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Aus: Ausgabe vom 05.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kunst und Kulinarik

»I’m gonna fart the Zwiebeltarte«

Alle hassen Fernsehköche, doch es gibt Rettung: »Vom Knödel wollen wir singen« versammelt kulinarische Gedichte
Von Thomas Behlert
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»Vom Knödel wollen wir singen / und knödeln mit vollem Mund / bevor wir ihn – schluck! – verschlingen. / Er ist doch schön und rund.« (F. W. Bernstein)

Man kann es schon nicht mehr sehen, jeder TV-Sender bringt eine eigene Kochshow mit überwitzigen, sogenannten Starköchen und überdrehten C-Prominenten, die dämliche Geschichten erzählen, derweil die Möhren schneiden und auch mal den Nachtisch überkochen lassen. Damit ist aber noch lange nicht Schluss, denn die Essenzubereiter touren über die großen Bühnen des Landes und lassen dafür extra Schweine schlachten und Kohlköpfen die Runkel einschlagen. Bücher schreiben sie außerdem und veröffentlichen Monat für Monat Kochzeitschriften, in denen noch einmal der Quatsch der vorangegangenen Aktivitäten ausgebreitet und unkochbare Rezepte präsentiert werden.

Doch seit Ende des vergangenen Jahres, also gerade rechtzeitig, gibt es ein Buch auf dem Markt, das dem Leser das nicht alltägliche Essen wieder schmackhaft macht: »Vom Knödel wollen wir singen«. Allein das Umschlagbild macht Appetit auf den Inhalt. Es ist von Michael Sowa und zeigt einen vor Wonne strahlenden Sänger mit aufgespießtem Kloß. Leider ist es das einzige Bild, das die kulinarischen Gedichte des 192 Seiten starken Bandes illustriert. Ich hätte mir vom wunderbaren Verlag Antje Kunstmann einige Grafiken und Cartoons mehr gewünscht, zumal wenn man sich der vergnüglichen Bilder der exzellenten Reihe »Komische Kunst« erinnert.

Die Auswahl der Gedichte ist dem Herausgeber Christian Maintz sehr gelungen. Er hat tief gegraben und Gedichte von so unvergesslichen Verseschmieden wie Heinrich Heine, Wilhelm Busch, Bert Brecht gefunden. Dazu kommen »Sitting Küchenbull« Wiglaf Droste (»Mein Lieblingsduft heißt Rotweinhauch / I’ll never need no Waschbrettbauch / ich stemme keine Hantel. / Ich steh am Eigenherd und brat’, / I’m gonna fart the Zwiebeltarte / im coolen Schinkenmantel«), Robert Gernhardt, Fritz Eckenga, Thomas Gsella und natürlich der jüngst leider verstorbene F. W. Bernstein. Letzterer hat auch die Richtung vorgegeben: »Vom Knödel wollen wir singen / und knödeln mit vollem Mund, / bevor wir ihn – schluck! – verschlingen. / Er ist doch schön und rund.« Nicht nur die Klöße werden mit hochwertigen Versen gerühmt, sondern auch der Senf, den Max Goldt auf alles geben möchte, das nicht koscher ist. Ror Wolf lässt dem Leser mit dem »Gemüsegedicht« keine Chance. Der Speichel läuft besonders beim Rezitieren im Mund zusammen, und die Nase schnüffelt plötzlich den Duft guten Essens, natürlich mit Speck angereichert. Auch den Getränkegedichten wird ein umfangreiches Kapitel mit dem schönen Titel »Frau Magenbitter und Herr Doornkaat« gewidmet. Ach, was wird da getrunken und gezischt, gesüffelt und geschluckt, vom Tee über Wein (Fritz Eckenga: »Der Wein ist ein Gedicht«) bis Schnaps und Bier. Jeder genannte Gaumenbefeuchter hat sein lyrisches Denkmal bekommen, und auch der dazugehörige Rausch wird von Joachim Ringelnatz gefeiert: »Und man wird um solch entrückte Zeit / Sie beneiden, und man wird sie lieben.« So könnte man noch lange weiter über Gedichte schreiben, die sich z. B. mit Sauerkraut beschäftigen, die Zwiebel loben, den süßen Nachtisch nicht vergessen, den leidvollen Abwasch erwähnen und die Tischreden schmähen, wie bei Ludwig Thoma geschehen: »Bleib sitzen! Klopfe nicht ans Glas! / Und drückt dich nach dem Essen was, / Lass lieber einen stille fahren! / Das wissen nur, die um dich waren.«

Man sollte das Buch »Vom Knödel wollen wir singen« vor, zwischen oder nach den Mahlzeiten konsultieren, wahlweise beim Bier bekleckern, Hauptsache, es ist fest in eurem Besitz und alle … Halt, das Essen ist fertig. Es gibt Thüringer Klöße mit Rotkohl und Kaninchen und ich gebe nichts davon ab!

Christian Maintz (Hg.): »Vom Knödel wollen wir singen.« Kulinarische Gedichte, Verlag Antje Kunstmann, München 2018, 192 Seiten, 16 Euro

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