Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. März 2019, Nr. 70
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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mimmi

Von Ludwig Lugmeier
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Nun bin ich in das Haus meiner Tante gezogen. Ein sehr schönes Haus. Geradezu ein Palast. Dicke Teppiche, Gardinen aus Samt, stuckverzierte Plafonds, blitzende Lüster. Das Badezimmer mit Marmor gefliest und im Keller edelste Weine. Ich habe gleich eine Flasche geöffnet. Château Lafite. Ein ausgezeichneter Tropfen! Im Flur schlägt die Standuhr. Ihr bronzener Klang tut mir wohl. Das wird jetzt ein Leben!

Gegen Mitternacht stellte sich eine Mitbewohnerin ein. Eine Maus. Ein winziges Mäuschen. Es sauste über den Teppich und kletterte am Polsterstuhl hoch. Nun sitzt es bei mir auf dem Schoß und sieht mich mit Knopfäuglein an. »Na«, sage ich, »was machst du denn hier? Möchtest du einen Keks?« Es knabbert ganz wild. Als wäre es am Verhungern. Dann beißt es mich kurz. »Mäuschen«, sage ich, »du brauchst unbedingt einen Namen. Wie wär’s mit Mimmi?« »Wunderbar«, piepst es da.

Um acht Uhr morgens klingelt es an der Tür. Ich liege noch im Bett. Schnell ziehe ich den Morgenrock über. In Trauerkleidung meine Cousine. Sie ist dürr wie ein Stecken und hat strohgelbes Haar. Ob sie rein kommen darf? Ich sage: »Natürlich, komm nur herein. Was verschafft mir die Ehre?« »Nur sehen, wie’s dir geht.« »Es geht mir gut«, sage ich. Offenbar ist sie nervös, denn sie zupft sich am Ohr. »Möchtest du eine Tasse Kaffee?« »Bloß keinen Kaffee.« »Dann lieber Tee?« »Ein Glas warme Milch wär’ mir recht. Aber mit Honig«. Ich stelle Milch auf den Herd und gebe einen Löffel Honig hinzu.

Wie sie bloß spricht. Als steckte ihr ein Bissen im Hals. Wahrscheinlich will sie mir etwas sagen und bringt es nicht raus. Die Milch sei zu heiß. Da verbrennt sie sich ja den Mund. Dass ich nicht einmal Milch … »Grit«, unterbreche ich sie, »hier ist eine Maus.« Schon steht Grit auf dem Tisch. Und die Milch auf dem Teppich! Seh sich das einer an! Ich flehe: »Komm runter vom Tisch! Hier ist keine Maus. War nur ein Scherz.« Ich heb die Tischdecke hoch. Ich rück das Sofa beiseite. Endlich setzt sie sich wieder. »Du weißt, dass ich Angst hab vor Mäusen«, sagt sie beleidigt. »Aber Grit! Mäuse tun dir doch nichts.«

Ich stelle wieder Milch auf den Herd und rühre einen Löffel Honig hinein. Dieses Mal ist die Milch viel zu kalt. Außerdem klebt ein Fitzelchen Milchhaut am Glas. »Pfui Deibel!« »Liebe Cousine«, sag ich, »hör mir ganz ruhig zu. Reg dich um Himmels Willen nicht auf. Hier ist doch eine Maus. Eine Spitzmaus. Ein winziges Ding. Sie kann sogar sprechen. Ich hab sie Mimmi getauft.« Nun glaubt sie mir nicht. »Soso, und die Spitzmaus kann sprechen. Du bist ja verrückt.«

Sie stellt sich vor den Spiegel und pudert die Nase. »Wie es hier aussieht!« »Wieso?« sage ich. »Der Spiegel ist blind.« »Ist eben alt.« »Und überall Staub.« – Sie ist ganz empört. Sie stampft mit dem Fuß auf. »Ich will dir was sagen. Auch wenn es dir nicht gefällt. Aber ich fühl mich moralisch verpflichtet. Du hast deine Tante beerbt. Du bist in ihr Haus eingezogen. Du schläfst in ihrem Bett. Du sitzt in ihrem Fauteuil. Du trinkst ihren Wein. Du lässt es dir gut gehen. Aber weißt du, was sie war?« Sie starrt mich ekelhaft an. »Eine Giftmörderin!«

Am Abend kommt wieder Mimmi. Ganz unerwartet. Sie hat einen Minirock an und klettert mir auf die Schulter. »Hallo«, pfeift sie mir ins Ohr. »Wie gefalle ich dir?« »Liebste Mimmi, Du siehst zauberhaft aus. Aber gibt es dich wirklich?« »Stellst du blöde Fragen.« »Meine Cousine hält mich für verrückt.« »Ich auch.« Mimmi tanzt auf dem Tisch. »Ich bin eine Maus«, singt sie mit maushellem Stimmchen. »Mimmi«, dringe ich weiter in sie, »hast du meine Tante gekannt?« »Ich muss jetzt ins Nest.« Schon ist sie verschwunden.

Wie gut es mir geht! Ein eigenes Haus. Ein marmornes Bad. Ein plüschweiches Bett. Es hängt an vier Ketten. Ich schaukle mich in den Schlaf. Einmal hin, einmal her. Schon fahr ich zur See. Und bin in Venedig. Unter der Seufzerbrücke hindurch. Vom Campanile klingen die Glocken. Der Himmel ist blau. Der Gondoliere singt »O sole mio«. Auch Mimmi fährt mit. Sie hat ihren Minirock an. Ob ich sie heiraten will? »Ich heirate doch keine Maus!« »Dann bring ich mich um.« Schon springt sie ins Wasser. Ich hinterher. Der Campanile fliegt in die Luft. Da wache ich auf.

Ich habe Kekse gekauft. Mimmi knabbert sie gern. Leider kommt sie nicht mehr. Ich mache mir Sorgen. Hoffentlich ist sie nicht krank. Die Grippe geht um. Dabei ist es warm. Das Fenster steht offen. Im Luftzug flackern die Kerzen. An der Wand tanzen Schatten. Wie wilde Gespenster. Wie ausgelassene Teufel. Ich hole eine Flasche Roten herauf. Einen Rioja. Der Korken macht plopp. Meine Cousine lass ich jedenfalls nicht mehr ins Haus. Sie verdirbt mir die Stimmung. Dabei hat ihr meine Tante auch etwas Schönes vererbt. All ihre Besen! Haha! An der Wand hängt ihr Bild. Eine prächtige Frau. Mit gewaltigem Busen. Neben ihr sitzt der Hund. Eine riesige Dogge. So groß wie ein Kalb.

Abends um acht steht wieder Grit vor der Tür. Sie legt gleich los: »Pfui Deibel! Du bist ja besoffen.« »Natürlich bin ich besoffen, allerliebste Cousine. Wie eine Haubitze. Voll bis zum Kragen. Sonst hätte ich dich nicht ins Haus reingelassen. Du versaust mir nämlich die Stimmung. Möchtest du einen Schnaps? Ratzebutz, Sliwowitz, Wodka? Dann eben nicht nicht. Am besten, du haust wieder ab.« Grit neidet mir meine Erbschaft. Das seh ich ihr an. Gelbe Augen, spitzige Nase. »Himmel und Arsch«, schieß ich hoch, »das Fenster bleibt offen! Sonst ist hier was los. Meine Tante war eine ehrbare Dame. Jawoll! Und du machst sie schlecht. Ich dreh dir den Hals um.« »Hilfe«, kreischt sie da los. Die Polizei bricht herein. Schießt in die Luft. Schlägt alles kaputt. Ein Tohuwabohu.

Heute ließen sie mich wieder laufen. Wie es hier aussieht! Die Möbel zerschlagen. Der Teppich voll Blut. Meiner Tante ist zum Glück nichts passiert. Jedoch ihrer Dogge. Schuss in den Kopf. Hängt tot aus dem Rahmen. Ich zerr die zerschlagenen Möbel vors Haus. Der Nachbar gafft aus dem Fenster. Das Sofa – nicht mehr zu gebrauchen. Zum Glück haben die Polizisten nicht den Keller gestürmt. Sonst müsste ich Apfelsaft trinken. Auch das Bett ist noch ganz. Sieh einer an! Ich kann es nicht glauben. Wer sitzt denn da auf dem Kissen? »Mimmi! Da bist du ja wieder! So eine Freude! Ich habe dich schrecklich vermisst. Gib mir einen Kuss!« Doch Mimmi will mich nicht küssen. »Geh weg! Ich hab einen Schnupfen.« Sie hustet und hat eine ganz rote Nase. »Schuld bist nur du.« »Was hab ich denn verbrochen?« »Frag nicht so dumm!« »Aber das war doch im Traum.« »Mir hat es gereicht.« »Verzeih, Mimmilein, Du bist und bleibst eine Maus.« »Kann ich was dafür?« »Wir könnten auch so …« »Kommt gar nicht in Frage. Entweder du heiratest mich …«

Grit lässt sich Gott sei Dank nicht mehr blicken. Aber »Giftmörderin« geht mir nicht aus dem Kopf. Riecht der Wein nicht ganz komisch? Ich hole eine andere Flasche. Der Korken sitzt fest. Gutes Zeichen. Aber wer weiß? Immerhin hat sie fünf Männer unter die Erde gebracht. Lauter hohe Beamte! Einer Staatssekretär. Auf dem Bild wirkt sie jetzt auch etwas seltsam. Eisige Augen. Ob Mimmi was weiß? Aber sie spricht nicht mit mir. Eingeschnappt. Entweder du heiratest mich oder ich sprech nicht mit dir. Lieber nagt sie an der Tapete. »Grbbgrbbgrbb.« »Mimmi«, sag ich, »hör bitte auf mit dem Nagen.« Aber Mimmi nagt weiter. »Mimmilein«, sag ich, »Tapetenkleister schlägt auf den Magen.« »Grbbgrbbgrbb.« »Sei doch vernünftig! Sprich doch mit mir!« »Ich bin eine Maus und Mäuse können nicht sprechen.« So geht das mit ihr. Was soll ich bloß tun?

Heute habe ich fünf Kästen Mineralwasser ins Haus bringen lassen. Schluss mit dem Wein. Übersäuert den Magen. Das Bild meiner Tante stelle ich an die Straße. Die Dogge fängt eh an zu stinken. Ich leg mich ins Bett und lese ein Buch. Einen spannenden Krimi. Franz Dobler hat ihn geschrieben. Er handelt von einem Zug. Der rast durch die Stadt. So was Verrücktes! Seit wann können Züge denn sprechen? Aber Mimmi spricht auch. Immerhin ist sie eine Maus. »Mimmi, komm doch zu mir. Ich les dir was vor.« »Grbbgrbbgrbb.« »Von einem Zug.« »Grbbgrbb.« »Ich bitte dich, Mimmi.« »Hast du es dir überlegt mit der Heirat?« »Mimmilein«, sag ich, »und der Standesbeamte?« »Du schämst dich für mich.« »Nein, Mimmi, ich schäme mich überhaupt nicht für dich. Aber da du eine Maus bist …« »Ich zieh ein weites Hochzeitskleid an. Dann merkt er es nicht.« »Na schön«, geb ich nach, »wenn du unbedingt meinst …« »Juhu«, quietscht sie da.

Ich sollte gleich los. Abends um neun! Trauringe kaufen. Damit wir am andern Tag heiraten können. »Mimmilein«, sag ich, »um diese Zeit haben die Geschäfte geschlossen.« »Aber dann morgen!« Doch am Morgen kommt meine Cousine. Blaues Auge, geschwollene Backe. »Was ist dir denn passiert?« »Das fragst du auch noch«, faucht sie mich an und zieht die Lippe zurück. »Dir fehlt ja ein Zahn.« »Dir fehlt ja ein Zahn«, äfft sie mich nach. Was sie bloß will? Irgendetwas führt sie im Schild. Ich kenne das Aas. »Was liegt da für ein Hund auf der Straße?« »Vom Nachbarn.« »Vor deiner Tür abgelegt?« »Tatsächlich«, sage ich, »ist ja unglaublich!« »Finde ich auch.« Sie sieht sich misstrauisch um. Und da zieht sie auch schon Mimmis Brautkleid hervor. Schwenkt es in der Luft. »Spielst du mit Puppen?« »Grit«, sage ich, »leg bitte das Kleid wieder hin. Das Kleid ist mir heilig. Es hat meiner Tante gehört.«

Nach ihrem Besuch war Mimmi am Boden zerstört. Jetzt hat sie sich wieder gefangen. Doch verängstigt ist sie noch immer. »Die Kanaille«, piepst sie, »hat was gerochen. Mach dich auf die Socken! Sonst wirft sie uns noch einen Knüppel zwischen die Beine. Avanti!« Ich setze den Hut auf und stürze hinaus. Das Juweliergeschäft hat geöffnet. Ein sehr schöner Laden. Uhren und Schmuck. Alles blinkert und blitzt. Und der Juwelier ein Herr alter Schule. »Ihre Trauringe wünschen Sie sicherlich mit Brillanten.« »Natürlich.« »Was für eine Ringgröße hat ihre Braut?« »Ungefähr so.« »Zarte Finger. Sehr zarte Finger. Allerzarteste Finger. Ich befürchte, dass wir diese Größe nicht haben.« »Dann nehme ich den.« »Ausgezeichnete Wahl. Ihre Braut wird sich freuen. Ich wünsche viel Glück für die Ehe. Beehren sie uns wieder.«

Nun stand der Hochzeit nichts mehr im Weg. Blauer Himmel. Ein herrlicher Tag. Trauzeugen, Gäste. Mimmi mit weißen Handschuhen und Schleier. Ihr Brautkleid mit großer Schleife und endloser Schleppe. Ich mit Frack und Zylinder. »Ja«, piepst sie glücklich. Ich stecke ihr den Ring übers Pfötchen. Der Standesbeamte kratzt sich hinterm Ohr. Denkt wohl, ich bin für Mimmi zu groß. Die Cousine liegt mit Gallenkolik darnieder. Eine riesige Torte. Champagner und Wein. Keiner stirbt. Ein glücklicher Tag. Und Mimmi die glücklichste Maus auf der Welt. Im Osten wird es schon hell. »Komm, Mimmilein, wir gehen zu Bett. Ich bin hundemüde.« »Nur noch ein Schlückchen.« »Mimmilein, du hast einen Schwips.« »Hihihihi.« Ich zieh ihr das Kleid übern Kopf. Sie macht mir die Schnürsenkel auf. Ich kraul ihr das Fell. Sie knabbert mir am Ohr. »Ich hab dir doch gesagt, dass keiner es merkt.« »Aber der Standesbeamte hat kurz gezögert.« »Hör mir auf mit Beamten. Ich habe fünf Stück vergiftet.«

Ludwig Lugmeier, geboren 1949 in Kochel am See in Oberbayern, lebt seit 1996 als freier Autor in Berlin. Veröffentlichte Romane, Gedichte, Erzählungen, Rundfunkfeatures, Reportagen und Essays, zuletzt 2017 »Die Leben des Käpt’n Bilbo. Faktenroman« (Verbrecher-Verlag).

An dieser Stelle erschien von ihm in der Ausgabe vom 17./18. November der Essay »Im Rhythmus der Maschinengewehre« über Edlef Köppens »Heeresbericht«.

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