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Aus: Ausgabe vom 12.03.2019, Seite 12 / Thema
Afrikanisches Kino

Im Zerrspiegel

Das diesjährige Filmfestival Fespaco in Burkina Faso reflektierte den Kreislauf aus imperialistischem Größenwahn, sozialer und wirtschaftlicher Katastrophe, Terror und Flucht in Afrika nur indirekt
Von Arnold Schölzel
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Vor 50 Jahren von linken und kommunistischen Künstlern gegründet, bot das Festival in diesem Jahr nur wenige Filme auf hohem Niveau, die sich mit der sozialen und politischen Wirklichkeit afrikanischer Gesellschaften auseinandersetzen (Vor Beginn der Eröffnungsfeierlichkeiten am 23. Februar)

Es war ein Paukenschlag: Am vergangenen Sonnabend enthüllten der Staatspräsident von Burkina Faso, Roch Marc Kaboré, und der frühere Staatschef Ghanas (1981–2001), Jerry John Rawlings, in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, eine Monumentalstatue des 1987 ermordeten sozialistischen Revolutionsführers Thomas Sankara. Rawlings hatte 1985 mit Sankara einen Vertrag über einen Zusammenschluss von Ghana und Burkina Faso geschlossen, der nach dem Tod Sankaras hinfällig wurde. Die nun errichtete fünf Meter große Skulptur steht auf einem mehr als drei Meter hohen Sockel, der auf jeder seiner vier Seiten jeweils drei Porträtreliefs jener Revolutionäre zeigt, die zusammen mit Sankara am 15. Oktober 1987 von einem Kommando erschossen worden waren. Das Denkmal soll einmal das zentrale Element einer größeren Gedenkstätte sein, zu errichten auf dem Gelände des sogenannten Conseil de l’Entente, einer westafrikanischen Organisation, dem damaligen Sitz des Revolutionsrates.

In dessen Gebäude wurden Sankara, der bei vielen in Afrika noch immer große Popularität genießt, und seine Mitkämpfer von Kugeln regelrecht durchsiebt. Der mutmaßliche Auftraggeber des Mordes, Blaise Compaoré, bis dahin engster Gefährte Sankaras, ergriff die Macht und regierte bis zu seinem Sturz durch einen Volksaufstand 2014. Ein Jahr später begann nach einer Exhumierung der Leichname eine gerichtliche Untersuchung, die nicht abgeschlossen ist. Compaoré, der sich im Exil in Côte d’Ivoire aufhält, ist zwar zur Fahndung ausgeschrieben, steht aber offensichtlich unter dem Schutz Frankreichs und des 2011 von Paris eingesetzten ivorischen Präsidenten Alassane Ouattara.

Stadt in Feierlaune

Für die Denkmalsenthüllung nutzten die Politiker den letzten Tag des diesjährigen Fespaco, des panafrikanischen Filmfestivals, das vom 23. Februar bis zum 2. März in Ouagadougou stattfand. Vor 50 Jahren, im Februar 1969, hatten linke und kommunistische Künstler es dort gegründet, seit 1973 findet es alle zwei Jahre statt, jetzt zum insgesamt 26. Mal, wobei das Thema »Vergangenheit und Zukunft des afrikanischen Films« waren. Gezeigt wurden etwa 200 Filme in neun Kinos vor rund 100.000 Zuschauern, vier Jurys bewerteten das für die Wettbewerbe ausgewählten Angebot, darunter 20 Streifen, die sich für den Spielfilmhauptpreis, den Étalon d’Or de Yennenga, bewarben.

Für viele Einwohner Ouagadougous ist das Fespaco zugleich ein Fest, das an zahlreichen Orten der Stadt ausgiebig mit »Brakina«, der einheimischen Biermarke, mit »Brochettes«, kleinen Fleischspießen, und mit Musik gefeiert wird. Trotz der Allgegenwart von Sicherheitskräften war die Atmosphäre auch 2019 entspannt, freundlich. Nur am 8. März, dem Internationalen Frauentag, herrscht in ganz Burkina Faso noch mehr Feierlaune, versichern die Einheimischen. Thomas Sankara, der wegen seines tatkräftigen Eintretens für Frauenrechte auch als »feministischer« Politiker bezeichnet wird, hatte das Datum zum gesetzlichen Feiertag gemacht.

Außerhalb Afrikas wurde das Fespaco zunächst wenig beachtet, inzwischen hat es weltweit einen legendären Ruf. Es ist heute nicht nur eine Gelegenheit, Filme zu sehen, die in Nordamerika oder Europa häufig nur in Einzelvorstellungen oder auf Afrikafestivals zu sehen sind, es ist vor allem ein Treffen von rund 3.000 afrikanischen Künstlern, Wissenschaftlern und Publizisten, von denen nicht wenige außerhalb des vom Westen durchgesetzten Mainstreams denken und handeln. Dem widerspricht nicht, dass zahlreiche Filme nur mit finanzieller Hilfe aus der EU oder aus Nordamerika zustande kommen und auch unter den Sponsoren des Fespaco staatliche und private Einrichtungen des Auslands eine große Rolle spielen. Inzwischen steuern aber viele afrikanischen Staaten und die Afrikanische Union ebenfalls beachtliche Beträge bei. Dabei entsteht vieles, was – abgesehen von der Hautfarbe der Protagonisten – auch aus Hollywood oder anderen Konfektionsanstalten kommen könnte, offensichtlich bleiben aber große Spielräume, um anderes zu produzieren – Filme, die sich auf hohem künstlerischem Niveau mit der sozialen und politischen Wirklichkeit afrikanischer Gesellschaften auseinandersetzen. Leider waren sie in diesem Jahr in der Minderheit, wenn man einmal von den zahlreichen, digital aufgearbeiteten Werken von Fespaco-Preisträgern der vergangenen fünf Jahrzehnte absieht. Besonders sehenswert: »Hyänen« des Senegalesen Djibril Diop Mambéty (1945–1998), eine Adaption von Friedrich Dürrenmatts »Der Besuch der alten Dame« aus dem Jahr 1992.

Von der sozialen Wirklichkeit außerhalb der Kinosäle ließ sich das Fespaco-Geschehen jedoch nicht trennen. Die Sicherheitsvorkehrungen an allen Eingängen zu den Festivaleinrichtungen überboten das Maß an Kontrolle, das an Flughäfen zur Gewohnheit geworden ist, bei weitem: Konfisziert wurden Zigaretten, Feuerzeuge und andere Utensilien – alles unter Aufsicht Schwerbewaffneter. Die sechsspurigen Hauptstraßen waren gesperrt, was zum faktischen Verkehrskollaps auf den schmalen Umgehungsrouten führte, die schon bei Normalverkehr verstopft sind. Hauptverkehrsmittel sind in Burkina Faso unüberschaubar viele Kleinmotorräder chinesischer Bauart, viele Autos und wenige Fahrräder. Nach offiziellen Angaben gab es seit der Amtseinführung der nach allgemeinen und freien Wahlen gebildeten Regierung Kaborés im Januar 2016 rund 200 terroristische Attacken im Land, darunter Anschläge mit vielen Toten in Ouagadougou selbst. In einem Interview mit der Deutschen Welle machte der Präsident am 21. Februar Compaoré dafür verantwortlich, dass den Terrorbanden weder Geld noch Munition ausgingen – eine Aussage, die ihm zum Teil scharfe Kritik zu Hause einbrachte. Compaoré hat nicht wenige Anhänger.

Allerdings bestätigen einige Presseorgane auch Kaborés Angaben und nennen Namen von Hintermännern. Deren Ziel sei, schrieb z. B. der zweimal im Monat in Ouagadougou erscheinende Courrier Confidentiel schon am 10. Februar, »die absolute Kontrolle eines Teils des nationalen Territoriums«, speziell im Osten und Norden, wo sich viele illegale Goldminen befinden. Die »denkenden Köpfe« dahinter stammten nach aktuellen Erkenntnissen des burkinischen Geheimdienstes aus Mali, unter ihnen seien aber auch eigene Staatsbürger. Sie arbeiteten in Komplizenschaft mit vermögenden Leuten in Burkina Faso, Mali und Niger, die über private Flugzeuge und Hubschrauber verfügten. Sie strebten einen »sicheren Korridor« für den Schmuggel von Waren »mit großem finanziellen Wert« von Europa quer durch Afrika und umgekehrt an – Drogen, Zigaretten und, »kürzlich hinzugefügt«, Gold. Das sei, seitdem Libyen »in Flammen« stehe, ein lukratives Geschäft. Die Quellen im Geheimdienst erklärten gegenüber der Zeitung formell: »Nur wenige Terroristen sind wirklich von religiösen Fragen geleitet.« 90 Prozent kämpften allein für das »Business«, einige stünden mit Leuten in den einheimischen Streitkräften in Verbindung.

Die »G5 Sahel«, eine Truppe aus fünf frankophonen westafrikanischen Staaten, die mit Unterstützung vor allem Frankreichs und Deutschlands seit 2017 aufgebaut wird und einmal 5.000 Soldaten umfassen soll, wüssten das. Alle ihre Aktionen gegen Banden, die rasch zwischen Rückzugsstellungen in Wäldern Burkina Fasos und Malis wechselten, seien aber ergebnislos. Die Terroristen seien vielmehr dabei, die von ihnen kontrollierten Gebiete zu erweitern.

Auf dem Pulverfass

Ob der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD), der in der Fespaco-Woche auf einer fünftägigen Westafrikareise auch Ouagadougou besuchte, mit solchen Analysen konfrontiert wurde, ist unbekannt. Der mit dem Auswärtigen Amt eng verbundene Sender Deutsche Welle sprach allerdings ungerührt davon, dass Burkina Faso »vom islamistischen Terror erschüttert« werde. Spiegel online berichtete vorsichtiger aus Mali, der letzten Station der Ministerreise: »Die sich verschlechternde Sicherheitslage in der Sahelzone zog sich wie ein roter Faden durch die West­afrikareise des Bundesaußenministers. Bei einem Besuch der Polizeiakademie des Nachbarlandes Burkina Faso berichteten zwei Bürgermeister und ein Gouverneur aus der Grenzregion zu Mali eindrücklich von dem explosiven Gemisch aus ethnischen Konflikten, Kriminalität und Terrorismus.« Beide erwähnten offenbar nicht Islamismus, sondern Staatszerfall als Hauptursache für die Lage. Spiegel online-Korrespondent Christoph Schult: »›Unsere Aufgabe ist es, dass die Menschen jeden Tag arbeiten gehen, aber aus Sicherheitsgründen müssen wir Märkte schließen‹, berichtete Sié Sou, Gouverneur der Region Boucle du Mouhoun. ›Da ist nur Stress und Angst, weil die Bevölkerung den Eindruck hat, dass der Staat nicht anwesend ist.‹ ›Da ist nur Angst‹, bestätigte Souhaibo Dicko, Bürgermeister der Kommune Diguel. ›Wir haben keine Polizei, keine Gendarmerie und keine Armee. Ab 18 Uhr verschanzt sich jeder zu Hause.‹«

In Europa wird aber das Etikett »islamistisch« gern verwendet, es rechtfertigt militärische Abenteuer jeder Art. Die »geniale Erfindung« des »globalen Kriegs gegen den Terror«, wie der im vergangenen Jahr verstorbene Historiker und Faschismusforscher Kurt Gossweiler einmal formulierte, kommt ohne eine emotional aufgeladene, letztlich rassistische »Begründung« nicht aus. Die Erklärung, kriminelle Geschäftemacher wollten von der Katastrophe in den im Rahmen dieses Krieges überfallenen Ländern profitieren, wäre zu gewöhnlich, um als Begründung für größere militärische Aktionen auszureichen.

Vor allem aber: Diese Art von Terrorismus hat tiefere Ursprünge als das Ausnutzen einer Situation, wie sie durch die Zerstörung Libyens oder anderer Länder entstanden ist. Dieses »Gewerbe« erwächst ständig neu auf dem Boden der stagnierenden Armut, der unglaublichen großen Kluft zwischen einer Handvoll Reicher und der Masse der Bevölkerung sowie der daraus resultierenden Zerbrechlichkeit von Staaten. Das gilt etwa für Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad, also jenen Ländern, die zu den »G5 Sahel« zusammengeschlossen wurden, in besonderem Maß.

Neokoloniale Währung

Die wirtschaftliche und soziale Situation dieser Länder hat sich seit ihrer »Unabhängigkeit« in den 1960er Jahren kaum verändert, vor allem nicht ihre wirtschaftliche Abhängigkeit von Frankreich, der alten und neuen Kolonialmacht. Übertreibung? Nur ein Beispiel: In acht Ländern der Region (Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoire, Guinea-Bissao, Mali, Niger, Senegal und Togo) gilt die Gemeinschaftswährung CFA-Franc. Die Abkürzung steht für »Franc de la Communauté Financière d’­Afrique – Franc der Finanzgemeinschaft Afrikas«. Frankreich führte ihn 1945 in seinen Kolonien ein, damals hieß die Währung schlicht Franc »Colonies Francaises d’Afrique – Französische Kolonien Afrikas«. 1958 ersetzte Paris die »Colonies« durch »Communauté«. Bei der ebenfalls Franc CFA abgekürzten Gemeinschaftswährung von sechs benachbarten Staaten (Äquatorialguinea, Gabun, Kamerun, Republik Kongo, Tschad und Zentralafrika) wurde »Colonies« durch »Cooperation« ersetzt: »Franc de la Coopération Financière en Afrique Centrale – Franc der Finankooperation von Zentralafrika«. Beide Währungen sind mit einem Kurs von 655,957 CFA-Franc je Euro fest an die europäische Gemeinschaftswährung gekoppelt. Und das ist der Clou: Diese Kopplung führt zu einer hohen Bewertung des CFA-Franc. Das heißt, Exporte aus den CFA-Staaten werden teuer, Importe, zumal die subventionierten aus der EU, billig. Seit der Unabhängigkeit haben die meisten der CFA-Staaten noch nie eine positive Außenhandelsbilanz erzielt, daher Schulden aufgehäuft, die mit Milliardenbeträgen bedient werden müssen. Es handelt sich um eine fast perfekte fiskalische Maschinerie, um die afrikanische Wirtschaft am Boden zu halten oder zu zerstören, sich eine korrupte Oberschicht in den betreffenden Staaten zu kaufen, deren Vermögen stetig ins französische Versteck wandern, und schließlich mehr Geld aus diesen Ländern Richtung Paris zu pumpen, als je dorthin in Form sogenannter Entwicklungshilfe gelangte – und das seit mehr als 60 Jahren.

Die Kritik daran in Afrika nimmt in den vergangenen Jahren zu. 2017 fanden dort und in Europa große Kundgebungen statt, auf denen »die perversen Auswirkungen des postkolonialen Geldes« angeprangert wurden. Die Forderung »Degage France – Hau ab, Frankreich« wird heute in Burkina Faso wie in den anderen 13 CFA-Ländern, in denen insgesamt etwa 150 Millionen Einwohner leben, von verschiedenen Initiativen erhoben. Bei den Präsidentschaftswahlen am 24. Februar in Senegal gehörte sie zu den wirkungsvollen Losungen der Opposition.

In der Bundesrepublik ist weder von diesem monetären Ausplünderungsinstrument noch vom wachsenden Protest viel zu hören. Immerhin sendete z. B. der Deutschlandfunk am 20. Dezember 2018 einen aufschlussreichen »Hintergrund« von Benjamin Moscovici zu diesem Thema unter dem Titel »Frankreich und der unsichtbare Kolonialismus«. Untertitel: »In West- und Zentralafrika setzt Frankreich die Ausbeutung seiner ehemaligen Kolonien fort – unter anderem über eine Währung, die alte Machtverhältnisse zementiert und die wirtschaftliche Entwicklung blockiert. Die Folgen: Armut, Konflikte und Migration.«

Der Autor führt die heutige Situation bis auf 1960, das »afrikanische Jahr« der Unabhängigkeit, zurück und zitiert aus einem Brief des damaligen französischen Finanzministers Michel Debré an seinen Amtskollegen aus Gabun vom Juli jenes Jahres. Darin schreibt Debré unverblümt: »Wir geben euch die Unabhängigkeit unter der Bedingung, dass sich der Staat nach seiner Unabhängigkeit an die vereinbarten Handelsverträge hält. Das eine geht nicht ohne das andere.« Moscovici: »Bis heute sichert sich Frankreich mit diesen alten Verträgen einen bevorzugten Zugang zu den Ressourcen in den ehemaligen Kolonien. Im Falle Gabuns heißt es in dem Vertrag beispielsweise: ›Die Republik Gabun verpflichtet sich, der französischen Armee strategische und rüstungsrelevante Rohstoffe zur Verfügung zu stellen. Der Export dieser Rohstoffe in andere Staaten ist aus strategischen Gründen nicht erlaubt.‹« Bis heute kaufe Frankreich in West- und Zentralafrika aufgrund solcher Verträge strategische Rohstoffe weit unter dem Weltmarktpreis: Erdöl, Gas, Uran, Thorium, Beryllium, Lithium. Aus Niger holt sich Paris z. B. 40 Prozent seines Uranbedarfs und zahlt dafür ein Drittel des üblichen Preises – eine Einsparung von Milliarden Euro Jahr für Jahr, die durch nichts, schon gar nicht durch »Entwicklungshilfe«, kompensiert wird. Das Land, so Moscovici, sei eines der ärmsten der Welt und »das wohl extremste Beispiel« für das seinerzeit geschaffene Vertragssystem.

Das »Kernstück kolonialer Kontinuität und finanzieller Kontrolle« ist nach Auffassung des Autors aber der CFA-Franc: Frankreich druckt die Geldnoten und prägt die Münzen, es hat allein das Recht zu Auf- oder Abwertung und verlangt, dass 50 Prozent aller Währungsreserven der 14 CFA-Staaten in Paris deponiert werden. In den Zentralbanken West- und Zentralafrikas, die 2014 mehr als 14 Milliarden Euro in Paris lagern mussten, sitzt jeweils ein französischer Vertreter mit Vetorecht. Moscovici zitiert einen Aktivisten der Anti-CFA-Bewegung: »Ich sage nicht, dass der Franc CFA der einzige Grund für die Unterentwicklung unserer Länder ist. Aber es ist einer der wichtigsten. Der Franc CFA ist ein System finanzieller Repression.« Dem stimmen die Fachleute, die Moscovici zu Wort kommen lässt zu, etwa die Journalistin Fanny Pigeaud: »Die Westafrikanische Zentralbank verfolgt, durch Verträge mit Frankreich gezwungen, eine Geldpolitik, die die Inflation auf ein Minimum begrenzt. Insofern gibt es wirklich eine gewisse Stabilität, was die Preise angeht. Allerdings blockiert diese erzwungene Stabilität die wirtschaftliche Entwicklung der betreffenden Staaten. Eine eigenständige Geldpolitik ist so unmöglich. Dadurch gibt es zwar eine Stabilität, aber eben eine Stabilität der Armut.«

Deutsch-französische Probleme

Und warum bestehen die afrikanischen Politiker nicht auf Veränderungen? Der frühere Weltbank-Ökonom Abdourahmane Sarr in der Sendung: »Die Elite profitiert von dem überbewerteten CFA-Franc. Diese Leute haben kein Interesse daran, dass sich etwas an dem System ändert, das sie reich gemacht hat.« Und schließlich der ivorische Exfinanzminister Mamadou Koulibaly, der 2000 den Franc CFA öffentlich ablehnte und daraufhin auf persönliche Intervention von Jacques Chirac, dem damaligen französischen Präsidenten, geschasst wurde: »Solange Europa die Politik Frankreichs in der CFA-Zone mitträgt, wird Europa auch die Folgen dieser Politik mittragen müssen. Solange werden Sie mit Massenmigration aus den frankophonen Teilen Afrikas leben müssen.«

In der bundesdeutschen Migrationshysterie spielt diese Fluchtursache keine Rolle. Dabei deutet viel darauf hin, dass Präsident Nicolas Sarkozy Frankreich nicht nur mit dem Krieg in Libyen 2011 ins Schlingern brachte. Sein Nachfolger François Hollande musste 2013 Mali und damit wahrscheinlich auch alle anderen Staaten der Region mit einer Armee vor dem Kollaps retten. Denn ohne westafrikanische Staatsfassaden funktionieren das CFA- und das Ausplünderungsvertragssystem nicht. Der Feldzug wurde aber Paris so teuer, dass die Bundeswehr noch im selben Jahr zu Hilfe gerufen werden musste und nun mit insgesamt fast 1.000 Soldaten in ihrem auch offiziell gefährlichsten »Einsatz« buchstäblich in der Wüste sitzt. Die zur Entlastung der Europäer gedachte »G5-Sahel«-Truppe ist eine Fata Morgana, ihr Zweck ist zu offensichtlich: nicht die Wahrung afrikanischer, sondern ausschließlich französischer und damit EU-Interessen. Sarkozy hat mit seinem Feldzug fast ein großes Reich zerstört, nämlich das eigene koloniale.

Auf das ist Frankreich aber in um so größerem Maße angewiesen, je größer der wirtschaftliche Vorsprung Deutschlands wird. In Ziffern des Bruttoinlandsprodukts seit mehr als 20 Jahren: 2,2 Billionen US-Dollar in Deutschland gegenüber 1,5 Billionen in Frankreich 1997, 3,4 Billionen zu 2,7 Billionen US-Dollar 2007, 3,7 Billionen versus 2,6 Billionen 2017. An einer schwächeren französischen Wirtschaft mag die Bundesrepublik bis zu einem gewissen Grad Interesse haben, das gehört zur Konkurrenz. An einem Absturz Frankreichs aber hat sie keins, der würde auch die deutsche Exportwalze stoppen. Deutsche Soldaten sichern daher u. a. in Mali und Niger ein Kolonialsystem, auf das Paris finanziell angewiesen ist, das aber zugleich zuverlässig Armut, Korruption, Terrorbanden, Staatszerfall und Flucht hervorbringt. Eine nicht sehr komfortable Lage. Laut deutscher Wikipedia gehen im übrigen »80 Prozent des gesamten französischen Militärkooperationsbudgets« in die CFA-Region. Die Währung wird mit Waffen gestützt. Etwas anderes ist Kolonialisten noch nie eingefallen.

Mäßige Filme

Auf den Leinwänden des Fespaco wurde dieser Kreislauf aus imperialistischem Größenwahn, sozialer und wirtschaftlicher Katastrophe, Terror und Flucht nur indirekt widergespiegelt. Gewaltszenen allerdings waren beherrschend, insbesondere Gewalt gegen Frauen war, wie auch in den vergangenen Jahren, ein Hauptthema. Den Hauptpreis gewann ein Film aus dem diesmaligen Ehrengastland des Filmfestivals, Ruanda. Dessen Staatschef, ein Lieblingsafrikaner des Westens, Paul Kagame, war ebenso wie Jerry Rawlings zur Preisverleihung gekommen. Die goldene Yennenga-Skulptur, die eine mythische Reiterin darstellt, erhielt »The Mercy of the Jungle – Die Barmherzigkeit des Dschungels«. Der Film spielt nicht etwa in Ruanda, sondern im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Auf deren Zerfall spekulieren Kagame-Ruanda und der Westen. Kongo ist, wie Fidel Castro bei dessen Unabhängigkeit 1960 vorhersagte, wegen seines Rohstoffreichtums stets in Gefahr, zerteilt zu werden. Allein in den 1990er Jahren fielen dem dort ausgetragenen »afrikanischen Weltkrieg« rund zehn Millionen Menschen zum Opfer, das Morden geht auch mit Hilfe Ruandas weiter. Im preisgekrönten Film schlagen sich zwei Soldaten der ruandischen Armee, die von ihrer Truppe getrennt wurden, durch den kongolesischen Regenwald. Der eine ist ein Bauer, der am Ende den Berufssoldaten tötet, und wieder seiner Arbeit nachgeht.

Silber erhielt »Karma« aus Ägypten: Ein Millionär und ein armer Schlucker tauschen ihre sozialen Plätze, woraus sich allerhand Durcheinander entwickelt. Dritter Platz: Der Anti-Salafisten-Krimi »Fatwa« aus Tunesien. Ein in Paris arbeitender Tunesier kehrt nach Hause zurück, um seinen Sohn zu beerdigen. Der ist mit 18 Jahren angeblich bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Der Vater bekommt nach und nach heraus, dass der Sohn in salafistische Kreise geraten ist, aber an Terrorakten nicht teilnehmen wollte und deswegen von seinen Kumpanen ermordet wurde. Die Polizei wusste das, ging aber nicht gegen die Gruppe vor. Auch der Vater wird schließlich ermordet.

Kritisch-ironisch mit dem Thema Islam ging der leider nicht mit einem Hauptpreis bedachte algerische Film »Bis ans Ende der Zeit« um: Auf einer muslimischen Wallfahrtsstätte herrscht eine bigotter Totenkult, den sich kleine Geschäftemacher zunutze machen.

Der Aufreger der Saison für Trump-Wähler und EU-Politiker, »die« Migration, kam auch vor: In der kurzen Groteske »Ein Platz im Flugzeug« aus dem Senegal. Ein Nichtstuer hört im Radio, wer zuerst am Flughafen sei, dürfe in die USA mitfliegen und dort einreisen. Das wilde Rennen gewinnt der Mann, der keine Chance hat, einfach weil ihm auf einmal Stelzen wachsen, mit denen er den Flughafenzaun übersteigt. Das Flugzeug allerdings war ein Luftbild. Motto frei nach Wiglaf Droste: »Nicht nur weißer Mann viel Scheiße im Kopf.« Den Sankara-Preis erhielt »Desrances« aus Burkina Faso, eine Geschichte zumeist unmotivierter Gewalt aus Sarkozys Krieg 2010/2011 in Côte d’Ivoire, den er, der zunächst feierlich Nichteinmischung geschworen hatte, zugunsten seiner Freunde Ouattara (Präsident bis heute), des Milliardärs Vincent Bolloré (betreibt den Hafen von Abidjan und Logistik in 46 Ländern Afrikas) und des Baulöwen und ebenfalls Milliardärs Martin Bouygues (hat die Lizenz für Wasser- und Elektrizitätsversorgung) zu führen sich bemüßigt sah. In »Desrances« kommt das alles nicht vor, französische Soldaten tauchen nicht auf.

Am Mittwoch berichtete Radio France International, selbstverständlich ebenso wie französische Fernsehsender in allen frankophonen Staaten Afrikas terrestrisch zu empfangen: Die Sankara-Statue muss zurück ins Bildhaueratelier. Sie ähnele dem Ermordeten zuwenig. Sankara starb ebenso wie Muammar Al-Ghaddafi, nachdem er Vorstellungen zu einer eigenen Währung für die afrikanischen Staaten geäußert hatte.

Arnold Schölzel hat das Filmfestival Fespaco in Ouagadougou zum wiederholten Mal besucht.

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