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Aus: Ausgabe vom 04.03.2019, Seite 12 / Thema
Digitalisierung

»Hallo, Alexa«

KI-Sprachassistenten bilden den nächsten Entwicklungsschritt des digitalen Kapitalismus. Immer bereit, zuzuhören, eröffnen sie nicht nur der Überwachung Tür und Tor, sondern machen auch das Shoppen grenzenlos
Von Timo Daum
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Der erste sprechende Roboter der Firma Westinghouse aus dem Jahr 1937 konnte 700 Wörter sprechen. Der Lynx-Roboter mit dem integrierten Amazon-KI-Sprachassistenten »Alexa« kann nicht nur Nachrichten vorlesen und dient als Yoga-Lehrer, er kann auch die heimische Wohnung überwachen – und natürlich gibt er Shoppingtipps (Las Vegas, 5.1.2017)

Am 6. März erscheint im Hamburger Verlag Edition Nautilus Timo Daums Buch »Die Künstliche Intelligenz des Kapitals«. Die Redaktion veröffentlicht daraus das leicht gekürzte Kapitel »Künstliche Intelligenz für alle«. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Mit dem Auftreten sprachgesteuerter digitaler Assistenten beginnt eine neue Phase im Verhältnis zwischen digitalen Plattformen und ihren Nutzerinnen und Nutzern: Gestützt auf Conversational Interfaces, sprachgesteuerte Dialogschnittstellen, sollen diese als ständige Begleiter eine noch innigere Beziehung mit ihnen aufnehmen. Ziel ist es, dabei die Gespräche so natürlich wie möglich zu gestalten; die User sollen sich ganz normal mit den Assistenten unterhalten können. KI-Technologien sind dabei zentral – sowohl für das Funktionieren dieser neuen Nutzerschnittstellen als auch für das Data Mining, die plattformkapitalistische Ausbeutung der von ihnen gelieferten Daten. 2011 tauchte erstmals Siri auf der iOS-Version für Apples I-Phone 4S auf. 2012 zog Googles Android-Betriebssystem nach und lancierte seinerseits einen Assistenten – zunächst unter dem Namen Google Now, später dann in Google Assistant umbenannt. 2014 debütierte Amazon mit Alexa, 2015 tauchte dann Microsofts Cortana auf dem Markt auf, und seit 2017 können Nutzer von Samsung-Handys den sprachgesteuerten Assistenten Bixby nutzen.

Auffallend ist, dass die Assistenten überwiegend Frauennamen tragen und als weiblich empfundene Stimmen aufweisen. Neben den im Consumer-Bereich bekannten und schon genannten sind das im geschäftlichen Bereich z. B. Aida und Amelia. Diese beiden Chatbots werden von der schwedischen Bank SEB AG jeweils für die Kundenkontakte und für die Mitarbeiterkommunikation eingesetzt, und die Unternehmensberatung Accenture bringt eine virtuelle Hypothekenberaterin namens Colette an den Start, die in der Lage sein soll, 80 Prozent des Aufgabenbereichs menschlicher Kolleginnen zu bewältigen.

Für Holger Schulze, Professor an der Universität Kopenhagen und Leiter des dortigen Sound Studies Lab, sind diese künstlichen Helfer »die neuen Dienstmägde«. Im Kundenkontakt und bei der Pflege sind sie gerne weiblich designt, wenn es aber rauher wird, es z. B. auf die Baustelle oder in den Krieg geht, dann hören sie auf Namen wie »Atlas«, »Agilus«, »Fortec« und dergleichen, sind breitschultrig und alles andere als »sweet« – Roboter und Assistenten, die sich gerne schmutzig machen. Auch in der künstlichen Welt reproduzieren sich, wie sollte es anders sein, einfältige Stereotype.

Conversational Interfaces

Zwei Unternehmen teilen hier fast den gesamten Markt unter sich auf: Google und Amazon. Derzeit nutzt circa eine Milliarde Menschen bereits entsprechende Geräte; Prognosen gehen davon aus, dass sich diese Zahl in den nächsten drei Jahren nahezu verdoppeln wird. Platzhirsch ist hierbei eindeutig Amazon: Alexa konnte sich seit der Einführung zum Marktführer für KI-gesteuerte, Hardware-gebundene Sprachassistenten für zu Hause etablieren. Tausende arbeiten bei Amazon intensiv an der Optimierung von Spracherkennung und -generierung sowie an Marketingkonzepten für die auf natürlicher Sprachinteraktion beruhenden neuen Geräte.

Die Computergeschichte ist auch eine Geschichte der Nutzerschnittstelle: Lochkarten, Tastatur, Maus, Multi-Touch – jedes dieser Interfaces ist eng verknüpft mit einer bestimmten Phase der Computernutzung. Neue User Interfaces eröffnen auch andere Nutzungsweisen, Anwendungen und Geschäftsmodelle. Steve Jobs hatte das klar erkannt und verkündete bei der Weltpremiere des I-Phones: »Ab und zu taucht ein revolutionäres Produkt auf, das alles verändert. Die Maus, das Klickrad, Multi-Touch. Jede dieser revolutionären Schnittstellen hat ein revolutionäres Produkt erst ermöglicht.« Digitale Sprachassistenten schlagen ein neues Kapitel in der Geschichte der Nutzerschnittstellen auf. Nicht nur im Home-Bereich, auch im autonomen Auto der Zukunft, für die Interaktion mit Geräten in allen Lebenslagen (Internet of Things), auch in den Bereichen Industrie, Logistik und Transport wird natürliche Sprache als User Interface an Bedeutung gewinnen. »Bis jetzt haben wir uns auf die Technik eingestellt, auf Tippen oder Wischen. Demgegenüber stellen sich die neuen Benutzerschnittstellen auf uns ein«, erläutert Ahmed Bouzid, Chef von Witlingo, einer Firma, die auf sprachgesteuerte Apps spezialisiert ist. Natürliche Sprache als bidirektionaler Kommunikationskanal mit einem Gerät – das ist das Interface der nächsten Welle; im Zuge dieser Entwicklung wird das Smartphone als wichtigstes digitales Gerät möglicherweise seine Dominanz einbüßen. Die Analysten von Comscore vermuten, dass im Jahr 2020 bereits jede zweite Suchanfrage als Spracheingabe erfolgen wird.

Historische Vorläufer gab es schon einige. Der Haushaltsgerätehersteller Westinghouse präsentierte 1937 auf einer Messe den sprechenden Roboter »Elektro, den mechanischen Mann«: Er war 2,20 Meter groß, konnte gehen, sprechen und rauchen! 48 Relais, elf Motoren, ein Mikrophon, eine Gitterglühröhre und Verstärker versetzten das Ungetüm in die Lage, bis zu 700 Wörter auszusprechen, die von einer Schallplatte abgespielt wurden, womit er also einen ersten, allerdings eher unhandlichen persönlichen Sprachassistenten darstellte. Die umgekehrte Richtung, das Zuhören, findet sich bereits in einer sinistren Erfindung aus dem Spätmittelalter: Im umfangreichen Werk des Universalgelehrten des 17. Jahrhunderts, Athanasius Kircher, findet sich die Beschreibung eines frühen Abhörgeräts. Ein an öffentlichen Orten zu plazierender Trichter sollte wie ein Mikrophon Gespräche über ein Verbindungsrohr zum Mund einer Statue leiten. Seine Statua citofonica sollte in den Gemächern von Adeligen oder Vermögenden plaziert werden, auf dass die Herren das Geschehen auf dem Platz belauschen können sollten. Kate Crawford und Vladan Joler schreiben in ihrer Analyse von Amazons Alexa-Ökosystem über dieses frühe Lauschdispositiv: »Kirchers sprechende Statue war eine frühe Form der Informationsextraktion für die Eliten – Menschen, die auf der Straße redeten, hatten keine Ahnung davon, dass ihre Gespräche zu denjenigen weitergeleitet wurden, die dieses Wissen für ihre eigene Macht, Unterhaltung und Bereicherung ausnutzten.«

Der Spion zu Hause?

Amazons Echolautsprecher ist ständig auf Horchposten. Über die KI-gesteuerte Assistentin, die auf den Namen Alexa hört, können Bestellungen aufgegeben, z. B. Lebensmittel geordert werden, es kommt also ein Vertrag zustande, bei dem geklärt sein muss, wer diesen »unterschreibt«. Deshalb muss das Gerät auch in der Lage sein, Nutzer nach ihrem individuellen Klang zu identifizieren; zu diesem Zweck werden personalisierte Stimmprofile gespeichert. Es ist Alexa also möglich, nicht nur Gespräche selbst bei hohem Umgebungslautstärkepegel zu verstehen, sondern das Gesagte auch einzelnen Personen zuzuordnen – das schlägt jede konventionelle Abhörtechnik um Längen. Hier kommen die sieben Mikrophone, KI-Technologien zur Sprachanalyse und personalisierte Nutzerprofile, über die Amazon verfügt, zusammen.

Holen wir uns mit den Assistenten für zu Hause also Spione ins Haus? Die Hersteller weisen diesen Vorwurf von sich, sie beteuern, Audiodaten würden nur verarbeitet, wenn der Assistent durch ein Schlüsselwort – »Hallo, Alexa« bei Amazons Echo, »Ok, Google« oder »Hey, Siri« bei der Konkurrenz von Google und Apple – aktiviert werde. Das gelte auch nur für die unmittelbar nach dem Stichwort folgende Anweisung. Trotzdem muss das Gerät Tag und Nacht lauschen, um eben genau dieses Schlüsselwort nicht zu verpassen. Alexa und Co. funktionieren nur mit einer ständigen Verbindung zu den Servern der Anbieter, das Gerät selbst beherrscht nur Sprachaufnahme und -wiedergabe sowie einige grundlegende Konfigurationen. Das macht es sehr sicher gegenüber Angriffen von außen, etwa durch Hacker, weil der »Großteil der Logik hinter den Kulissen auf den Amazon-Cloud-Servern stattfindet«, schreiben die Autoren einer Sicherheitsanalyse des Amazon-Echo, die am Massachusetts Institute of Technology erstellt wurde.

Der Audiodatenstrom besteht überwiegend aus Datenmüll: Musik, Gespräche, Schnarchen, Umgebungsgeräusche etc. Demgegenüber sind Userdaten, die die Plattformen über die Benutzung von Onlineangeboten und Smartphone-Apps erhalten, wesentlich schlanker und viel leichter und direkter nutzbar. Ein Szenario der Totalüberwachung mag daher unrealistisch erscheinen. Der SZ-Autor Marvin Strathmann relativiert entsprechende Befürchtungen mit einem anderen Argument: »Wenige Unternehmen werden so misstrauisch beäugt wie Amazon und Google. (…) Für die Firmen ist das Risiko viel zu groß: Sollte ein IT-Sicherheitsforscher herausfinden, dass Millionen Menschen heimlich ausspioniert werden, wäre sämtliches Vertrauen schlagartig verspielt.«

Die Problematik versehentlicher Aufnahmen ist ebenfalls breit diskutiert worden. »Hallo, Alexander« oder »O. K. Gut gegurgelt« könnten die Software unbeabsichtigt triggern. Zu einiger Berühmtheit gelangte ein kleines Mädchen aus Kalifornien, dem es gelang, mit dem Satz: »Alexa ordered me a dollhouse« ein Puppenhaus bei Amazon zu bestellen, sehr zu ihrer Freude vermutlich. Als Minderjährige war sie jedoch nicht befugt, einen Kaufvertrag abzuschließen – die Personenidentifizierung des Audiostreams hatte da wohl einen schlechten Tag. Über dieses Ereignis wurde ausgiebig in den Medien berichtet, unter anderem im lokalen Fernsehen California Television Channel CW-6, was zu einer regelrechten Kauforgie führte: Mithörende Echo-Devices in den Haushalten der Zuschauerinnen und Zuschauer lösten ihrerseits Bestellungen für Puppenhäuser aus.

Im Oktober 2018 bekam Amazon ein Patent für zielgerichtete Audiowerbung zugesprochen, das den Titel »Sprachbasierte Bestimmung der physischen und emotionalen Eigenschaften von Benutzern« trägt. Der smarte Sprachassistent des Unternehmens soll den Audiostream seiner Nutzer daraufhin untersuchen, ob er Indizien für eine Erkrankung feststellen kann. Stimmäußerungen wie Husten oder Heiserkeit ließen Rückschlüsse auf die körperliche Verfassung zu, so werden etwa Erkältungen, aber auch Depressionen im Patentantrag explizit genannt. Wird eine audiobasierte Diagnose gestellt, werden – Überraschung! – passende Produkte angeboten, z. B. Hustensaft.

Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass gesetzliche Verbote, vermeintlich zu große Datenmengen oder ein möglicher Imageschaden einer umfassenden Speicherung und Analyse der Daten im Wege stünden. Zu oft haben die Digitalkonzerne nach der Devise gehandelt: Wir halten uns an Verbote, es sei denn, es winkt ein Geschäft, und sei es auch nur in ferner Zukunft.

Die Besucherinnen und Besucher auf dem Kongress der Fiducia AG, eines auf Banksoftware spezialisierten Unternehmens, staunten nicht schlecht, als zur Eröffnung 2017 ein Redner zugeschaltet wurde, der in IT-Kreisen Kultstatus genießt: Edward Snowden. Der 35jährige hatte mit seinen Enthüllungen die Ausmaße der weltweiten Überwachungs- und Spionagenetze der USA und die willfährige Kooperation von Telekommunikationsunternehmen und Onlineplattformen mit den Behörden offenbart. Der seitdem im russischen Exil lebende Snowden warnte das Konferenzpublikum eindringlich vor den neuen digitalen Assistenten: »Viele von uns sind dabei, freiwillig Abhörgeräte bei sich zu Hause aufzustellen, weil diese etwas mehr Bequemlichkeit versprechen. Für George Orwell wäre das völlig unverständlich, hatte er doch in »1984« davor gewarnt, dass die Bürgerinnen und Bürger einer einstmals freien Gesellschaft von den Regierungen dazu gezwungen werden könnten, ebensolche Geräte in ihren Behausungen aufzustellen, mit deren Hilfe diese ununterbrochen zuhören und wo die Menschen ihnen nicht entkommen könnten, so dass es keinen absoluten Bereich von Intimität mehr gibt, wie er für alle vorangegangenen Generationen selbstverständlich gewesen war.«

Die größte Bedrohung für unsere Privatsphäre sind wohl Geheimdienste und Behörden, die sich ebenfalls für die Audiodaten interessieren. Die von Snowden aufgedeckten Abhörpraktiken der NSA haben eindrücklich gezeigt, dass die Überwachungsbehörden im Zeitalter von Big Data keine Angst vor großen Datenmengen mehr haben. Was noch in der analogen Spionagezeit undenkbar war, als selbst das Abhören einer einzigen Zielperson extrem mühselig, aufwendig, personalintensiv und qualitativ zweifelhaft war, ist heute die Default-Option: Wirklich alle Informationen werden verarbeitet. Adieu Stichprobe, hallo, Volltextsuche!

Darauf zu vertrauen, in einer immensen Datenmenge unterzugehen, sich verstecken zu können, ist heutzutage illusorisch. Und davon auszugehen, dass die Beschränkungen, die die Hersteller sich selbst auferlegen, tatsächlich eingehalten werden, ist zumindest fraglich. Der Tech-Blog The Intercept berichtete jüngst, die NSA arbeite schon länger an einer Stimmerkennung, mit der sie etwa verdächtige Personen finden könnte. Bei Ermittlungen in einem Mordfall in den USA hat Amazon im März alle Audiodaten eines Echo-Geräts an die Polizei übergeben. Allerdings hatte der Verdächtige zuvor eingewilligt. Der Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder warf auf der Re:publica-Konferenz 2017 folgendes Problem auf: Was antwortet Siri auf die Frage: »How to jailbreak my I-Phone?« Die Antwort von Siri spricht Bände und macht klar, wessen Dienerin sie ist: »I wouldn’t recommend that.«

Lizenz zum Geldverdienen

Der Berliner Konrad Zuse gilt als Erfinder des modernen Computers. Bereits 1938 hatte er im elterlichen Wohnzimmer den ersten – noch mechanischen – programmierbaren Rechenautomaten aus Alublechen gebastelt. Drei Jahre später erblickte dann der erste vollautomatische Digitalcomputer mit einer Zentralrecheneinheit aus Telefonrelais das Licht der Welt: der Zuse Z3. Noch im selben Jahr versuchte Zuse, seine Erfindung patentieren zu lassen. Erst sieben Jahre nach Kriegsende wurde ihm das Patent schließlich zuerkannt, aber sogleich von anderen Herstellern angefochten. Im Jahre 1967 konstatierte dann das Bundespatentamt letztinstanzlich, dass kein Patent ergehen könne – die Begründung damals: »mangelnde Gestaltungstiefe«. Zuse hatte versucht, das konkrete Design des Z3 patentieren zu lassen anstatt grundlegender konzeptioneller Elemente seiner Erfindung, etwa die Prozesssteuerung mit Programm- und Datenspeicher. Wie die Computergeschichte wohl ausgegangen wäre, wenn er sein Patent erhalten hätte und infolgedessen alle Computerfirmen der Welt Lizenzgebühren an Zuse hätten abführen müssen?

Siebzig Jahre später hatten vier Ingenieure mehr Glück. Wenige Sätze und eine Skizze genügten, um das Funktionsprinzip ihrer Idee zu beschreiben: Ein männlicher Benutzer in einem ruhigen Raum sagt: »Bitte spiele ›Let It Be‹ von den Beatles.« Ein kleines Desktopgerät antwortet: »Kein Problem, John« und beginnt mit dem Abspielen des gewünschten Songs. Am 31. August 2012 hielten die vier schließlich ein Patent für ein System künstlicher Intelligenz in Händen, das mit natürlicher Sprache zu kommunizieren in der Lage sein sollte. Der Arbeitgeber der vier hieß Amazon, und das Produkt, das aus diesem Patent hervorging, Alexa. Vom Onlinehändler für Bücher, als die sie 1994 begonnen hatte, ist Jeff Bezos’ Firma zum nach Walmart zweitgrößten Einzelhändler weltweit geworden. Aber Amazon ist mehr als das. Der Konzern gibt viel Geld für Forschung und Entwicklung aus und ist ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen. Bereits 2006 ging Amazon Web Services (AWS) als Tochterunternehmen an den Start, es stellt On-Demand-Cloud-Computing-Plattformen für Einzelpersonen, Unternehmen und Regierungen bereit. Letztlich handelt es sich hierbei um kostenpflichtigen Speicherplatz auf fremden Servern sowie darauf aufsetzende Softwarelösungen. Amazon Web Services ist der am stärksten expandierende Teil des Konzerns, allerdings für gerade einmal neun Prozent des Umsatzes verantwortlich. Beim Gewinn allerdings sieht die Sache völlig anders aus: 74 Prozent von Amazons Gewinn entfallen auf AWS.

Angesichts dieser Zahlen wird klar, warum der Konzern sich in seinen Forschungsbemühungen auf diesen Bereich konzentriert. Marxistisch gesprochen: Hier ist die Profitrate deutlich höher! Nick Srnicek beschreibt die Entstehung plattformkapitalistischer Geschäftsmodelle als Reaktion des Kapitals auf die sinkenden Profitraten in klassischen Branchen. In seinem Handbuch zum Plattformkapitalismus stellt er fest, »dass sich der Kapitalismus angesichts eines langanhaltenden Rückgangs der Rentabilität in der Produktion von Gütern den Daten zugewandt hat, um zu überleben und weiter expandieren zu können«. Amazon ist also auch eine Datenplattform und ähnelt darin eher Google und Facebook als Walmart oder Otto. Heute verfügt der Konzern über eine der größten Datensammlungen der Welt, mit AWS als Schlüsselinfrastruktur, ohne die Alexa nicht denkbar wäre.

»Get me an Uber«

Welches sind die Gründe, aus denen Amazon in vielerlei Hinsicht an den Konkurrenten vorbeigezogen ist? Google und Microsoft hatten eigentlich einen Vorsprung, aber beide konzentrierten sich auf das Smartphone bzw. den PC als Zielgeräte für ihre Sprach-KIs. Microsofts Cortana, Apples Siri und Googles Assistent sind zunächst Add-Ons für Smartphones bzw. für den PC gewesen, Amazons Alexa hingegen ist das erste AI-First Device, also ein Gerät, das um die Kernfunktion conversational AI (KI mit natürlicher Sprachbeherrschung) herum konzipiert wurde. Der Durchbruch kam mit der von Grund auf neu konzipierten Palette aus Hardware, Software, Anwendungsszenarien (use-cases) und Businessmodell – maßgeschneidert auf die neue Technologie.

Bei der Anzahl und der Qualität unterstützter Sprachen hinkt Amazon seinen Konkurrenten Apple und Google noch hinterher. Was die Menge der verfügbaren Apps angeht, die mit Sprache gesteuert werden können, hat Alexa allerdings die Nase vorn: 25.000 Anwendungen für die Alexa-Plattform standen im Oktober 2017 nur 724 für Googles Betriebssystem Android gegenüber.

Damit aus den Echo-Devices weltweite Standardgeräte werden können, wie PCs und Smartphones es geworden sind, ist weit mehr nötig, als Amazon allein jemals wird leisten können. Zu diesem Zweck ermuntert Amazon Drittfirmen, neue Dienste und Apps für die Plattform bereitzustellen, so wie es Apple seit langem mit App-Entwicklern tut. Mit dem von Amazon zur Verfügung gestellten Alexa Skills Kit (ASK) sollen sie in die Lage versetzt werden, innerhalb kurzer Zeit eigene Skills zu erstellen. Alexa bietet Nutzern über diese »Skills« und mit Hilfe gesprochener Anweisungen beispielsweise die Möglichkeit, Musik abzuspielen, Antworten auf allgemeine Fragen zu erhalten, einen Wecker oder Timer zu stellen und mehr. Zu den beliebtesten Apps gehören die Ride-Hailing-Optionen von Uber und Lyft. Um mit Alexa eine Fahrt per Uber bestellen zu können, muss die Nutzerin bzw. der Nutzer auf seinem Smartphone zunächst die Alexa-App installieren und sich anmelden bzw. seine Nutzerdaten hinterlegen. Daraufhin kann das Echo-Device dann mit dem Satz »Alexa, get me an Uber« ausgelöst werden.

Amazon hat die Echo-Plattform auch für Smart-Home-Hersteller geöffnet. Für jedes auf dem Markt erhältliche Produkt soll es Alexa-Skills geben. Amazon zielt damit auf die Marktführerschaft bei Smart-Home-Anwendungen. Die Produkte aller Firmen, die smarte Lichtsysteme, Stecker oder Thermostate herstellen, können mit Skills gesteuert werden, schreibt der Technologieexperte Mark Sullivan: »Es ist wahrscheinlich, dass die Kontrolle der Sicherheitssysteme für zu Hause auch zu dieser Liste hinzugefügt werden wird.« Die Alexa-Plattform als Ökosystem für Home­anwendungen nimmt Gestalt an.

Vorreiter der Entwicklung im Bereich der Bereitstellung eigener Technologien für Dritte auf breiter Basis ist dennoch Google gewesen. Das war schon das Erfolgsrezept für das mobile Betriebssystem Android, das in wenigen Jahren Apples iOS den Rang ablief und heute mit Marktanteilen um 80 Prozent Weltmarktführer ist: Es wurde von Anfang an allen Hardwareherstellern kostenlos und lizenzfrei zur Verfügung gestellt. Das Gleiche wiederholte sich bei cloudbasierten Services: Auf einer Veranstaltung in San Francisco im März 2016 stellte Google eine Reihe neuer Clouddienste vor, die es Entwicklern und Unternehmen ermöglichen sollen, Googles Technologien maschinellen Lernens zu nutzen, die einigen der mächtigsten eigenen Anwendungen zugrunde liegen. In einem Interview mit dem Technologiemagazin Wired prognostizierte Googles Topingenieur Urs Hölzle, dass die Umsätze, die durch Clouddienste generiert werden, bis zum Jahr 2020 diejenigen aus dem Anzeigengeschäft übertreffen dürften: »Es ist klar geworden, dass die Public Cloud der Weg in die Zukunft ist. Eines Tages könnte das größer sein als Werbung. Ganz bestimmt, was das Marktpotential angeht.« Starke Worte angesichts der Tatsache, dass Google die größte Werbefirma der Welt ist.

Das offene Ohr

Die Entwicklung digitaler Sprachassistenten wird von den Großen der Internetökonomie seit einigen Jahren mit großem Aufwand vorangetrieben. Sprachanalyse und natürliche Sprachausgaben werden zum vorrangigen Interface dieser nächsten Stufe im Plattformkapitalismus. KI-Anwendungen werden zur Alltagstechnologie. Dem IT-Marktforschungsinstitut Gartner zufolge werden Technologien maschinellen Lernens bis in zwei Jahren in »fast allen neuen Softwareprodukten« anzutreffen sein, was aus dem Feld eine Schlüsseltechnologie macht. Alexa, Siri etc. sind die modernen Sirenen, die wir User durch die bloße Nutzung (in diesem Fall, indem wir mit ihnen reden) einerseits optimieren, denen wir andererseits Daten liefern zur immer besseren Vermessung und Voraussage unserer selbst – Plattformkapitalismus mit Künstlicher Intelligenz.

Die digitale Revolution hat die Art und Weise verändert, wie wir alltägliche Dinge erledigen; immer öfter sind digitale Geräte und Applikationen sowie über das Internet vermittelte Transaktionen daran beteiligt. Insbesondere Generationen, die mit diesen Technologien aufgewachsen sind, werden zusehends Opfer ihres laxen Umgangs damit. So wurden allein in den USA im Jahr 2016 mehr als elf Millionen Menschen Opfer von Identitätsdiebstahl, heißt es in einer jährlichen Umfrage von Javelin Strategy and Research. Personen zwischen 18 und 24 Jahren waren dabei die vorrangigen Ziele. »Fast jede Aktivität in unserer heutigen Gesellschaft hinterlässt Spuren«, gab Doug Klunder, bei der US-amerikanischen Bürgerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union für Datenschutzthemen zuständig, bereits 2010 zu bedenken.

Der Kulturwissenschaftler Holger Schulze bewertet den Trend zu Conversational Commerce, also »Gesprächshandel«, wie folgt: »Das größere Problem ist, dass diese Geräte dazu führen, dass wir uns mit ihnen einen ständigen Verkaufsstand in die Küche oder ins Schlafzimmer holen. Dieser bietet permanent an und nutzt aus, dass wir gelegentlich Dinge benötigen – und diese gleich bestellen. Die Merkantilisierung, also die Verkaufsförmigkeit, vieler Lebensbereiche wird dadurch kompromisslos weitergetrieben.« Oder, wie das technologiekritische Kollektiv Çapulcu das formuliert: »Die Schnittstelle der smart durchkapitalisierten Zukunft ist das offene Ohr.« Nach Big Data kommt als logische Folge die mit Technologien künstlichen Lernens ausgestattete Software, die Userdaten in einem Feedback-Loop zur Optimierung eben jener Services nutzt, die diese Daten erst generieren. KI wird en passant zu einer Marke: Alexa könnte bald synonym für den Mutterkonzern Amazon stehen, dessen Dienerin sie schlussendlich immer noch ist.

Timo Daum: Die Künstliche Intelligenz des Kapitals. Nautilus Flugschrift. Edition Nautilus, Hamburg 2019, 192 Seiten, 16 Euro

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