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Aus: Ausgabe vom 13.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Die gespielte Debatte

Deutsche Kolonialverbrechen, moralische Aufladung: »Herero_Nama« am Schauspiel Köln
Von Hans-Christoph Zimmermann
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»Wie der leibhaftige Alb der Geschichte«: Israel Kaunatjike (Mitte und Video rechts)

Die Köpfe der 1905 im Konzentrationslager in Swakopmund getöteten Herero und Nama wurden gekocht. Frauen mussten mit Glasscherben das Fleisch von den Knochen schaben. Anschließend wurden die Schädel für rassentheoretische Forschungen nach Deutschland verschifft, wo sie heute in Museumskellern liegen. »Das sind keine Schädel, das sind Menschen!« sagt der Herero Israel Kaunatjike wütend und verlangt die sofortige Rückgabe, um die sterblichen Überreste seiner Vorfahren bestatten zu können.

Wie kommt man den Gräueln eines Völkermords bei, ohne ihn darzustellen? Emotionalisierung via Dokumentation des Grauens ist ein Weg, den Peter Weiss und Claude Lanzmann beschritten haben, jetzt geht ihn Nuran David Calis in seiner Inszenierung »Herero_Nama. A ­History of Violence« am Schauspiel Köln. Recht ausführlich zitiert wird etwa eine Debatte deutscher Kolonialbeamter über die ökonomischen Folgen des Einsatzes verschiedener Prügelinstrumente.

Der deutsche Kolonialismus, der 1918 schlagartig endete, ist im doppelten Sinn ein dunkles Kapitel: Blutrünstig und öffentlich wenig bekannt. Weshalb die Inszenierung zunächst zum historischen Grundkurs lädt. Die erst einmal friedliche Begegnung der Herero und Nama mit Missionaren Mitte des 19. Jahrhunderts geht ab 1884 in ein Ausbeutungsverhältnis über, in dem Siedler mit Hilfe von Schutztruppen Land requirieren und die Einwohner versklaven. Auf den Aufstand der Herero und Nama 1904 reagiert das Deutsche Reich mit einem Vernichtungsfeldzug, der etwa 90.000 Menschen das Leben kostet und als erster Genozid des 20. Jahrhundert gilt. Regisseur Calis lässt zu dieser Wikipedia-Schulung drei Mönche (Stefo Hanushevsky, Yuri Englert, Shari Asha Crosson) mit Kopfmasken vor farbigen Kirchenfenstern durch die Szene streichen, »Der Name der Rose« und Ku-Klux-Clan lassen grüßen. Bürgerliche Klaviermusik perlt aus den Lautsprechern und über allem wacht den ganzen Abend merkwürdigerweise ein Großporträt Wilhelms II. – würde man einen Abend zum Holocaust unter einem Bild Hitlers spielen lassen?

Wie schon in früheren Kölner Produktionen zum NSU oder zu deutschen IS-Kämpfern konfrontiert Calis deutsche Schauspieler mit »Experten«, die die Authentizität des Stoffs beglaubigen sollen: Der Herero Israel Kaunatjike und die Nama Talita Uinuses leben in Deutschland. Beide sind Aktivisten, die von Deutschland die Anerkennung des Genozids sowie Reparationen verlangen und sich einer Klage der Ethnien vor einem New Yorker Gericht angeschlossen haben. Als weiterer Externer tritt der Münchner Kulturanthropologe Julian Warner auf. Dass das Trio wie der leibhaftige Alb der Geschichte auf historistischem Mobiliar mit Kerzenleuchtern platziert wird, während die Schauspieler an einem Resopaltisch sitzen, wirkt allerdings symptomatisch. Der Abend lebt von moralischer Aufladung und historischer Genauigkeit, muss aber vor den Ambivalenzen der Gegenwart versagen.

Das zeigt sich vor allem im zweiten Teil, in dem das Stück in die Debatte zwischen Experten und Schauspielern abdriftet (ein Stilmittel von Calis’ Inszenierungen). Dabei hagelt es Plattitüden von beiden Seiten: »Mama Africa rises«, ein Loblied auf China, deutsche Kolonialverbrechen werden mit englischen gleichgesetzt, die namibische Regierung als Diebesbande verteufelt etc. Die gespielte Debatte kann ihre Künstlichkeit nie ganz verleugnen und nimmt schließlich das Theater ins identitätspolitische Visier.

Die Klage der Herero und Nama in New York wurde am 6. März, also drei Tage vor der Premiere, abgewiesen. Dass Deutschland die Verantwortung für den Genozid mit allen Konsequenzen übernehmen muss, dürfte klar sein. Ob das Theater mit einem derart moralisch aufgeschäumten Abend dazu einen Beitrag leisten kann, erscheint allerdings zweifelhaft.

Nächste Vorstellungen: 15., 22., 27.3., 20 Uhr, Depot 2

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Wolfgang Richel, Wuppertal: Theoriekopf frei Schön, in der jW etwas von Hans-Christoph Zimmermann zu lesen. Seine klaren Analysen, zuletzt in der Deutschen Bühne, über die Gefährdung der Stadttheater am Beispiel Bochums sollte sich die, wie Wigl...

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