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Aus: Ausgabe vom 25.02.2019, Seite 4 / Inland
Provinzposse

In Katar vergaloppiert

Urteil im Korruptionsfall um nordrhein-westfälische Hochburg der Pferdezucht
Von Gerrit Hoekman
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Wo goldwerte Gäule weilen: NRW-Landesgestüt in Warendorf (24.2.2016)

Es ging um edle Pferde, Luxushotels und lukrative Geschäfte mit einer Reitschule in Katar. Am Freitag hat das Amtsgericht in Warendorf drei leitende Angestellte des nordrhein-westfälischen Landgestüts der gemeinschaftlichen Vorteilnahme für schuldig befunden und verhängte Geldstrafen zwischen 3.300 und 6.400 Euro. Das berichteten die Westfälischen Nachrichten. Die Verteidiger kündigten Berufung an.

Die Gestütsleiterin, der Verwaltungschef und der Erste Hauptberittmeister der NRW-Landeseinrichtung haben nach Überzeugung des Gerichts Provisionen, die sie von der renommierten Reitschule Al Schakab in Katar für die Vermittlung von Pferden erhielten, teilweise am Landwirtschaftsministerium vorbei auf das Konto ihrer eigens gegründeten Beraterfirma geleitet, laut Staatsanwaltschaft immerhin 23.000 Euro pro Person.

Im wesentlichen ging es um zwei Reisen nach Doha, die das Trio jeweils im März 2013 und 2014 unternahm. Kurz vorher hatte das Gestüt einen lukrativen Beratervertrag mit Al Schakab geschlossen. Die Kataris wollten vom Wissen der Münsterländer profitieren. Warendorf ist in der Szene weltweit als Hochburg der Pferdezucht bekannt. Laut Staatsanwaltschaft habe die Aufgabe der Beschuldigten auch darin bestanden, den Aufbau der Einrichtung zu fördern und die finanzielle Situation des Landgestüts »positiv zu gestalten«. Der Betrieb schreibt beharrlich rote Zahlen.

Die Vertiefung der geschäftlichen Beziehungen zur Al Schakab-Reitschule war im Ministerium ausdrücklich erwünscht. Was dort aber offenbar nicht bekannt war: Das Trio ließ sich die Business-Class-Tickets von Al Schakab bezahlen. In Doha wurde die kleine Delegation fürstlich empfangen. Die von den Kataris übernommene Rechnung belief sich laut Anklage am Ende auf insgesamt 49.000 Euro. Die Angeklagten hätten damit den »gefährlichen Anschein der Käuflichkeit« erweckt, zitieren die Westfälischen Nachrichten aus dem Urteil. »Das Strafmaß sieht in einem solchen Fall auch Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren vor«, begründete die Richterin.

Die katarische Reitschule wurde 1992 vom Emir Hamad Bin Khalifa Al Thani gegründet. Seit 2004 gehört sie zur finanzstarken Katar Foundation, ebenfalls eine Gründung des 2013 abgedankten Emirs. Als die Stiftung sich 2010 für fünf Jahre und 170 Millionen Euro dem katalanischen Fußballklub FC Barcelona als Trikotsponsor andiente, machte das Gerücht die Runde, Geld der Katar Foundation würde auch an die palästinensische islamische Befreiungsbewegung Hamas fließen. Außerdem unterhalte die Stiftung ein freundschaftliches Verhältnis zum erzkonservativen Fernsehprediger Yusuf Al Karadawi, der für die Muslimbrüder kräftig die Werbetrommel rührt.

Diese echten oder behaupteten politischen Zusammenhänge waren nicht Gegenstand des Warendorfer Prozesses. Dort ging es unter anderem um die Frage, inwieweit das Ministerium eine Mitschuld trägt. Die Richterin warf der Behörde jedenfalls »Defizite in der Dienstaufsicht« vor, weil es die konkrete Ausgestaltung der Beziehungen nach Katar komplett den Warendorfern überließ. »Wir sind in die Wüste geschickt worden«, sagte die frühere Gestütsleiterin am Freitag gegenüber der Glocke.

Andererseits seien weder die Reisen noch die Nebentätigkeit der Angeklagten ausreichend durch den Dienstherrn gedeckt gewesen, so die Richterin. Die Gründung der Firma und der Abschluss privater Beraterverträge seien dem Ministerium nicht bekannt gewesen. Dem hatten die Verteidiger im Plädoyer vehement widersprochen und bedauert, dass sich Düsseldorf jetzt aus der Verantwortung stehle.

Als das Landwirtschaftsministerium von den Ermittlungen erfuhr, setzte es das Trio fristlos auf die Straße und verweigert bis heute eine Abfindung. Vor dem Arbeitsgericht wehren sich die Entlassenen. Der Verwaltungsleiter verlor im vergangenen November vor dem Landesarbeitsgericht in Hamm seinen Prozess in abschließender Instanz, wie die Westfälischen Nachrichten berichten. Im März beschäftigen sich die Richter mit der Kündigung der ehemaligen Gestütsleiterin. Auch dieses Verfahren befindet sich in der Berufung. Die Verurteilten befürchten, nach dem Urteil nie wieder einen gleichwertigen Job zu bekommen.

Aktualisierung vom 25. Februar 2019: In einer früheren Version des Textes hieß es, Emir Hamad Bin Khalifa Al Thani sei inzwischen verstorben. Dies trifft nicht zu. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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