegenhirtiges Supertalent, ein Berg-Alexis-Tsipras, der, ja, das wissen wir schon lange, vom Feind verführt, nicht mal zum Verräter taugt, weil man dazu Charakter braucht. Ein schlechter Charakter ist wenigstens ein Charakter, aber eine Null ist nur eine Null. So wie der ganze Film eher nicht der Rede wert ist, weshalb wir hier nicht weiterschreiben müssen. Aus einer Null kann man keine Eins machen. Schon gar nicht in rechnergestützten Programmen.

»Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks«, Regie: Louis Clichy, Alexandre Astier, Frankreich 2018, 86 Min., Kinostart: heute

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