Gegründet 1947 Dienstag, 26. März 2019, Nr. 72
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 06.03.2019, Seite 1 / Titel
Armut

Auf die Straße getrieben

Streetworker schlagen Alarm: Wohnungsmangel verschärft die Lage jugendlicher Obdachloser in Deutschland rapide. Regierung bleibt untätig
Von Susan Bonath
105583206.jpg
Obdachloser in U-Bahn-Station in Köln (12.6.2018)

Die Not wächst, besonders bei den Schwächsten. »Der massive Wohnungsmangel verschärft die Lage junger Menschen, die obdachlos werden«, warnte am Dienstag die Stiftung »Off Road Kids«, die Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der Straße hilft. In ihrem Jahresbericht 2018 offenbarte sie eine alarmierende Entwicklung.

Wie viele Jugendliche in der Bundesrepublik tatsächlich wohnungslos sind, weiß offiziell niemand. Allerdings ging die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) 2017 davon aus, dass die Zahl der Menschen ohne Bleibe insgesamt von rund 860.000 im Jahr 2016 auf 1,2 Millionen Ende 2018 ansteigen dürfte. Auch Kinder seien zunehmend davon bedroht, hieß es. Zur selben Zeit schätzte das Deutsche Jugendinstitut die Zahl der unter 25jährigen, die auf der Straße leben, rückblickend auf 37.000, darunter Tausende Minderjährige.

Die Stiftung »Off Road Kids« hatte bereits vor einem Jahr vor einem rasanten Anstieg der Jugendobdachlosigkeit gewarnt. Im Jahr 2021 würden wohl mehr als 100.000 unter 25jährige auf der Straße sitzen, wenn die Politik weiterhin nicht handele, hieß es. Besonders Heimkinder seien gefährdet. Denn viele Kommunen stellten die Hilfe für sie am 18. Geburtstag abrupt ein. Unternommen hat die Politik bis heute nichts dagegen. Im Gegenteil: »Es gibt nahezu keine Wohnplätze mehr für junge Volljährige, die auf der Straße sitzen«, sagte der Vorstandssprecher von »Off Road Kids«, Markus Seidel.

Dieser Mangel werde immer schlimmer. »Es ist höchste Zeit, dass die Kommunen mehr Wohnraum schaffen, denn ohne ein Dach über dem Kopf gibt es keine Perspektive«, mahnte er. An fehlendem Willen der jungen Menschen liegt das nicht. Die von »Off Road Kids« Betreuten hatten zuvor alleine Hilfe gesucht. Streetworkerstationen betreibt die Stiftung in den Problemzentren Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, Köln und Dortmund. Auch auf der Internetseite sofahopper.de gibt es Beratung.

Laut Jahresbericht holten die Sozialarbeiter der Stiftung 2018 insgesamt 400 Jugendliche von der Straße, darunter 26 Minderjährige. Das waren mehr als doppelt so viele wie 2006. Doch nur jedem Sechsten davon konnten sie sofort und dauerhaft eigenen Wohnraum oder zumindest eine gesicherte Betreuung vermitteln. Früher hätten Streetworker rund 75 Stunden Arbeit investiert, um einem Jugendlichen Unterkunft und Perspektive zu vermitteln. Voriges Jahr sei jeder Mitarbeiter im Durchschnitt bereits 112 Stunden dafür tätig gewesen, fasste Seidel die Auswertung zusammen. »Das ist eine Steigerung um 50 Prozent«.

Die Bürokratie lässt das kalt. So ist es Jobcentern per Gesetz egal, welche persönlichen und sozialen Probleme ein 18jähriger hat, der nicht auf elterliche Hilfe zurückgreifen kann. Bricht er seine Ausbildung ab oder schreibt er nicht genug Bewerbungen, wird ihm für drei Monate sein gesamter Regelsatz verwehrt. Allein im Jahr 2017 wurden laut Bundesagentur für Arbeit (BA) monatlich rund 3.600 15- bis 24jährige vollständig sanktioniert. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages stellten bereits vor zwei Jahren in einer Studie fest, dass die Hartz-IV-Regeln viele junge Menschen überfordern und die harten Strafregeln sie in die Obdachlosigkeit treiben. Geändert hat sich nichts.

Debatte

  • Beitrag von Jörg K. aus K. ( 5. März 2019 um 22:45 Uhr)
    Ich kann den Beitrag bestätigend ergänzen: Der Auftrag des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) wird weitgehend ignoriert. Das Recht auf Erziehung und Förderung der Entwickling gilt für alle jungen Menschen, d. h. bis zum Alter von 27 Jahren. Leider gibt es sogar Bestrebungen (insbesondere auch in der SPD), das KJHG so zu verändern, dass soziale Infrastruktur (Beratungsstellen, Jugendzentren usw.) weiter abgebaut und zukünftig mehr solche Leistungen gewährt werden, die in Form von Maßnahmen auf Projektbasis eine Gegenleistung (Wohnung nur gegen Jobcenter-Maßnahme) verlangen, die Gehälter der befristet Beschäftigten der sozialen Arbeit drücken, das Unternehmertum und damit auch einen methodenfetischistisch expandierten Weiterbildungsmarkt sowie daran gekoppelte Punitivität in der sozialen Arbeit fördert. Dazu kommt, dass sich die soziale Arbeit in eine Therapeutisierungsindustrie einschmiegt, in der Ärzte*innen und Psycholog*innen zusammen mit der Pharmaindustrie die behindernden gesellschaftlichen Beschränkungen in subjektive Beschränktheit mittels Diagnosen uminterpretieren und statt der es bestimmenden gesellschaftlichen Verhältnisse das subjektive Verhalten kurzzeittherapeutisch regulieren. Soziale Arbeit ist weitgehend nicht nur Komplizin, sondern hat auch methodisch Einzug in die neoliberale Ideologie genommen: Montag morgens die Blitzlichtrunde mit Befindlichkeitsbekundungen und Zielvereinbarungen usw. Gleichwohl gibt es zugestandene fürsorgliche Freiräume wie z. B. die o. a. Einrichtungen der Kinder- und Jugendwohnungslosenhilfe. Doch die Möglichkeitsräume werden nicht nur durch strukturelle Zwänge beschnitten, sondern selbst aus der sozialen Arbeit heraus wird versucht, die lebendige Arbeit im und am Sozialen sowie den zwischenmenschlichen Kontakt methodisch herauszuprogrammieren. Sich vom Leid der anderen berühren zu lassen oder gar Solidarität wird in der sozialen Arbeit zu oft als unprofessionelle Befangenheit bewertet. Selbst beim sogenannten Kitastreik waren Töne zu hören, die auf reine Selbstermächtigung der Profession zielten. Dabei war soziale Arbeit von Beginn an immer auch Akteur in sozialen Kämpfen um gesellschaftliche Teilhabe. Leider sind die Bestrebungen kritischer sozialer Arbeit, sich als Sprachrohr für eine Transformation des Sozialen zu organisieren, angesichts der derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen quantitativ und qualitativ noch zu ungenügend, um mittels Allianzen Teil einer geschichtsmächtigen sozialen Bewegung zu werden.
  • Beitrag von Dorothee v. aus F. ( 6. März 2019 um 04:10 Uhr)
    Sozialarbeiter heute haben Erfolgsquoten zur Vermittlung ihres Klientels in Arbeit, Ausbildung o. ä. nachzuweisen. Die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung gewährleistet weder Fortbildung noch adäquate Löhne, sondern trägt dazu bei, Arbeit in Niedriglohnbereichen zu etablieren und Armut zu verfestigen. Dass infolge der 1991 begonnenen Annektion der BRJ und dem Zerfall des einst sozialistischen Albaniens samt dem Kosovo ein Sozialsystem nach dem anderen zerfallen ist und auch in Osteuropa Antisemitismus, Antikommunismus, Rassismus, Desorganisation des Proletariats und grassierende Armut herrschen, ist eine weitere Folge des Vormarsches der neoliberalen Wirtschaftsordnung. In der ehemaligen UdSSR sieht es, den unteren Rand der Gesellschaft (arme Rentner und Sozialhilfeempfänger) betreffend, unterdessen genauso hahnebüchen aus wie in Tsipras’ hellenischen Dörfern. Sollten Sozialarbeiter (in der BRD), die zu den jetzigen Elendskonditionen für die Verhaltensoptimierung von Individuen, die an der Armutsgrenze leben, verantwortlich sind, politische Forderungen ihrer Klientel organisieren und durchsetzen helfen – was wohl kaum ohne die Unterstützung der restlichen progressiven Bevölkerung gegen die Hartz-IV–Gesetzgebung samt ihrer Zuverdienstklauseln und Rentenregelungen auf Grundsicherungsniveau funktionieren dürfte –, können sie gleich selbst ALG II beantragen. Derartige Arbeit – die, im Kontext der Etablierung politischer Verfolgung im Recht (vom BKA-Gesetz von April 2017 über den medial aktiven »Gefährder« bzw. Organisatoren von Demonstrationen bis zur Aushebelung von Information im Internet durch Uploadfilter, s. Artikel 11, 13 u. 14 der DGSVO) auch nicht explizit der Ökonomie geschuldete Aspekte von Existenz beinhaltet – könnten bestenfalls diejenigen, die nicht den Verhaltensmodi staatlicher Sozialarbeit unterliegen, übernehmen. Dass sich diesbezüglich und auch kulturpolitisch so wenig tut, liegt vielleicht daran, dass das Proletariat gelernt hat, das Proletariat zu verachten; vorexerziert haben das Reaktionäre und Faschisten ja lange genug. Regiert wird grob gewalttätig, zuungunsten des Völkerrechts und unter Außerkraftsetzung von Grund- und Menschenrechten. Den Terrorismus zu erfinden ist keine Kunst, wenn man ihn braucht, um hegemoniale Ordnung beizubehalten: vom Breitscheidplatz bis zum IS in Syrien, Libyen, dem Irak, Afghanistan usw. usf. T. N. in Fl.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Emil Schaarschmidt: Auch Wohnungsbau dient Profit Karl Marx schrieb das schon vor 150 Jahren: Wohnungen werden gebaut, um Profite zu erzielen, und nicht etwa, damit Menschen ein Dach überm Kopf haben. Bis heute wird dieser Sachverhalt ignoriert oder ...