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Aus: Ausgabe vom 07.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Einmal Löwe mit Pommes

Logik des Drogenhandels und die Gang vom FBI: »White Boy Rick« im Kino
Von Felix Bartels
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»Gewinnerstuss verinnerlicht«: White Boy Rick (hinten) mit Cathy, Lil Man (l.) und Big Man in Las Vegas

Dass ein Film ratlos macht, ist eines; was ganz anderes, wenn nicht einmal das noch stört. »White Boy Rick« über den zur Zeit der Handlung minderjährigen Drogenhändler Rick Wershe gelingt das Kunststück, eine außergewöhnliche Story so zu erzählen, dass sie völlig belanglos wirkt und gleichgültig lässt. Im gemächlich verrottenden Detroit der 80er wird Richard, genannt Rick (Richie Merritt), zum Informanten des FBI. Die Operation gerät außer Kontrolle, als er tiefer in die Geschäfte einsteigt. Der neue Reichtum behebt zunächst einige Familienprobleme, doch schließlich wird Rick verhaftet und trotz Minderjährigkeit zu lebenslänglich verurteilt.

Man kann es nicht höflicher sagen: Der Film ist ein Bündel verpasster Gelegenheiten. Die Fabel ist lustlos, eher zäh als langsam erzählt. Mehrfach wechselt das dramaturgische Konzept, kippt vom Personendrama in den Action plot und wieder zurück, und dabei wird weder Spannung gehalten noch ein Leitmotiv etabliert. Die filmischen Mittel werden eher aus Verlegenheit denn Bescheidenheit angewandt, der Einsatz der Handkamera bewirkt kaum etwas, dasselbe gilt für Musik und Szenenbild. Alles nicht schlecht, aber auch nicht gut.

Nahezu dunkel bleibt die politische Seite der Story. Sie reißt das Thema des zurückgebauten Staats an, der für Teile der Gesellschaft seine Funktion nicht mehr erfüllt und das Entstehen einer Schattenwelt nicht verhindern kann. Die FBI-Leute um Agent Alex Snyder (Jennifer Jason Leigh) treten als partikulare Player neben anderen auf, als weitere Gang sozusagen. Ihre Arbeit ist resignativ, sie zielt gar nicht mehr darauf ab, den Drogenhandel zu zerschlagen, sondern nur darauf, die Rollen neu zu besetzen. Sie stiften den jungen Rick zum Handel mit Drogen an. Nur reizt der Film das nicht aus, weder dramaturgisch noch im Dialog. Die Hilflosigkeit der Polizisten, die mit untauglichen Mitteln etwas bekämpfen, das gesellschaftlich bedingt ist, wird nicht deutlich.

Seine stärksten Momente hat »White Boy Rick«, wenn es um die Beziehung zwischen Vater und Sohn geht. Richard Wershe Sr. (Matthew McConaughey) erscheint wie eine etwas weniger liebenswerte Version des Frank Abagnale Sr. aus »Catch Me If You Can« (2000). In beiden Filmen (und ihren historischen Vorlagen) tragen Vater und Sohn dieselben Rufnamen, was das Thema der Identifikation glücklich illustriert. Die Väter haben den empathielosen Gewinnerstuss der kapitalistischen Lebenswelt verinnerlicht, sind aber geschäftlich Versager und sehen im eigenen Sohn die Möglichkeit, verpasste Chancen doch noch wahrzunehmen. Der einzige Zweck des »Mindsets«, mit dem Richard Sr. Richard Jr. ausstattet, ist die Rechtfertigung eigenen asozialen Verhaltens. »Löwen, nicht Lämmer« seien sie, sagt er dem Sohn und doziert anhand eines Beispiels um Fritten und Burger, dass ein Verkäufer nicht bloß vorhandene Bedürfnisse befriedige, sondern erst welche schaffe. Darin ist die Logik des Drogenhandels vollauf angelegt.

Ricks Charakter entspricht den Vorgaben: egozentrisch handeln, Empathie blocken. Er wirkt zurückgeblieben in der emotionalen Entwicklung, fast kindlich. Selten verrät sein Gesicht ein Gefühl. Richie Merritts reservierte, äußerliche Spielweise kommt dem entgegen, hat es in dieser Hinsicht gewiss auch leicht neben dem subtilen Spiel Matthew McConaugheys und dem intensiven Bel Powleys in der Rolle der Schwester Dawn. In Ricks Soloszenen tritt kaum merklich Tiefe in sein Gesicht, die Leere fällt etwas ab, man sieht, dass ihn nicht kaltlässt, was geschieht. Jene Leere darf verstanden werden als Rückzug vom Gefühlsleben nach Verlusterfahrungen: der Mutter, die die Familie im Stich ließ, des Vaters, der sich als Erziehungsfigur selbst demontiert, der Schwester, die im Drogenrausch verlorengeht.

Dies zarte Psychogramm erhält jedoch kein Gegengewicht. Der Film wirbt um Mitleid für seine Titelfigur. Wenn Rick im Abspann als »nonviolent offender« mit furchtbar hoher Strafe bezeichnet wird, stimmt das formal-juristisch, verrät aber auch, welche Richtung der Film hinter der vorgeschobenen Desorientierung verfolgt.

»White Boy Rick«, Regie: Yann Demange, USA 2018, 111 min, Kinostart: heute

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