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Aus: Ausgabe vom 13.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kritische Psychologie

Nach einer Kette von Kriegen

Von A wie Anpassung bis Z wie Zurichtung: Rückblick auf den Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie in Berlin
Von Christa Schaffmann
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»Gefahr eines Großkonflikts« (Proteste gegen Münchner Sicherheitskonferenz)

Namhafte Völkerrechtler, Friedensforscher, Soziologen und Politikwissenschaftler referierten beim Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) Ende vergangener Woche in Berlin unter dem Titel »Krieg nach innen, Krieg nach außen – Intellektuelle als Stützen der Gesellschaft?« Die hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht.

Ernst Ulrich von Weizsäcker stieß mit seinem Eröffnungsvortrag über den jüngsten Bericht des »Club of Rome«, dessen Kopräsident er bis 2018 war, bei mehreren Teilnehmern auf harsche Kritik. Von einer jungen Psychologiestudentin musste er sich sagen lassen, dass die von ihm erhobenen Forderungen längst nicht weit genug gingen. Souverän erklärte Weizsäcker, er sei sehr froh über diese Reaktion. Gewöhnlich werde eher die Umsetzbarkeit seiner Forderungen infrage gestellt, würden Kosten und andere Scheinargumente ins Feld geführt, weil eine Mehrheit längst nicht verstanden habe, wie ernst es um den Planeten stehe. Seine Zurückhaltung rechtfertigte der Naturwissenschaftler damit, dass schärfere Formulierungen ihn seiner Wirkungschancen berauben könnten. Sein Vortrag blieb bis zum Ende des viertägigen Kongresses ein Thema. Die Urteile reichten von »akzeptabler Partner im gemeinsamen Kampf für die Rettung des Planeten« bis zu totaler Ablehnung.

Mehrere Vorträge widmeten sich der Rolle der Medien. Bei deren Intellektuellen sei, von Ausnahmen abgesehen, eine totale Unterwerfung unter den Markt zu beobachten, erklärte Schriftsteller Michael Schneider (»Ein zweites Leben«). Der Anteil der Nachrichtensendungen bei den privaten Kanälen liege einer aktuellen Studie zufolge bei 0,5 Prozent, das spreche für sich, aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender gerieten immer mehr unter Druck und hätten die Quote zum obersten Leitprinzip erhoben. »Die Diktatur der Quote hat aber letzten Endes eine viel nachhaltigere und wirksamere Zensur – und Selbstzensur – im Gefolge, als jede staatliche Zensurbehörde sie durchzusetzen vermag«, so Schneider. Die Medien würden so immer weniger die kritische und aufklärerische Funktion wahrnehmen, die ihnen das Grundgesetz als vierte Gewalt im Staat zuweist.

Arnold Schölzel aus der Chefredaktion der jungen Welt spannte den Bogen von Hegels Begriff der »universalen Vernunft« über Lukács’ Kritik an der »Zerstörung der Vernunft« bis in die Gegenwart. »An einer erneuten Hegemonie reaktionärer Ideologie wird in Deutschland und anderen Ländern zielstrebig gearbeitet«, sagte Schölzel. Die Welt sei nach einer Kette von Kriegen »mit der Gefahr eines Großkonflikts konfrontiert«. In der Bundesrepublik werde laut über die Anschaffung von Atomwaffen nachgedacht. »Das Sozialexperiment in Ostdeutschland, die systematische Enteignung der Bevölkerung eines ganzen Staates, erweist sich als Teil einer weltweiten sozialen Konterrevolution, einer globalen Umverteilung von unten nach oben.« Die soziale Ungleichheit sei ohne historisches Beispiel und gefährde die Stabilität der Industriestaaten.

In einer Reihe von Referaten und Diskussionen ging es um die Verantwortung von Psychologen und Psychotherapeuten. Letztere »neigen oft dazu, gesellschaftliche Verhältnisse auszublenden«, erklärte die Gestalttherapeutin Katharina Stahlmann. Unter dem Anschein von Pluralität und Freiheit finde eine problematische Zurichtung der Menschen für Märkte statt. Therapeuten kümmerten sich um die Anpassung von Klienten und Patienten an im Grunde unmenschliche Zustände und profitierten so indirekt vom krankmachenden Neoliberalismus. »Es darf aber nicht nur darum gehen, erfahrenes Leid zu verarbeiten, sondern auch darum, Leid zu verhindern, indem man die Verhältnisse verändert.«

Interview mit Ernst Ulrich von Weizsäcker auf der Schwerpunktseite zum NGfP-Kongress in jW vom 5. März

Debatte

  • Beitrag von Josie Michel-Brüning aus Jülich (13. März 2019 um 22:44 Uhr)
    Von A wie Anpassung und Z wie Zurichtung

    Vielen Dank für diesen Bericht über den Psychologenkongress! Noch mehr hätte ich mich gefreut, wenn auch noch auf die Referate der »namhaften Völkerrechtler, Friedensforscher, Soziologen und Politikwissenschaftler« eingegangen worden wäre. Außerdem frage ich mich: Gab es dort eigentlich auch Beiträge von »systemisch« arbeitenden »Familientherapeuten«?

    Sie waren nämlich von ihrer Ausbildung und ihrem Anspruch her mit Blick auf die krankmachenden Auswirkungen des neoliberalistischen Systems und dessen sich eskalierende Wechselwirkungen zwischen Individuum, Familien und Gesellschaft angetreten, »nicht nur erfahrenes Leid zu verarbeiten, sondern auch dazu, zukünftiges Leid zu verhindern«, um auch die Verhältnisse zu ändern. Anscheinend wurden solche Therapeuten von unserem System, in dem es bspw. auch einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf um Kassenzulassungen geht, erfolgreich ausgebremst.

    So aber muss ich dankbar sein, dass die Gestalttherapeutin Katharina Stahlmann diesen Aspekt angesprochen hat.

    Josie Michel-Brüning, system. Familientherapeutin »i. R.«

    38448 Wolfsburg

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