Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Mittwoch, 22. Mai 2019, Nr. 117
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 05.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Eintopf mit Wutwirsing

Logik jugendlicher Rebellion: »Teenage Widerstand« am Theater der Jungen Welt in Leipzig
Von Maximilian Huschke
TDJW_Teenage_Widerstand_Tom_Schulze_quer02.JPG
Im Gleichschritt? Von wegen! (Szene aus »Teenage Widerstand«)

Dass die Jugend auf typisch jugendliche Weise rebelliert, ist bekannt. Am Theater der Jungen Welt in Leipzig verarbeitet nun die erste Jugendklubinszenierung diese besondere Art von Widerstand. In lose aneinander gereihten Szenen von »Teenage Widerstand« – Premiere hatte das Stück in der Inszenierung von Caroline Mährlein am Samstag – wird jedoch kaum erzählt. Statt dessen deklinieren die 15 jugendlichen Darsteller Widerstand in seinen möglichen Formen durch und bringen, was erfreulich ist, Bewegung in den Begriff.

Das Stück beginnt mit der Inszenierung der kulturindustriellen Form von Information – als Verschnitt von Fernsehnachrichten. Mehr Wochen- als Tagesschau steht dieser Verschnitt als täglich Aufregendstes für den sozialen Stillstand. Eher gelangweilt als gebannt folgen die jugendlichen Darsteller den üblichen Schrecken der Welt. Kontemplation als bürgerlicher Konsum: Gewohnheit im schulischen Alltag, der anschließend verkürzt durchgespielt wird. Von Protest keine Spur. Warum auch? Ist ja eh alles wie immer.

Erst abstrahiert in den Gleichschritt wird der Zwang des scheinbar Normalen offenbar, nämlich als eine Protagonistin aus der Reihe fällt und daraufhin von der Mehrheit angefeindet wird. Repression als Grund, sich zu widersetzen. Wie Widerstand dagegen organisiert wird, verarbeiten zwei der folgenden Szenen. Einmal unter Anleitung, indem ein Chor beim Singen eines von einer der Spielerinnen geschriebenen Protestliedes dirigiert wird. In der zweiten Szene ergibt sich die Einheit aus einem gemeinsamen Rhythmus mit einzelnen musikalischen Akzenten. Spontaneität und Organisation scheinbar trivial und doch pointiert verarbeitet.

Dass Widerstand in einer auf dem Tauschprinzip basierenden Gesellschaft selbst zur Warenform wird, verdeutlicht eine Kochshow, in der es das Rezept für Widerstand gibt: Emotionalisierte Phantasiezutaten wie etwa Wutwirsing werden mit anderen Zutaten als Auflauf vereinheitlicht. Ein bisschen zu einfach gedacht, zielt die Kochschau vor allem aufs Individuelle ab und vergisst darüber die Reflexion des Gesellschaftlichen. Dieser Zug ins Individuelle findet sich in der gesamten Produktion wieder, am Ende hat er sich ganz durchgesetzt – da wird den Darstellern ein Bühnenmikrofon ausgehändigt und jeder darf sagen, wogegen genau er Widerstand leistet. Dass das meist in gut gemeinten, aber kleinbürgerlichen Forderungen endet, verwundert nicht.

Nicht die politischen Aussagen des Stückes sind jedoch wirklich problematisch, sondern dass plötzlich die ihm eigene, durchaus originelle Form zugunsten unmittelbaren Engagements aufgegeben wird: Die kollektive Erarbeitung mündet in einen Gesprächskreis. Was tun? Nun, jedenfalls nicht »Bundeskanzlerin werden«. Die zuvor szenisch gut ausgearbeiteten Aspekte des Widerstandes zergehen so in liberaler Soße. Dieses Rezept sollte man besser nicht verwenden.

Von diesen letzten zehn Minuten und generell zu viel Pathos einmal abgesehen, haben Caroline Mährlein und ihr junges Team die unterschiedlichen Aspekte von Widerstand aber solide herausgearbeitet. Joy Alpuerto Ritter und Lukas Steltner verantworten die Choreographien, die dank der enthusiastischen Umsetzung von allen Schauspielern sehr eindrucksvoll anmuten. Und weil die Jugendlichen nicht zuletzt typische Alltagserfahrungen wie das Gegeneinander von Subkulturen darstellen, trifft ihr Spiel insgesamt viel Wahres.

Nächste Vorstellungen: 6., 7. und 9. März

Ähnliche:

  • »Ich habe den positiven Helden nie getroffen&laquo...
    09.09.2010

    Der Külow

    Morgen feiert der Kabarettist und Schauspieler seinen 85.Geburtstag. Zur Feier sind schon heute alle eingeladen

Regio:

Mehr aus: Feuilleton