Gegründet 1947 Freitag, 26. April 2019, Nr. 97
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Kein Misserfolg

Gipfeltreffen in Hanoi
Von Rainer Werning
Trump_Kim_Summit_60483237.jpg
Die Souvenirhändler Hanois freuten sich über den hohen Besuch

Das zweite Gipfeltreffen zwischen dem US-amerikanischen Machthaber Donald Trump und Kim Jong Un, dem Vorsitzenden des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik Korea, war bemerkenswert. Wer hätte es auf dem Höhepunkt des in Vietnam selbst so genannten »Amerikanischen Krieges« jemals für möglich gehalten, dass ein halbes Jahrhundert später in Hanoi anstelle von Bomben- und Napalmteppichen echte Teppiche aus edlem Stoff und Brokat ausgerollt werden und Menschenmengen Fähnchen schwenkend die Straßen säumen?

Bedenkt man, dass die beiden Protagonisten Trump und Kim sich noch bis zum Jahreswechsel 2017/18 am Liebsten gegenseitig in die Tonne gehauen hätten, so ist deren Händeschütteln mittlerweile Ausdruck eines sakralen Umgangs miteinander. Während im »Westen« im Sinne instrumenteller Vernunft von Gipfeltreffen dieser Art bevorzugt ein schneller Abschluss von Verhandlungen erwartet wird, misst man im »Osten« – zumal angesichts eines noch immer nicht ausgehandelten Friedensvertrages zur offiziellen Beendigung des Koreakrieges (1950–1953) – solchen Begegnungen hohen Symbolcharakter bei. Wer angesichts dessen von einem »gescheiterten Gipfel ohne Resultaten« spricht, verkennt deshalb, welche politische Dynamik im innerkoreanischen Dialog seit dem Jahreswechsel 2017/18 buchstäblich entfesselt wurde.

Gerade dies ist von prioritärem Interesse für die Menschen diesseits und jenseits des 38. Breitengrades, der beide Korea voneinander trennt. Dort sind in den vergangenen 14 Monaten konkrete Entspannungsschritte vollzogen worden, die es seit den Staatsgründungen beider Länder im Jahre 1948 noch nie gegeben hat! Das ist als politischer Durchbruch zu bezeichnen und verdeutlicht zudem krass, auf welchen anachronistischen Positionen die sich noch immer als »Schutzmacht Südkoreas« begreifenden USA auf der Halbinsel eigentlich beharren.

Washingtons Position, vor allem auf eine komplette, überprüfbare und unumkehrbare Denuklearisierung Nordkoreas zu insistieren und Pjöngjang dazu zu verpflichten, sämtliche Atomwaffen abzugeben und die Produktionsmittel für neue Atomsprengköpfe und Trägerraketen zu zerstören, kann bestenfalls das Resultat eines diplomatischen Prozesses, nicht aber dessen Vorbedingung sein. Erst recht nicht angesichts der Tatsache, dass die National Nuclear Security Administration (früher die Atomic Energy Commission) der USA einen Monat vor dem Gipfel in Hanoi ankündigte, dem Militär im Oktober die ersten Exemplare der neuen Generation strategischer Nuklearwaffen, so genannter »Mini-Nukes«, an das Militär auszuliefern.

Dr. Rainer Werning ist Koautor des im Frühjahr 2018 erschienenen Buches »Brennpunkt Nordkorea« (Edition Berolina, Berlin)

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas Scharmann aus Berlin ( 1. März 2019 um 16:13 Uhr)
    Herr Werning – vielen Dank!

    Endlich wurde der derzeitige Machthaber der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika – diese Übersteigerung gilt bis heute – als der Machthaber bezeichnet. Allerdings bedienen Sie auch die Auffassung, dass es in den 1950er Jahren zu einem Krieg zwischen Nord- und Südkorea, also zwischen den Menschen, die oben oder unten der Grenze wohnten, gekommen sein sollte. Alle sollte diese Position, die sogar in einem kleinkarierten Zusammenhang dargestellt wird, daran erinnern, dass es zu dieser Zeit zwei Koreas gegeben hatte?

    Lesen Sie zum Beispiel das hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_in_S%C3%BCdkorea

    Aus welchem Grunde kam es zu diesem schrecklichen Krieg, wenn es nicht vor allem darum gegangen wäre, mit aller zur Verfügung stehenden Macht gegen die staatliche Einheit der beiden willkürlich getrennten Teile Koreas immer und immer wieder und auch mit aller Stärke aufzutreten? Niemand auf dieser Halbinsel hatte sich vorgestellt, dass es zu einer Trennung der beiden Teile kommen könnte. Doch diese Spaltung wurde von der damaligen Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika vollzogen. Prüfen Sie, wen diese Besatzungsmacht als Machthaber in ihrem Bereich eingesetzt hatte und welche Handlanger ihm zur Verfügung gestellt wurden! Es waren vor allem die Handlanger der eben erst überwundenen japanischen Fremdherrschaft. Das bedeutet: Um gegen den Willen der Mehrheit zu handeln, wurden die früheren Potentaten aktiviert – und zwar beruhend auf der Entscheidung der Regierenden in Washington.

    Die immer wieder dargestellte Fehleinschätzung, dass es einen Krieg zwischen Nord- und Südkorea gegeben habe, kann nicht länger gehalten werden. Länder führen sowieso keine Kriege. Besprechen wir doch, wer welchen Krieg begonnen hatte.

Ähnliche:

  • »Wohin wird sich Pjöngjang orientieren?«: Kinder winken am Freit...
    02.03.2019

    Pjöngjang bleibt am Ball

    Warum haben Donald Trump und Kim Jong Un ihr Treffen vorzeitig beendet?
  • US-Außenminister Michael Pompeo (links) am Freitag in Pjöngjang ...
    09.07.2018

    Warnung aus Pjöngjang

    Nordkorea wehrt sich gegen erpresserische Forderungen der USA. Besuch von Außenminister Pompeo »extrem enttäuschend«

Mehr aus: Ansichten