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Aus: Ausgabe vom 07.03.2019, Seite 2 / Ausland
Fehlender Umweltschutz in EU

»Spielball von Holzmafia und Spekulanten«

Rumänische Urwälder werden illegal abgeholzt. Naturschützer fordern EU zu strengeren Kontrollen auf. Ein Gespräch mit Jana Ballenthien
Interview: Gitta Düperthal
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Ein "Greenpeace"-Mitarbeiter in Arges, nordwestlich von Bukarest (19.8.2016)

Am Dienstag trafen sich die EU-Umweltminister in Brüssel. Dem Vernehmen nach waren die illegalen Abholzungen in rumänischen Nationalparks dort kein Thema, was Sie scharf kritisieren. Das Land hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne. Ihren Protest machten Sie an dem Tag vor der rumänischen Botschaft in Berlin deutlich. Worum geht es?

Es fehlt an wirksamen Kontrollsystemen auf europäischer Ebene, um das Abholzen in Rumänien zu unterbinden – obgleich die EU »Natura-2000-Gebiete« als zusammenhängende Naturschutzorte gekennzeichnet hat. Das Problem existiert auch in anderen EU-Staaten. Bei unserer Aktion vor der rumänischen Botschaft haben wir uns als Braunbären verkleidet. Die letzten Refugien dieser Tiere in Europa sind rumänische Urwälder. Um den brutalen Kahlschlag dort zu verdeutlichen, haben wir ein »Kettensägenmassaker« veranstaltet. Holzspäne flogen, es war sehr laut. Wir klingelten bei der Botschaft. Als uns ein Repräsentant die Tür öffnete, sagten wir ihm, dass wir eine Kampagne starten werden. Daraufhin erklärte er, nicht zuständig zu sein. Bei Botschaften anderer Länder hätte man vielleicht auf das Umweltamt oder die Forstverwaltung verwiesen – uns nannte man aber bezeichnenderweise die beteiligten Unternehmen als Ansprechpartner. Der rumänischen Regierung geht es kaum um Umweltschutz, vorrangig ist stets der Wirtschaftsfaktor. Unserem Protest hatte sich die internationale Naturfreundejugend IYNF anschließen wollen. Sie planten zeitgleich eine Demonstration vor der rumänischen Botschaft in Prag, die aber nicht genehmigt wurde.

Wie bewerten Sie die Klima- und Energieziele der EU, insbesondere mit Blick auf das Thema Wald?

Soweit wir über die Zusammenfassung der Resultate des EU-Rats zum Thema Umwelt am Dienstag informiert sind, ging es schwammig um Ökosysteme ganz allgemein: Der Schutz des Waldes hat kaum eine Rolle gespielt, obgleich so CO2-Emissionen konkret gesenkt werden könnten. Sein Erhalt ist wichtig, um im Kampf gegen den Klimawandel Hitze, Sturm und Feuer entgegenzuwirken. Daher muss die EU entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Die EU-Kommission attestierte Rumäniens Regierung unter der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Viorica Dancila im vergangenen November Demokratiemängel. Sie behindere etwa die Arbeit der Nationalen Antikorruptionsbehörde, hieß es. Spielt auch hier die Umwelt eine Rolle?

Die letzten Urwälder Europas sind zum Spielball von Holzmafia und Spekulanten der Investmentfonds geworden. Die Antikorruptionsbehörde hat Waldverkäufe an deutsche und österreichische Konzerne moniert und griff ein, wenn Korruption im Spiel war. Teilweise mussten die Geschäfte rückgängig gemacht werden. Die Probleme liegen auch in der Historie Rumäniens begründet: Nach Enteignungen unter der Führung von Nicolae Ceausescu gehören viele Wälder heute der staatlichen Forstbehörde »Romsilva«. Sind Nachfahren von früheren Eigentümern nicht zu ermitteln, kann die Behörde die Flächen verkaufen. Dabei wurden mal Landtitel und Urkunden gefälscht, mal Beamte und Richter bestochen. Wer in der Forstbehörde Ideen wie Naturschutz einbringt und Wirtschaftsinteressen nicht die oberste Priorität einräumt, wird nach Angaben von Whistleblowern entlassen. Demzufolge werden zudem notwendige Genehmigungen verweigert, wenn Verwaltungen von Nationalparks diese vergrößern oder Forschung zu Klima und Artenschutz betreiben wollen.

Was fordern Sie?

Auf der Nationalstaatsebene muss ein staatliches Kontrollsystem eingeführt werden, um den Kahlschlag in rumänischen Urwäldern zu verhindern. Zwar existiert ein sogenanntes CPS-System, um zu kontrollieren, wo Holz geschlagen wird und wo es zur Verarbeitung landet. Nur gibt es in Nationalparks oft keinen Empfang oder Sender sind an falscher Stelle installiert. Erst wenn das Holz schon auf Lkw verladen ist, wird registriert, dass der Transport nicht genehmigt ist. Mitunter wird dann die Polizei gerufen, die aber häufig nicht auftaucht. Hier ist die EU gefragt, bessere Kontrollsysteme zu schaffen, um Handel mit illegal geschlagenem Holz zu unterbinden. Dafür braucht es Transparenz in den Lieferketten. Wir fordern ein sofortiges Moratorium, damit das Abholzen von Wäldern zum Stillstand kommt.

Jana Ballenthien ist die Fachreferentin zum Thema Wald für die Naturschutzorganisation »Robin Wood«

robinwood.de

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Umweltgerichtshof Ausgerechnet an die EU zu appellieren, die seit Jahrzehnten Umweltzerstörung als politisches Programm betreibt in Form exzessiver Förderung von großflächigen Monokulturen, Artenvielfalt zerstörender A...
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