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Aus: Ausgabe vom 13.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Verfolgter Verfolger des Tages: Hans-Georg Maaßen

Von Kristian Stemmler
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Wähnt sich verfolgt: Hans-Georg Maaßen

Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man drüber lachen. Je weiter Diskurse nach rechts verschoben werden, je mehr bislang Unsagbares wieder sagbar wird, desto lauter beschweren sich die reaktionären Leitfiguren des Landes über Sprechverbote. Auch der im November als Verfassungsschutzchef geschasste Hans-Georg Maaßen gefällt sich in dieser Pose. In einem Interview mit der FAZ behauptete er am Montag allen Ernstes, er sei Opfer einer »Hetzjagd« geworden.

Mit dem Begriff spielte Maaßen, der sich vor ein paar Wochen der rechtslastigen CDU-Strömung »Werteunion« anschloss, auf seine Entgleisung im August 2018 an. Damals hatte in Chemnitz ein rechter Mob Migranten durch die Straßen gejagt, was Maaßen aber partout nicht gesehen haben wollte. Im Gegenteil: Er vermutete eine fiese Desinformationskampagne. Und ein paar Monate später »linksradikale Kräfte« in der SPD.

Die damalige Empörung über Maaßens Wahrnehmungsstörung: Das war also eine Hetzjagd. Natürlich zielt die Strategie, sich als politisch Verfolgter zu inszenieren, auf eine rechte Klientel, die immer schon in diesem Wahn gelebt hat. Als Märtyrer gilt dort, wem die eigenen Ausbrüche gegen tatsächliche oder vermeintliche Linke sowie Migranten um die Ohren gehauen werden.

Maaßen und Co. arbeiten fleißig daran, die gesellschaftliche »Mitte«, die auf diese Vorstöße mit einer Mischung aus Naivität und Anpassungsbereitschaft reagiert, an rechtes Gedankengut zu gewöhnen. Das Wochenende bot dafür gleich doppelt Anschauungsmaterial: die Schweigeminute für einen verstorbenen Neonazi im Stadion des Chemnitzer FC und das Ständchen, das TV-Moderator Reinhold Beckmann bei der Geburtstagsfeier von Ex-Spiegel-Mann Matthias Matussek vor Figuren aus dem rechten Lager gab. Beckmann entschuldigte sich bei Facebook, er habe sich da wohl »verlaufen«. Das passiert eben, wenn Typen wie Maaßen die politische Landschaft neu vermessen.

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