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Aus: Ausgabe vom 02.03.2019, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Lernen

»Schulen und Unis werden zu Zertifizierungsdiscountern«

Gespräch mit Hans Peter Klein. Über das sinkende Niveau im Bildungssystem, den Vermessungswahn seit PISA und Gleichmacherei um jeden Preis
Interview: Ralf Wurzbacher
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»Letztlich bewegen wir uns auf ein angloamerikanisches System der Zweiteilung der Bevölkerung auch im Bildungswesen zu: Ein Billigabitur für fast alle und Eliteschulen und -unis für die gut Betuchten«: Vorbereitung auf die Englisch-Abiturprüfung in einem Rostocker Gymnasium

Je mehr Eicheln in den Laubwäldern Nordamerikas an den Bäumen wachsen, desto größer gerät die Population an Streifenhörnchen, wodurch wiederum mehr Zecken auftreten, denen die Nager als Wirt dienen. Diese skizzierte Korrelation war 2009 Gegenstand der Abiturprüfung im Leistungskurs Biologie in Nordrhein-Westfalen. Sie haben die Aufgabe Neuntklässlern vorgelegt. Mit welchem Ergebnis?

Wie vermutet, waren fast alle Neuntklässler in der Lage, die Zentralabiturarbeit ohne größere Probleme zu bearbeiten, teilweise mit guten Noten. Die Erklärung dafür ist einfach: In dem ausführlichen Begleitmaterial waren nahezu alle geforderten Lösungen zu finden. Derartige Aufgabenstellungen verlangen vom Schüler insbesondere Lesekompetenz, während das früher einmal selbständig nachzuweisende Fachwissen deutlich in den Hintergrund gedrängt wird oder in einigen Bundesländern nicht einmal mehr abgefragt werden darf. Mittlerweile haben nahezu alle Bundesländer auf diese Aufgabenformate umgestellt.

Was schließen Sie daraus ?

Seit der Jahrtausendwende hat sich eine Abwärtsspirale in der Nivellierung der Ansprüche entwickelt, bei der sich die Bundesländer gegenseitig über- bzw. unterbieten. Unsere neuesten Vergleichsuntersuchungen zeigen, dass die Länder, die die höchsten Abiturientenquoten von bis zu knapp 60 Prozent eines Jahrgangs generieren, auch den größten fachlichen Niedergang in ihren Zentralabiturarbeiten aufweisen. Jedenfalls ist es für niemanden nachzuvollziehen, dass Schüler aus Hamburg, Bremen, Berlin oder Nordrhein-Westfalen viel schlauer sind als jene in Bayern, wo 2016 die Abiturientenquote knapp über 30 Prozent lag. Die Zunahme der Einserabschlüsse sowie der mit der Traumnote 1,0 ist ebenfalls inflationär. Aber eine Bildungsexpansion, die Quantität mit Qualität verwechselt, steht auf tönernen Füßen. Dies betrifft auch die Hochschulen, die mit Ausnahme des Fachbereichs Jura dem gleichen Konzept unterliegen. Mit mehr als 30.000 Dissertationen pro Jahr – ein immer größerer Anteil davon auf mehr als bedenklichem Niveau – machen wir uns ebenfalls international lächerlich.

2016 erschien von Ihnen »Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen – Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumel«. Wenn »Kompetenzen« den Weg in die Chefetage ebnen: Was gibt es daran auszusetzen?

Der Titel ist natürlich Satire und entstammt dem Manager-Magazin, das seinerzeit über diese Untersuchung berichtete. Kompetenz ist zu einem wahren Containerbegriff mutiert, in den jeder das hineinsteckt, was ihm wichtig erscheint. Kompetenzen können also alles, vieles, wenig oder auch nichts sein, selbst Inkompetenz ist eine Kompetenz. Die Kompensation von Inkompetenz ist mittlerweile in Politik und Gesellschaft die wichtigste Kompetenz, um Karriere zu machen. Ein Hinterfragen muss man nicht fürchten, weil Wissen und Fakten auf einem immer größer werdenden Bildungsfriedhof beerdigt wurden.

Im Sommer 2017 tagte auf Ihre Initiative hin die bundesweit erste »Inkompetenzkonferenz«, was seinerzeit die Frankfurter Allgemeine Zeitung klagen ließ: »Die neoliberale Ideologie hat zu einer radikalen Veränderung von Schule und Hochschule geführt. Denn wenn Erkenntnis durch Kompetenz ersetzt wird, bleibt von der Bildung nichts mehr übrig.« Ist die Lage wirklich so ernst?

Die Umstellung von Bildung und Wissen auf Kompetenzorientierung bedeutet ja, dass nur noch das zählt, was im Rahmen der Globalisierung ökonomisch Vorteile bieten könnte. Wir leben also in einer Zeit der immer weiter forcierten Entschlackung eines ehemals breit angesetzten Bildungsverständnisses. Bildung und Wissen spielen nur noch eine untergeordnete oder gleich gar keine Rolle mehr. Die Ökonomisierung der Bildung führt zu ihrem Niedergang. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, jW) macht daraus gar keinen Hehl. Für reines Wissen oder die Kenntnis von Fakten bezahlt einen heute niemand mehr, heißt es aus Paris. Statt dessen lautet das neue Credo: Google weiß alles.

Die OECD war es auch, die die Leistungsstudie PISA erfunden hat. Die Vorlage der für Deutschland ziemlich mäßigen Ergebnisse im Dezember 2001 hatte in den Folgejahren allerhand »Reformen« nach sich gezogen. Inwieweit hat PISA zu dem von Ihnen beklagten Niveauverfall beigetragen?

PISA war der Bahnbrecher für den heute auf allen Feldern gängigen Vermessungswahn, für den irrwitzigen Glauben, Bildungsleistungen ließen sich in Zahlenkolonnen pressen, um daraus Tabellen nach dem Vorbild der Fußballbundesliga zu machen. Mit dem klassischen Bildungsbegriff, mit Aufklärung, Selbstbestimmung, Mündigkeit und Vernunft hat das nichts mehr gemein. Letztlich wurde mit PISA das bis dahin nicht ökonomisch ausgerichtete deutsche Bildungssystem mit freundlicher Unterstützung der OECD in Schutt und Asche gelegt, um es an das angloamerikanische Modell anzuschließen.

Ist PISA und was daraus folgte für Sie Teil eines neoliberalen Masterplans oder nur Begleiterscheinung einer immer stärker durchökonomisierten Gesellschaft?

Selbstverständlich verfolgen die Strippenzieher der OECD oder der Bertelsmann-Stiftung einen solchen Plan. Darüber lassen ihre Schriften keinen Zweifel aufkommen. Gerade die deutsche Bildungspolitik setzt derartige Konzepte, die natürlich auch die EU übernommen hat, in vorauseilendem Gehorsam um, und kein deutscher Bildungspolitiker hat die Stirn, sich der Entwicklung zu widersetzen. Einigen dürfte nicht einmal bewusst sein, in welchem Fahrwasser sie sich bewegen. Das trifft auch und gerade auf Teile der Reformpädagogik oder vielmehr der unentwegten Reformer zu, die die Schulen in einem bis zur Jahrtausendwende nie gekannten Eifer mit immer neuen Kursänderungen an den Rand der Verzweiflung getrieben haben.

Woran denken Sie dabei?

Da wären zum Beispiel: eine Flüchtlingsintegration ohne Plan, eine Inklusion ohne Finanzierung, die grundlose Verkürzung der Schulzeit, die Verordnung einer »neuen Lernkultur« zur Aktivierung der »selbständigen Lernaktivität« der Schüler, für die wissenschaftlich belastbare Daten völlig fehlen, der naive Glaube an die Förderung aller Schüler nach ihren individuellen Fähigkeiten bei immer größer werdender Heterogenität selbst am Gymnasium. Dazu kommen ein völlig sinnfreies Schreiben nach Gehör, der schleichende Abschied von der vergleichenden Notengebung und die Einserinflation. All das und vieles mehr hat nicht nur eine Spur der Verwüstung hinterlassen, sondern auch zu einer Nivellierung selbst grundlegender Ansprüche geführt.

Das ist merkwürdig: Sie halten das Leistungsprinzip hoch und beklagen gleichzeitig die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft, bei der der Leistungsgedanke ja eine zentrale Rolle spielt. Wie passt das zusammen?

Entschuldigung! Wohin hat denn die Bildungsexpansion um jeden Preis geführt? Zu einer bisher nie gekannten Inflation vormals hochwertiger Abschlüsse – etwa das Abitur oder das Diplom – bei gleichzeitiger teils dramatischer Absenkung des Niveaus. Diejenigen Deutschen, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder bei fehlendem 1,0-Abischnitt zu horrenden Kosten zum Medizinstudium ins Ausland, während Normalsterbliche um eine Handvoll Studienplätze wetteifern und die allermeisten sich von ihrem Traumberuf verabschieden müssen. Zusätzlich werden die Wartezeiten der im Ausland Studierenden voll auf ein späteres Weiterstudium in Deutschland anerkannt, die hier gebliebenen schauen in die Röhre. Was daran gerecht sein soll, kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

Aber erst seit PISA wird in Deutschland überhaupt diskutiert, dass Bildungserfolg zuvorderst eine Frage der sozialen Herkunft ist.

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Aber hat sich durch die Diskussion etwas geändert? Nein. Heute schon und künftig immer mehr sind Netzwerke und gute Beziehungen der entscheidende Faktor, um Karriere und Geld zu machen. Und worin besteht der Fortschritt, wenn es ein Arbeiterkind mehr an die Uni schafft, um dann mit einem minderwertigen Bachelor einen Job zu bekommen, für den früher eine einfache Berufsausbildung genügte. Ich überspitze sicherlich, aber gerade der politischen Linken muss klar sein, dass es bald auch hierzulande immer mehr private Schulen und Hochschulen für die Kinder reicher Eltern und allenfalls die Allerbesten aus ärmeren Schichten geben wird – und dass dies eine Reaktion auf den allgemeinen Niveauverfall des staatlichen Bildungswesens ist. Das heißt: Mit der Bildungsexpansion auf Teufel komm raus arbeiten ihre Verfechter gegen die Interessen ihrer eigenen Klientel. Gerade von der Linken hätte ich mir größere Unterstützung im Kampf gegen die Ökonomisierung, nicht nur im Bildungswesen, erhofft. Statt dessen macht sie sich zum Trittbrettfahrer einer Politik, deren Gleichmacherei auf einem unteren gemeinsamen Nenner die Absenkung grundlegender Bildungsansprüche erst möglich gemacht hat.

War das deutsche Bildungssystem der Vor-PISA-Ära also besser als sein Ruf?

Das deutsche Bildungswesen war bis zur Jahrtausendwende weltweit anerkannt. Erst der mit PISA ausgebrochene Vermessungswahn hat das vormals eher an dem Allgemeinbildungsgedanken eines Wilhelm von Humboldt ausgerichtete System geradezu pulverisiert. Aber ist dadurch ein Schüler besser geworden? Nein. Vom vielen Wiegen wird die Sau nicht fetter, weiß schon der Volksmund. Nehmen wir die Hochschulen: Das im Zuge der Bologna-Reform eingeführte angloamerikanische Bachelor-Master-System konnte die hochfliegenden Erwartungen bis heute nicht erfüllen. Statt dessen hat ein verschultes Studium mit ständigem Abprüfen auswendig gelernter Power-Point-Foliensätze eine bis dahin unbekannte Form des Bulimielernens hervorgebracht. Heutzutage absolvieren die meisten ihr Studium nach dem Motto »Augen zu und durch«.

Tragisch erscheint rückblickend, dass sich selbst fortschrittliche Kräfte wie die Gewerkschaften vor den PISA-Karren haben spannen lassen. Beseelt von der Hoffnung, so könnte das gegliederte deutsche Schulsystem geknackt werden.

Bildung war, ist und bleibt eine streitbares Feld, und das ist auch gut so. Es gab auch früher alle möglichen Reformbestrebungen, die aber wegen Uneinigkeit und fehlenden Mehrheiten meist nicht umgesetzt wurden. Seit dem Jahr 2000 bricht sich aber ein anderes, völlig undemokratisches System, das des »Educational Government«, Bahn. Dadurch werden die für eine Demokratie eigentlich selbstverständlichen Diskurse von vornherein ausgeschaltet. Federführend sind vor allem Institutionen ohne echte demokratische Legitimierung, die mit ihrer Lobbymacht große Teile der Bildungspolitik vor sich her treiben. Eigentlich darf die OECD nur Hinweise oder Empfehlungen aussprechen, aber den einzelnen Mitgliedsstaaten keine Vorschriften machen. Trotzdem tanzen alle nach ihrer Pfeife. Dass die Gewerkschaften dies im Blick haben, vermute ich eher nicht, oder sie nehmen es billigend in Kauf.

Nun fordert die Bertelsmann-Stiftung seit geraumer Zeit auch immer wieder die Einstellung massenhaft neuer Lehrer, Erzieherinnen, mehr Kitaplätze und bessere Ganztagsschulen. Was haben Sie dagegen?

Insider wissen, dass die Bertelsmann-Stiftung die treibende Kraft hinter der Ökonomisierung, hinter »Educational Government« und der Privatisierung des Bildungswesens nach neoliberalem Muster ist. Selbstverständlich kann man das in der Öffentlichkeit nicht so äußern, da geht man subtiler zu Werke. Letztlich bewegen wir uns auf ein angloamerikanisches System der Zweiteilung der Bevölkerung auch im Bildungswesen zu: Ein Billigabitur für fast alle und Eliteschulen und -unis für die gut Betuchten, wie man das in Frankreich, England und den USA schon lange kennt.

Die bekannteste PISA-Lektion, nämlich die, Kinder »länger gemeinsam lernen« zu lassen, wurde hierzulande nicht umgesetzt. Man hat wohl die Hauptschulen abgeschafft, aber das Gymnasium nicht angetastet. Bleibt die »Schule für alle« nur ein schöner Traum?

Der »schöne Traum« ist in Teilen bereits wahr geworden. Das wegen seines Status nicht abzuschaffende Gymnasium ist doch mittlerweile eine Art Volksschule für alle. Die Politik folgt dem Elternwunsch, und in der Konsequenz sinkt das schulische Niveau weiter ab. Warum auch sollte eine gemeinsame Schule mit gemeinsamen Klassen für alle automatisch zu besseren Ergebnissen für alle führen? Das funktioniert in keinem anderen Lebensbereich, nicht im Sport, nicht in der Musik und nicht in der Kunst. Fast in allen Einheitsschulsystemen besuchen Schüler mit zunehmendem Alter wie selbstverständlich unterschiedliche Kurse mit unterschiedlichen Anforderungen. In einer High School in den USA werden alle Fächer in einem meist vierstufigen Kurssystem erteilt, in denen jeder Schüler nach Fähigkeiten und Leistung eingeteilt wird. Diese Entwicklung beginnt schon in den vorgeschalteten Middle Schools, die dann entsprechend schon Junior High Schools genannt werden.

Der neuseeländische Pädagoge John Hattie hat mit »Visible Learning«, seiner bahnbrechenden Metaanalyse zur Unterrichtsforschung, den Beweis geliefert: Beim Lernerfolg von Schülern spielen Strukturen praktisch keine Rolle, »das Lehrerhandeln macht den Unterschied«. Es braucht also vor allem mehr Geld für mehr gute Lehrkräfte, die ihr Handwerk verstehen. Und was machen wir in Deutschland? In einem Beitrag der Zeit kam kürzlich ein Schulleiter damit zu Wort, dass ein Lehrer, der seine fachliche Kompetenz als wesentlich erachte, keine Chance mehr auf eine Einstellung hätte. Vielmehr komme es auch am Gymnasium auf das Umsteuern von Bildungsbiographien an. Da fehlen mir die Worte.

Was haben Sie dagegen, Kinder individuell, das heißt ihren Stärken und Schwächen entsprechend, zu fördern?

Selbstverständlich sollten alle Kinder entsprechend ihren Fähigkeiten gefördert werden. Bei Klassengrößen von 25 und mehr Schülern, bei Migrantenanteilen von mithin weit über 50 Prozent, ist das aber unmöglich. Warum stellt man nicht homogenere Lerngruppen zusammen, wie dies auch in anderen Ländern mit Einheitsschulen der Fall ist. An US-High-Schools schließt der in Mathematik weniger begabte Schüler auf Regular-Niveau ab, der leistungsstärkste auf dem höchsten Advanced-Placement-Level, das College-Niveau beinhaltet. Noch vor der Jahrtausendwende hatten wir in den Leistungskursen der Sekundarstufe II ein ähnliches oder gar höheres Niveau, weil dort die Wissenschaftlichkeit des Unterrichts in allen Lehrplänen ausdrücklich gefordert wurde. Heutzutage hat man sich in nahezu allen abiturvergebenden Schulformen davon verabschiedet.

Im März erscheint Ihr neues Buch »Abitur und Bachelor für alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt«. Wie sehr hat die 1999 eingeleitete Bologna-Studienstrukturreform die Hochschulen gezeichnet?

Wegen einer gigantischen Werbemaschinerie fluten immer mehr Studierwillige ohne grundlegende Studierfähigkeit die Hochschulen, an Wissenschaft und Forschung Interessierte befinden sich mittlerweile in der deutlichen Minderheit. Die Mehrheit erwartet eine Ausbildung auf akademischem Niveau und verspricht sich dadurch entsprechend gut bezahlte Jobs für die Zukunft. Damit einher geht ein massiver Substanzverlust beim berufsbildenden dualen System, weil immer weniger Jugendliche eine Lehre machen wollen. Und das, obwohl gut bezahlte Fachkräfte händeringend gesucht werden. Der grassierende Akademisierungswahn hat zu mittlerweile über 19.000 Studiengängen geführt, von denen die meisten Mickymaus-Studiengänge ohne jede Nachhaltigkeit sind und den Absolventen eher die Zukunft verbauen.

Sofern sie überhaupt zu Ende studieren …

Wobei, Studienabbrecher soll es demnächst besser nicht mehr geben. Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Konrad Wolf stellte kürzlich wegen des Anstiegs der hohen Abbrecherzahlen einen »Handlungsauftrag an die Politik« fest. Die Rahmenbedingungen an den Hochschulen müssten so gestaltet werden, »dass es Studierenden möglich ist, ihren Studienverlauf entsprechend ihrer Qualifikationen und Fähigkeiten erfolgreich abzuschließen«. Das spricht Bände: Man macht Deutschlands Schulen und Hochschulen zu Zertifizierungsdiscountern und glaubt, mit einer weiteren Absenkung der Ansprüche auf unterstem Level soziale Gerechtigkeit erzwingen zu können. Den Preis für diese Entwicklung wird die zukünftige Generation zu zahlen haben. Und der dürfte keinesfalls gering sein.

Hans Peter Klein hatte von 2001 bis 2018 den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der Universität Frankfurt am Main inne. Er ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften und Mitbegründer der Gesellschaft für Bildung und Wissen (GBW). Im Frühjahr 2019 erscheint sein neues Buch: »Abitur und Bachelor für alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt«.

www.prof-klein.eu

www.bildung-wissen.eu

Debatte

  • Beitrag von Stephan A. aus W. ( 3. März 2019 um 11:32 Uhr)
    Ja, Bachelors/Masters sind Käse, Bachelors eine Art erweitertes Abitur, das sehe ich auch. Aber wenn man beim Bundesamt für Statistik guckt, wird klar, dass nur 25 Prozent der Schüler Abi machen, nur 15 Prozent der Leute jedes Jahrgangs den Bachelor abschließen und nur ein Prozent eine Doktorarbeit. Von der immer wieder von den Reaktionären beschworenen Akademikerschwemme also keine Spur – und die eine oder der andere werden an der Uni sogar mal ein paar Leute kennenlernen, die Bücher lesen oder Ahnung haben – das ist doch was. Aber Denken lernen dauert halt länger als drei Jahre und geht nicht per Powerpoint.

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