Gegründet 1947 Dienstag, 26. März 2019, Nr. 72
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.03.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
»Pragmatischer Humanismus«

Klassenpolitischer Kern

Entsteht eine »Arbeiterbewegung von rechts«? Der Soziologe Klaus Dörre liefert eine differenzierte Analyse und plädiert für mehr Radikalität
Von Daniel Behruzi
Kundgebung_von_Opel_57089780.jpg
Vertreter der Thüringer AfD, u. a. der AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke (Mitte), werden am 24.4.2018 von Opel-Beschäftigten bei einer Protestkundgebung vor dem Werk Eisenach abgedrängt

Nicht nur das Parteienspektrum ist in weiten Teilen nach rechts gerückt, seit die sogenannte Alternative für Deutschland (AfD) die politische Bühne betreten hat. Auch in der Linken, in Gewerkschaften und in der Wissenschaft wird seither über Ursachen und Gegenstrategien zur rechten Renaissance gestritten. Der von den Jenaer Soziologen Klaus Dörre und Karina Becker gemeinsam mit Peter Reif-Spirek von der Thüringer Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Sammelband »Arbeiterbewegung von rechts?« bringt unterschiedliche Ansätze zum Thema zusammen, die allerdings in einem Punkt weitgehend einig sind: Ohne die soziale Frage zu thematisieren, ist das Erstarken der Neuen Rechten weder zu verstehen noch erfolgreich zu bekämpfen.

Diese Herangehensweise ist in der Debatte keineswegs der Mainstream. Vielmehr dominieren zumeist »kulturalistische Erklärungsversuche« wie derjenige der Darmstädter Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch, mit der sich Klaus Dörre in seinem Beitrag zum Sammelband auseinandersetzt. Sie geht davon aus, Nachkriegsdeutschland habe »seine Arbeiterklasse in die Mittelschicht integriert«, doch infolge der Globalisierung habe diese »durch die Arbeitnehmergesellschaft formierte homogene Mittelschicht« aufgehört, »eine Einheit zu sein«. Heute laufe die Klassenspaltung, so Koppetsch, »mitten durch die Mittelklassen hindurch«, es manifestiere sich ein »Klassenkonflikt zwischen auf- und absteigenden Fraktionen innerhalb der Mittelschicht«, der im »aufbrechenden Rechtspopulismus« ihren Ausdruck finde.

Mit dieser Analyse geht Dörre hart ins Gericht. So sei verwirrend, wenn »ein Klassenkonflikt innerhalb der Mittelschicht behauptet wird. Klasse wird so zu einer Unterkategorie von Schicht«. Außerdem kritisiert der Jenaer Professor vor allem die These, in der Bundesrepu­blik sei die Arbeiterschaft weitestgehend in die Mittelschicht integriert worden. »Eine derart homogene Mitte« sei »ein Mythos«. Es handelt sich um eine theoretische Konstruktion, die (…) immer wieder für eine ideologisch-politische Entsorgung der Klassenfrage genutzt worden ist. Was aber als homogene soziale Einheit niemals existiert hat, kann nicht durch einen neuen Klassenkonflikt gespalten werden.« Den »klassenpolitischen Kern« des »Rechtspopulismus« könnten solche kulturalistischen Deutungen weder angemessen erfassen noch hinreichend erklären.

Was ist nun Dörres klassentheoretische Erklärung für die »autoritäre Revolte«, der sich nicht nur Deutschland ausgesetzt sieht? Ein Element sei die Spaltung der kapitalistischen Eliten. Ob die Globalisierung auf dem bisherigen Weg fortgesetzt werden könne, sei zwischen den herrschenden Kapitalfraktionen umstritten. Aus Sicht eines Teils von ihnen »haben sich Globalisierung und Europäisierung als hegemoniale Wachstumsprojekte erschöpft«. Als zweiten Baustein identifiziert der Soziologe die »Entproletarisierung« der Mitte-Links-Parteien, die er an der SPD durchdekliniert. Bei der Parteipräferenz liegt die »einstige Arbeiterpartei« sowohl bei Beschäftigten mit einfachen Tätigkeiten (24 Prozent) als auch bei Gewerkschaftsmitgliedern (19 Prozent) hinter der AfD (36 bzw. 24 Prozent).

Letzterer beschere in der Arbeiterschaft »vor allem die Kombination aus Sozialpopulismus und ethnopluralistisch begründeter Abgrenzung« Wahlerfolge. Allerdings widerspricht der Soziologe der weit verbreiteten Charakterisierung der AfD als »neue Arbeiterpartei«. Ihre Wählerschaft sei vielmehr »interklassistisch zusammengesetzt«, entsprechend vielfältig seien die subjektiven Zugänge.

Als Gegenprojekt zum rechten Populismus sieht Dörre »eine politische und gewerkschaftliche Linke, die eine inklusive demokratische Klassenpolitik entwickelt, diese mit einem pragmatischen Humanismus in der Migrationspolitik verbindet und mit einer neo- bzw. öko-sozialistischen Zielsetzung versieht«. Seine Analyse verbindet er mit einem Appell, es nicht bei moralischer Empörung über den Rechtspopulismus zu belassen, sondern radikale Alternativen zu propagieren: »Zu einem pragmatischen Humanismus gehört die Erkenntnis, dass sich Rassismus nicht weg dekonstruieren lässt (…). Es kommt darauf an, Rassismus nicht nur zu kritisieren, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern, die ihn hervorbringen.«

Dem kann man nur zustimmen. Das gilt indes nicht für den Schluss des Beitrags, in dem Dörre – ausgerechnet mit Bezug auf die ehemalige US-Außenministerin und Unterstützerin des Jugoslawien-Kriegs, Madeleine Albright, – formuliert: Gelinge es nicht, die politische Verselbständigung und Radikalisierung rechtspopulistischer Orientierungen einzudämmen, »droht auf längere Sicht (…) – Faschismus.« Soll das heißen, es steht nun doch der Faschismus vor der Tür? Hier geht die begriffliche Trennschärfe verloren, die Dörres Argumentation ansonsten prägt.

Karina Becker, Klaus Dörre, Peter Reif-Spirek (Hrsg.): Arbeiterbewegung von rechts? Ungleichheit – Verteilungskämpfe – populistische Revolte. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 359 Seiten, 24,95 Euro

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft