Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Freitag, 24. Mai 2019, Nr. 119
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 04.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Von Sojamilch und Sylphiden

Das Staatsballett Berlin trumpft auf: Mit »La Sylphide« des Dänen August Bournonville
Von Gisela Sonnenburg
La_Sylphide-Yan_Revazov.jpg
Doch welche Chance haben Mensch und Fee? August Bournonvilles Luftgeister als Traum in Weiß

Als ich am Freitag morgen meine Sojamilch heiß machte, trickste mich das gesunde Gesöff aus und kochte über. Hui, weißer Schaum bedeckte den Herd und die Arbeitsfläche, es sah fast poetisch aus. Übertroffen wurde dieser Anblick am Abend in der Deutschen Oper in Berlin: Das Staatsballett Berlin hat mit der fachkundigen Hilfe des Kopenhageners Frank Andersen ein dänisches Juwel der Tanzkunst zum Leben erweckt: »La Sylphide« von August Bournonville, uraufgeführt 1836, erzählt die unglückliche Liebe eines bäuerlichen Schotten zu einem wandelnden Traum in Weiß.

Die Sylphide aus dem Titel ist ein Luftgeist, in wunderschönen weißen Tüll gehüllt und mit Flügeln am Rücken. Die in Moskau geborene Starballerina Maria Kochetkova tanzt diese Titelrolle als anmutiger Gast in Berlin. Sie erscheint dem schlummernden James (hübsch: Marian Walter) kurz vor seiner Hochzeit mit der Schottin Effie (flott: Alicia Ruben). Die Sylphide ist in James verliebt, und ihr bezaubernd flatterhafter Tanz bringt auch ihn fast um den Verstand. Aber welche Chance haben Mensch und Fee?

Dann gibt es in diesem Kunstmärchen auch noch die Hexe Madge (toll antimütterlich: Aurora Dickie). Sie scheint bettelarm, beherrscht aber die schwarze Magie. Weil sie mit James noch eine Rechnung offenhat und auf die schöne Sylphide neidisch ist, verdirbt sie den beiden den Spaß an der Amour fou.

Effie ist nun fast vergessen. Trotz ihres neckisch-brillanten Tanzes lässt James sie einfach stehen und haut ab in den Wald. Zu den Sylphiden. Doch seine Süße, die er liebt, bekommt er dort nicht zu fassen. Sie ist da und nicht da, sie tanzen miteinander, aber immer wieder entwischt sie ihm. Der Reigen ihrer Schwestern – edler Geisterfrauen in nebelhaftem Weiß, sehr toll gecoacht – führt ihn in die Irre.

Da verspricht Madge ihm Hilfe. Mit einem glitzernden Schal könne man das luftige Mädel einfangen. Dumm, wie Verliebte es oft sind, glaubt James ihr. Und bringt die Sylphide um, als er ihr das Gespinst umwickelt. Ihre Flügel fallen, dann gibt sie Stück für Stück den Geist auf. James ist erschüttert. Während seine Liebe am Himmel begraben wird, kommt Effie mit ihrem Verehrer Gurn (hervorragend: Ulian Topor) als Bräutigam vorbei. Rasch hat sie sich getröstet. James verkraftet all das nicht. Madge kann triumphieren.

Das Besondere an dieser Aufführung ist der Tanz: Er findet in dänischem Stil statt. Da geht es mal nicht um zirkusreife hohe Sprünge, sondern um charmant-verzwickte, folkloristisch-schnelle kleine Schritte. Nur die Sylphiden tanzen mit Spitzenschuhen – die anderen hopsen, ebenso leichtfüßig, in bäuerlicher Manier. Kammertänzer Marian Walter muss diesen Stil und auch die Dramatik des Stücks zwar noch etwas üben. Aber insgesamt überzeugte der nur eineinhalbstündige Premierenabend: mit Durchdringung der Wirklichkeit durch Magie. Im guten wie im bösen Sinn … wie meine Sojamilch.

Nächste Vorstellungen: 22. März, 4., 22. und 26. April

Ähnliche:

  • »Wer vom Krieg leben will, muss ihm auch etwas geben« – Helene W...
    11.01.2019

    Verflucht sei der Krieg

    Mit dem vor 70 Jahren erstmals in Deutschland aufgeführten Drama »Mutter Courage und ihre Kinder« begann Bertolt Brechts Weltruhm – das Stück hat als Warnung vor einer verheerenden militärischen Auseinandersetzung seine Aktualität bewahrt
  • Wie bei der Onlinepartnervermittlung Parship: Für einige Gemeins...
    10.09.2018

    Vertanzte Liebe

    Das Staatsballett Berlin absolvierte die erste Premiere unter seinem neuen Chef Johannes Öhman
  • »Zwölf Millionen, Egon!« (Blick in die Gasse)
    03.09.2018

    Durch die Biergasse

    Was würde Yvonne dazu sagen? Eine Ausstellung über die Olsenbande in Potsdam