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Aus: Ausgabe vom 06.03.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Rohstoffe

Solidarität nach Marktgesetzen

Russischer Ölkonzern Rosneft hat sich im großen Stil in Venezuela eingekauft. Unternehmen dringt auf Rückzahlung von Krediten
Von Reinhard Lauterbach
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Auf gute Zusammenarbeit: Rosneft-Chef Igor Setschin (l.) und Venezuelas Ölminister Manuel Quevedo schütteln sich vor Präsident Nicolás Maduro die Hände (Caracas, 16.12.2017)

Ende Januar versuchte Russlands stellvertretender Finanzminister Sergej Stortschak die Märkte zu beruhigen: Bisher habe Venezuela seine Schulden gegenüber Russland immer fristgerecht bedient. Die letzte Zinsrate im September sei in Höhe von 100 Millionen US-Dollar pünktlich geflossen; Russland »hoffe«, dass dies auch für den nächsten Kupon im März in derselben Höhe der Fall sein werde.

Indes: Wie ein russisches Sprichwort sagt, stirbt die Hoffnung als letztes. Denn in der Zwischenzeit haben die USA die Konten der staatlichen venezolanischen Ölgesellschaft PDVSA blockiert und verwehren dem Unternehmen jede Devisenoperation. Da PDVSA 96 Prozent der venezolanischen Importerlöse erwirtschaftet, ist nicht ersichtlich, woher Venezuela die Mittel für die nächste Zinszahlung nehmen soll, selbst wenn es sie leisten könnte und wollte.

Wie hoch die venezolanischen Schulden gegenüber Russland als Staat sind, wird offiziell nicht mitgeteilt. Die Nachrichtenagentur Reuters kam unlängst auf den Betrag von 17 Milliarden US-Dollar. Andere Zahlen liegen etwas niedriger, was aber im Ergebnis keinen großen Unterschied macht. Bedient werden sie jedoch offenbar bestenfalls teilweise. Schon 2017 hatte Russland eingewilligt, venezolanische Altschulden zu »restrukturieren«, also mit neuen Krediten abzulösen. Für diese sollen in den ersten sechs Jahren nur die Zinsen – eben jene 100 Millionen Dollar zweimal im Jahr – gezahlt werden.

In der Zwischenzeit ist der staatliche russische Ölkonzern Rosneft zu einem der größten Investoren in die venezolanische Ölwirtschaft geworden. Der Konzern arbeitet an immer mehr Projekten, um neue Ölfelder zu erschließen. Zudem finanziert er die Lieferung von venezolanischem Öl. Auch dies ist eine Form von Kreditierung. Rosneft hat auf diese Weise seit 2016 rund neun Milliarden US-Dollar gezahlt und nur einen geringen Teil davon als Gegenwert zurückerhalten. Vereinbarte Öllieferungen werden von venezolanischer Seite offenbar immer wieder verzögert – teils aus technischen Gründen, teils offenbar auch deshalb, weil Venezuela noch höher als gegenüber Russland bei der Volksrepublik China verschuldet ist und seinen größten Gläubiger bei Laune halten muss. Die gesamten China-Schulden Venezuelas werden auf 22 bis 25 Milliarden US-Dollar geschätzt. Bei einem Besuch von Rosneft-Chef Igor Setschin in Caracas im vergangenen November beschwerte er sich bei seinen Gastgebern, dass die gegenüber China vereinbarten Lieferungen zu 60 Prozent realisiert würden, die an Russland nur zu 40 Prozent. Auf seiner Bilanzpressekonferenz Anfang Februar teilte Rosneft mit, PDVSA habe 2,3 Milliarden US-Dollar zurückgezahlt, also nur ein Viertel der angezahlten neun Milliarden.

Warum Rosneft, das selbst über umfangreiche Reserven verfügt, so viel in die venezolanische Ölförderung investiert, ist also vom geschäftlichen Standpunkt aus nicht nachvollziehbar. Es dürften verdeckte politische Subventionen sein, damit Venezuela dem US-Druck standhalten kann. Das einzig erkennbare ökonomische Interesse Russlands an der Abwehr der US-Putschpläne liegt darin, zu verhindern, dass die Rosneft-Investments sofort abgeschrieben werden müssen. Denn dies wäre die wahrscheinlichste Folge, wenn Juan Guaidó an die Macht käme.

Interpretationen in dem Sinne, dass sich Rosneft mit den Investments in Venezuela wie ein klassischer Imperialist die Filetstücke der nationalen Wirtschaft unter den Nagel reiße, sind hingegen wenig plausibel. Zumal das venezolanische Öl aus geologischen Gründen extrem »schwer« und schwefelreich ist und unter hohen Zusatzkosten gereinigt werden muss, um überhaupt verkauft werden zu können. Lohnend sind diese Kosten nur, wenn der internationale Ölpreis über 100 Dollar pro Fass liegt; aktuell steht er bei etwa 65 Dollar. Das heißt, brutal gesprochen: Venezuela verliert an jeder Tonne Öl, die es produziert, 35 Prozent. Die venezolanische Ölproduktion ist mittlerweile auf das niedrigste Förderniveau seit den 1950ern Jahren gefallen. Es lohnt sich für die bolivarische Republik ganz einfach nicht, eine nicht kostendeckende Produktion aufrechtzuerhalten oder sogar zu steigern.

Venezuela ist auf den Ölexport angewiesen, weil das Land keine anderen Devisenquellen besitzt. Dies macht die ganze Härte der politökonomischen Situation deutlich. Eine Delegation des russischen Finanzministeriums war Ende 2018 in Venezuela und überreichte der Maduro-Regierung ein Memorandum mit Sofortmaßnahmen zur Sanierung der Wirtschaft. Kernpunkte: aufhören, frisches Geld zu drucken, Verbrauchssteuern einführen und bestehende erhöhen. Harte, monetaristische Forderungen. Russland verteidigt in Venezuela nicht den Sozialismus, sondern vor allem seine eigenen Investitionen sowie in zweiter Linie das Völkerrecht.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Harald Möller: Furcht vor Abschwung Da kann man nur hoffen, dass es der russischen und vor allem der chinesischen Wirtschaft auch in Zukunft noch gutgehen wird. Falls nicht, werden die Länder nicht nur ihre Hilfsmaßnahmen für Venezuela ...

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