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Aus: Ausgabe vom 27.02.2019, Seite 16 / Sport

Trau keinem Schiri!

Von André Dahlmeyer, Buenos Aires
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Einen wunderschönen guten Morgen! Am 20. Spieltag der argentinischen Primera División, also der ersten Männerfußballiga, gewann Tigre in seinem Stadion in Victoria im reichen Norden der Provinz Buenos Aires gegen Patronato aus der Provinz Entre Ríos mit 2:1. Die beiden Teams belegen zwei der vier Abstiegsplätze in der Tabelle, die sich aus den sogenannten Promedios ergeben, den Durchschnittswerten der jeweils vergangenen drei Jahre Erstligazugehörigkeit. Aufsteiger können sich so schneller in oberen Regionen der Tabelle festsetzen. Angestellte Fútbolistas landen nach den Regeln dieser höheren Mathematik aber auch rasch in der Hölle der mies bezahlten Jobs auf dem Bau (oft auch gar nicht bezahlt, das kriegt man natürlich immer erst zu spät mit) oder des fröhlichen Straßenverkäuferdaseins (Kugelschreiber in U-Bahnen usw.).

Sowohl Tigre als auch Patronato sind nur noch durch ein Wunder zu retten. Für einen solchen Fall haben die Balltreter Tigres bereits angekündigt, zu Fuß nach Luján zu laufen und irgendeiner Jungfrau zu danken. Luján, der wichtigste Wallfahrtsort Argentiniens, liegt in der Provinz Buenos Aires.Als ich vor rund 18 Jahren zum ersten Mal einen Fuß auf argentinischen Boden setzte, kauften die Menschen, wenn überhaupt, ein Paar stinknormale Socken in drei Monatsraten. Aktuell wird beispielsweise der Erwerb eines profanen, minderwertigen Schulhefts in zwölf Monatsraten angeboten. Freilich müssen die Schulden zum jeweils gültigen, aktuell galoppierenden Dollar-Kurs beglichen werden.

Auch für Belgrano de Córdoba brechen offenbar trübe Zeiten an. 2012 stiegen die »Piraten« in die Primera División auf. Sie setzten sich damals gegen River Plate durch, verbannten den »Millonario« damit für ein Jahr in die Zweitklassigkeit (ein Novum in dessen Vereinsgeschichte). Die Hellblauen sind in dem Stadion zu Hause, in dem Österreich bei der WM 1978 den damals amtierenden Weltmeister Bundesrepublik Deutschland – mit der aufopfernden Hilfe von Hans-Hubert Vogts – aus dem Turnier schoss. Seit der Copa América 2011 ist die Spielstätte nach Mario Alberto Kempes benannt. Dort also empfingen die Hellblauen am Sonnabend den Papstklub San Lorenzo de Almagro. Tore fielen keine, was auf beiden Seiten Anlass für Pessimismus war. Belgrano hat in 20 Matches 17 Punkte gewonnen. San Lorenzo hat genauso viele Punkte auf der Habenseite, aber noch ein Nachholspiel zu absolvieren. Keine der vergangenen elf Ligapartien konnte der Papstklub gewinnen. In der Tabelle der Promedios kann er sich auf Rang sieben dennoch sicher fühlen.

Dass Aufsteiger San Martín aus Tucumán sich noch wird retten können, glaubt so recht niemand mehr. Dabei absolvierten die Tucumanos am Sonntag im Estadio »Monumental« bei River, dem amtierenden »Campeón« der Copa Libertadores, ein würdiges Match. Nach einer halben Stunde brachte Rivers neues Idol, der Kolumbianer Juanfer Quintero, den »Millo« nach kolossaler Vorarbeit von Lucas Pratto mit einem Linksschuss aus dem Strafraum in Führung. Da standen Milton Casco (Schlüsselbeinbruch) und »Nacho« Fernández (Muskelversteifung) schon nicht mehr auf dem Platz. Mitte der zweiten Halbzeit musste auch Quintero mit Muskelproblemen vom Feld. Für den Cafetero (kolumbianischen Nationalspieler, jW) kam der Ex-Belgrano Matías Suárez. River kickte also fortan mit drei Stürmern. Suárez war es dann auch, der auf 2:0 erhöhte, ehe Ramiro Costa in der 89. Minute der Anschlusstreffer gelang. Sekunden vor Schluss verweigerte Schiri Germán Delfino den Gästen nach Handspiel des Paraguayers Robert Rojas einen klaren Elfmeter.

In der Auswärtspartie der Boca Juniors bei Defensa y Justicia (1:0 für die Gäste nach Einlochung von Charles Tévez) zeigte sich Schiri Fernando Echenique ähnlich garstig, und so wurde in den argentinischen Medien am Montag scharf geschossen. Beide Unparteiische wurden für den kommenden Ligaspieltag vom Balltretverband AFA suspendiert. Horrido!

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